Es ist kein Tag wie jeder andere im brandenburgischen Gröben, einem 30-Seelen-Ort bei Ludwigsfelde. Schon früh am Morgen herrscht auf dem Dorfplatz rege Betriebsamkeit: Scheinwerfer werden aus dem weißen ORB-Truck geladen, der zusammen mit der fahrenden Kantine die Hälfte des Dorfangers einnimmt. Fingerdicke Kabel führen ins hübscheste Haus am Platze, ein solider Backsteinbau, in dem heute eine Verhörszene für die Folge "Kurzer Traum" der Krimiserie "Polizeiruf 110" gedreht werden soll.Distanziert registrieren die Dorfbewohner die Aktivitäten des Teams um Regisseur Bernd Böhlich, und erst als Inge Meysel auftaucht, werden Hände geschüttelt, Freundlichkeiten ausgetauscht, Komplimente gemacht: "Ick seh immer ihre Filme im Fernsehen." Über ihre Nebenrolle als Großmutter Kulick in Böhlichs Bauern-Krimi sagt die Meysel: "Es ist eine kleine Rolle in einer einfachen Geschichte über das Leben."Der Film spielt im Oderbruch, wo Otna Kulicks Onkel Armin (Dominique Horwitz) einen toten rumänischen Flüchtling und dessen trauernde Frau Lilja findet. Der schüchterne Armin sehnt sich schon lange nach einer Frau und versteckt die verzweifelte Witwe kurzerhand in der heimischen Scheune. Um sein Geheimnis nicht preiszugeben, verwickelt er sich gegenüber Kommissarin Voigt, die den Tod des Rumänen aufklären will, in Widersprüche.Er wird Hauptverdächtiger in einem Mordfall, der mit einer Fehde zwischen den Kulicks und der reichen Familie Goertz im Zusammenhang zu stehen scheint und in dem auch Armins Bruder Gerd eine zwielichtige Rolle spielt. Bewußt legte Grimme-Preisträger Bernd Böhlich seine Geschichte im kargen ländlichen Milieu Brandenburgs an. Millionen von Zuschauern - nicht nur in den neuen Bundesländern - so Böhlich, fühlten sich durch allzu großstädtische Krimiszenarien, vorwiegend mit Mord und Totschlag in feudalen Altbauwohnungen oder entführten Millionärskindern, nicht mehr angesprochen. Sie verlangen nach klaren Beziehungen bei den Figuren, wofür in "Kurzer Traum" gesorgt ist.Denn neben dem Flüchtlingsdrama ist das eigentliche Thema des kammerspielartig angelegten Krimis (aus der Feder der Berliner Autorin Scarlett Kleint) ein Familienstreit, der in der Verleumdung des Bruders durch den Bruder gipfelt. Eine Tragödie, die laut Armin-Darsteller Dominique Horwitz durch ihren ebenso liebenswerten wie bäuerlich-naiven Protagonisten auch etwas unfreiwillig Komisches erthält.Dem "Polizeiruf" ist es nach Böhlichs Meinung in den letzten Jahren gelungen, seinem großen Konkurrenten "Tatort" gegenüber an Profil zu gewinnen. Dafür sprechen die konstant hohen Einschaltquoten der Serie von etwa 10 Millionen Zuschauern. Der Grund für den Erfolg liege allerdings weniger im vermeintlichen Anspruch der Serie, dem ehrwürdigen ARD-Zugpferd einen "Ost-Tatort" entgegenzusetzen, als in der einfachen Absicht der "Polizeiruf"-Regisseure, mit ihren Filmen lebensnahe und menschliche Geschichten zu erzählen. Helfen sollen Böhlich dabei hochkarätige Darsteller: Neben der "Wunschkandidatin" Inge Meysel - in ihrem dritten "Polizeiruf"-Krimi übrigens erstmals nicht als Oma Kampnagel - und Dominique Horwitz spielen noch Rolf Hoppe als Kulick-Gegenspieler Goertz und Katrin Saß als Kommissarin Voigt mit. Als Sendetermin des Krimis ist der 1. Dezember 1996 vorgesehen. +++