Was haben Kirchen, Sportvereine und Parteien gemeinsam? Es mangelt ihnen vielfach an Mitstreitern. Berlins Regierungschef vermisst eine längerfristige Bindung der Menschen an gesellschaftliche Gruppen. Dabei sei durchaus politisches Interesse vorhanden.

Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) stellt sich in vier Wochen erstmals zur Abgeordnetenhauswahl. Dabei kann er sich deutlich weniger auf Stammwähler verlassen als seine Vorgänger, wie er meint. Was sich in der Hauptstadt verändert hat - und was das für die Auseinandersetzung mit der rechtspopulistischen AfD bedeutet, erläutert er im Interview.

Berlin wächst jedes Jahr um eine ganze Stadt. Verändert der Zuzug die politische Stimmung in der Hauptstadt?

Mein Eindruck ist, dass Berlin durch den Zuzug auch mit anderen Themen konfrontiert wird. Vor 15 Jahren war die politische Diskussion noch von der Frage geprägt, wie die Stadt zusammenwächst. Das Ost-West-Thema war stärker im Fokus.
Inzwischen hat sich Berlin positiv verändert, ist zusammengewachsen und wir haben andere Herausforderungen.

40.000 Menschen kommen jedes Jahr nach Berlin, auch aus anderen Bundesländern und mit einer anderen Erwartungshaltung. Für sie ist Ost-West nicht mehr das Thema, sondern die Frage, wie es mit bezahlbarem Wohnraum weitergeht, mit Bildungsangeboten, mit Berlin als Stadt der Kultur, der Internationalität.

Das Interesse für Politik scheint in der Bevölkerung immer weiter zu schwinden .

Das sehe ich anders. Wir hatten bei den letzten Landtagswahlen eine stärkere Wahlbeteiligung, die sich leider auch positiv für die AfD ausgewirkt hat. Erschreckend ist aber, dass Menschen zunehmend weniger bereit sind, sich jenseits von tagespolitischen Aufgeregtheiten längerfristig zu binden. Das spüren nicht nur Parteien, sondern auch Kirchen, Gewerkschaften, Sportvereine, soziale Organisationen.

Sie haben überall das Problem, Aktive zu gewinnen, die sich dauerhaft solidarisch in einer Gemeinschaft bewegen, sich wählen lassen, Verantwortung übernehmen, sich jenseits von Aufgeregtheiten und Problemen über Jahre engagieren. Auch die Selbstverständlichkeit, bei einer Partei zu bleiben, ist weg. Dadurch entstehen sehr schnell neue Regierungskonstellationen. Da hat sich gesellschaftlich etwas verändert.

Inwieweit gehört die AfD zu dieser dauerhaften gesellschaftlichen Veränderung? Wie gehen Sie in die Auseinandersetzung?

Ich gehe Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg und versuche, die AfD sowohl in den einzelnen kommunalpolitischen Themen zu stellen wie in der Frage der Überschriften. Wie wollen wir eigentlich zusammenleben in unserer Gesellschaft? Da unterscheidet uns sehr viel.

Der Kern der Auseinandersetzung ist, welchen Weg Berlin in Zukunft einschlagen soll. Bleiben wir die Stadt der Offenheit und Internationalität, oder nicht? Das ist nicht nur eine Haltungsfrage, sondern hat auch ganz konkret Auswirkungen in der Wirtschaftspolitik, in der Ansiedlung von Unternehmen und der Schaffung von Arbeitsplätzen, mit gelingender oder misslingender Integrationspolitik.

Das Gespräch führten Theresa Münch und Kirsten Baukhage (dpa).