Berlins Swing-Szene trifft sich schon mal an ungewöhnlichen Orten, um dort dem akrobatischen Tanz der 20er- und 30er-Jahre nachzugehen: Lindy-Hop unterm Elchgeweih

Fast wäre Melanie Lohwasser mit ihrem Kopf gegen den Elch geknallt. Zeit, um sich zu sammeln hat die 40-Jährige nicht. Denn prompt greift ihr Tanzpartner nach ihren Hüften und dreht sie um die eigene Achse. Ihre Haare flattern, ebenso das blaue Kleid mit den weißen Punkten. Die beiden tanzen Lindy-Hop - einen akrobatischen, ausladenden Swing-Tanz. Dafür braucht es neben Taktgefühl vor allem gute Beinarbeit: Die Füße schrubben über den Boden, fliegen von links nach rechts, ab und an hopsen die beiden in die Luft. Danach verringern sie das Tempo, schnipsen mit den Fingern und geben wieder Vollgas. Eine Handvoll Pizza essender Gäste wundert sich über das Tanzpaar. Dabei ist das kein ungewöhnlicher Anblick in Ron Teleskys Canadian Pizza auf der Dieffenbachstraße in Kreuzberg. Denn hier wird schon seit vier Jahren Swing getanzt.Der ungewöhnliche Imbiss hat seinen Namen einem großen Elchkopf an der Wand zu verdanken. "Ich habe das Monstrum ersteigert. Ein gewisser Ron Telesky hat ihn ausgestopft, also habe ich meinen Laden auch so genannt", sagt Sebastian Hunold.Der 36-Jährige betreibt den kleinen Laden mit seinen außergewöhnlichen Pizza-Kreationen und Partyabenden. Damals kam Melanie Lohwassers Tanzpartner Jörg Heidemann hungrig in die Pizzeria, gab seine Bestellung auf und schaute sich im Laden um. Er sah Baumstämme, die als Sitzgelegenheiten dienen, alte Skier, die in einer Ecke stehen, eine Gitarre als Wand-Deko sowie eine Plattenkiste. "Ich habe mir die Plattensammlung angeschaut. Da waren Schätze drin, aber alles vollkommen unsortiert", erinnert sich Heidemann. Also schlug der 48-Jährige dem Wirt eine wöchentliche Swingparty vor. Von Beginn an entpuppte sich die Idee als Erfolg, seit einiger Zeit wird zweimal im Monat - am ersten und dritten Sonnabend - getanzt. Jörg Heidemann, auch als DJ Impulse bekannt, legt auf und tanzt mit. Platz ist nur für fünf bis sechs Paare.Bedeutend mehr Menschen treffen sich sonntagnachmittags beim "Swing im Pool" in der Tentstation, einem stillgelegten Freibad am Poststadion unweit vom Hauptbahnhof, das seit 2006 als Campingplatz genutzt wird. In einem leeren Becken, umgeben von Startblöcken, Sprungtürmen und einem Bademeisterhäuschen, tanzen einmal pro Monat bis zu 200 Menschen. Auch hier legt Heidemann auf. Noch, muss man sagen. Die Tentstation ist in ihrer letzten Saison, danach will ein Investor dort eine opulente Wellnessanlage bauen.Jenseits des BallhausesAls DJ hat Jörg Heidemann eine eigene Note entwickelt. "Ich spiele alles mit afroamerikanischen Wurzeln - Blues, Swing, Soul, Funk und HipHop", sagt er. Er hat für Musiklabels im Vertrieb gearbeitet, danach einen eigenen gegründet und ist heute beim Verband unabhängiger Musikunternehmen beschäftigt. Vor vier Jahren ist er mit Swing in Berührung gekommen, als er einen in einer Musikschule einen Tanzkurs absolvierte. "Die Musik dort hat mir aber nicht so gepasst. Also habe ich mich ins Genre eingearbeitet", erzählt er. Seitdem ist er in der Swing-Szene aktiv.Und hat sie in dieser Zeit überraschend erweitert. So hat DJ Impulse inzwischen auch die Macher vom Horst Krzbrg für sich gewinnen können: Im Winter tanzen dort einmal pro Monat bis Mitternacht rund 150 Leute zu Swing-Klängen, ehe die Elektro-Meute den Club bevölkert.Dahinter steckt ein Plan von Jörg Heidemann. "Ich wollte von Anfang an, dass der Swing aus den Ballhäusern herauskommt", sagt er. Genau dort nämlich waren die Tänze wie Lindy-Hop, Charleston und Balbao ursprünglich zu Hause: Lindy Hop - Urvater späterer Tänze wie Balboa, Charleston, Shag, Jitterbug, Boogie Woogie oder auch Rock'n'Roll - wurde in den 20er-Jahren von Schwarzen im New Yorker Stadtteil Harlem geprägt. Rasch begeisterte der schwungvolle Tanz auch Weiße und etablierte sich schließlich in den 30er-Jahren in führenden Ballrooms der Stadt wie Savoy und Cotton Club. Plötzlich zählte nicht die Hautfarbe, nur die Bewegung. Zu jener Zeit schwappte er auch nach Europa über, faszinierte die Menschen eine Weile, um dann in Vergessenheit zu geraten.Trendsetter einer Renaissance in Berlin ist seit fünf Jahren die populäre Partyreihe "Bohème Sauvage", bei dem die Gäste in möglichst originalgetreuer 20er-Jahre-Kleidung kommen. "Dort steht das Verkleiden im Vordergrund, bei uns geht es um die Musik und ums Tanzen", sagt Jörg Heidemann.------------------------------Swinging BerlinSwing im Pool: Tentstation. Seydlitzstraße 6, Tiergarten. 14. und 28. August (Beginn jeweils 17Uhr)swing and balboa @ ron telesky's Pizza: Ron Telesky's Canadian Pizza. Dieffenbachstr. 62, Kreuzberg. Jeden ersten und dritten Sonnabend im Monat (18-22 Uhr).Balboa Swing Club: Chez Heiner. Weserstraße 58, Neukölln. Jeden Mittwoch um 21.30 Uhr.Swing-Übungsabend: Tanzbar - Tanzschule für Swing. Rudolfstraße 1-8, Friedrichshain. 22. und 29. August, jeweils um 21.15Uhr.Veranstaltungskalender: Swingpartys und Adressen in Berlin im Internet unter www.swinginberlin.de------------------------------Foto: Ron Telesky's Canadian Pizza (links) in Kreuzberg ist eine der Keimzellen der Swing-Bewegung jenseits traditioneller Ballrooms. Und Jörg Heidemann (oben) ist einer ihrer Protagonisten. Der 48-Jährige, am Plattenteller nur DJ Impulse, hat dem altbekannten Tanzstil ganz neue Orte in der Stadt erschlossen. Originalgetreue Kleidung spielt dabei keine Rolle, gute Musik umso mehr.