OSAKA. Vielleicht ist es gar nicht Tyson Gay, an den sich die Menschen erinnern werden. Vielleicht wird irgendwann Bernard Lagat als Gesicht dieser Weltmeisterschaften gelten. Lagat, der Weltenbürger. Geboren und aufgewachsen in Kenia, seit zehn Jahren in den USA lebend, seit drei Jahren mit einer amerikanischen Staatsbürgerschaft ausgestattet, teilweise beheimatet im beschaulichen Tübingen. Einmal des Epo-Dopings bezichtigt und, ausgerechnet vom scharfen Dopingjäger Werner Franke mit Expertisen unterstützt, wieder rausgepaukt aus dem Schlamassel. Was ist das nur für eine Geschichte.Würde jemand einen Preis vergeben für den bescheidensten, höflichsten Weltmeister 2007, Bernard Lagat käme als Kandidat zweifellos in Frage. Dieser Mann, der als erster Läufer bei einer WM die 1 500 und die 5 000 Meter gewann (bei Olympia schafften das 1924 der Finne Paavo Nurmi und 2004 der Marokkaner Hicham El Guerrouj), beeindruckt nicht nur bei seiner Arbeit. Lagat hat eine Aura, er hat Humor, Charakter und, wahrlich nicht selbstverständlich für einen, nun ja, US-Leichtathleten: Er ist jederzeit höflich und gefasst. Auf Pressekonferenzen beantwortet Lagat keine Frage, ohne sich nicht zunächst beim Fragesteller bedankt zu haben. Stets sitzt er aufrecht da, mit wachem Blick. Er kann gar nicht anders, als seinen Gesprächspartnern freundlich in die Augen zu sehen.Der 32 Jahre alte Lagat sorgte auch für einen der rührendsten Pressetermine in Osaka, als er nach seinem Sieg über 1 500 Meter mit seinem anderthalbjährigen Söhnchen Mikka erschien. Der Kleine, der immer mal ins Mikrofon brabbelte, trug ein gelbes Trikot, auf dem für alle Fälle notiert war: LAGAT. Am Sonntag, als Papi nun auch über 5 000 Meter gewann, war Mikka auch wieder da, blieb diesmal aber bei seiner japanischen Betreuerin.Bernard Lagat (USA) bezwang Eliud Kipchoge (Kenia), so steht es im Ergebnisprotokoll. Tatsächlich aber lief der Nadi Lagat vor dem Nandi Kipchoge ins Ziel. Beide sind nicht nur vom selben Stamm, sie kommen sogar aus dem selben Dorf, aus Kaptel im Rift Valley. Da musste Lagat lachen: "Nicht ich und Eliud haben Gold und Silber gewonnen, sondern mein Dorf." Vorher hatte er gesagt, "nun ja, das ist auch eine amerikanische Medaille". Und oben auf der Tribüne saß Helmut Digel, Councilmitglied des Weltverbandes IAAF, und rief beim Endspurt begeistert: "Bernard! Tübingen gewinnt die zweite Goldmedaille! Am Dienstag feiern wir!"Bernard Lagat lebt mehrere Monate im Jahr in Tübingen, wo sein Manager einige Läufer zusammengebracht hat. Die Familie Lagat fliegt von Osaka auch nicht etwa in die USA, sondern nach Stuttgart. Von da geht es mit dem Auto nach Tübingen, wo am Dienstagabend der Bürgermeister zum Empfang ins Rathaus lädt. Die Frage ist nur, wer bezahlt. Digel meinte: "Bernard gibt einen aus. Das ist eine nette Geste." Lagat staunte: "Was? Ich dachte, ich bin vom Bürgermeister eingeladen." Auch das wird sich klären. Bernard Lagat hat schon andere Probleme überwunden.------------------------------Foto: Die liebe Verwandtschaft: Bernard Lagat (M.) und Eilud Kipchoge (r.).