BARCELONA, 23. Juli. Eigentlich, sagt Bernd Henneberg, möchte er nicht mehr über die alten Zeiten reden. Er hat vor drei Jahren mal ein Interview gegeben, in dem es hieß: "Wir hatten einen Stempel auf der Stirn. Da kann man sich noch so viel Mühe geben, die Vergangenheit holt einen immer wieder ein. Ich kann das nicht mehr akzeptieren. Die Sache ist abgeschlossen." Von wegen. Immer wieder wird er danach gefragt. Zumal an diesem Ort: Im Freibad auf dem Montjuic gewann Dagmar Hase am 28. Juli 1992 überraschend die olympische Goldmedaille über 400 Meter Freistil. Gleich nebenan, im Palau Sant Jordi, gewann Antje Buschschulte am 22. Juli 2003 die Weltmeisterschaft über 100 Meter Rücken. Die Arenen liegen einen Steinwurf voneinander entfernt. So nah und doch so fern. Bernd Henneberg, der Schwimmtrainer aus Magdeburg, stellt die Siege von Hase und Buschschulte auf eine Stufe. Beide gingen ihm sehr nah. Mit den Worten "Trainer, Sie heulen ja!" schloss Buschschulte ihn am Dienstag in die Arme. Der Coach, fast einen Kopf kleiner als die Athletin, ist durchaus nah am Wasser gebaut. Es gibt indes einen gewaltigen Unterschied zwischen den Jahren 1992 und 2003: Vor elf Jahren war er nur als Tourist in Barcelona, auf der Tribüne saß er, "an der Wendenseite, hinten rechts". Heute steht er da, wo er sich zu Hause fühlt: am Beckenrand. Spießrutenlauf"Das war schlimm damals", sagt Henneberg, "ganz schlimm." Was war das für eine bizarre, tragische olympische Geschichte. Erst die Sensation, als Hase die Weltrekordlerin Evans schlug, dann der Eklat. Im Fernsehstudio brach es aus Dagmar Hase heraus, sie widmete den Sieg ihrer besten Freundin Astrid Strauß, die wegen eines Dopingvorfalls daheim bleiben musste. "Wie ein Tier" sei Strauß behandelt worden. "Jetzt müssen Köpfe rollen", forderte Hase martialisch. Wenn der Ost-West-Konflikt im deutschen Sport ein hässliches Bild hinterlassen hat, dann waren es die Szenen von der Olympiaqualifikation ein paar Wochen zuvor in München. Ein wahrer Spießrutenlauf: Henneberg geleitete Astrid Strauß am lärmenden Publikum vorbei aus der Halle, verfolgt von aufdringlichen Kameras. Daran dachte damals auch Hase, als sie im ersten Interview nach ihrem Olympiasieg zu weinen begann. In Barcelona jagte eine Krisensitzung die nächste. Manche Funktionäre wollten Hase nach Hause schicken. Zwei Tage später trat Harm Beyer zurück, der Antidoping-Beauftragte des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), der nach all den Wirrungen so instinktlos und eitel gewesen war, die Siegerehrung vorzunehmen und Hase die Goldmedaille zu überreichen. Henneberg hat sich nun aufmerksam umgeschaut am alten olympischen Becken. "Ich musste das unbedingt noch einmal sehen." Die Vergangenheit holt ihn doch immer wieder ein. "Das ist die Realität, damit muss man leben."Ein halbes Jahr nach den Vorfällen von Barcelona sprach Henneberg vor der Antidoping-Kommission des deutschen Sports über seine Tätigkeit als Schwimmtrainer in der DDR. "Ich habe nichts verdrängt", sagt er. "Es gab Kollegen, die da saßen und erklärten, es habe kein Doping gegeben, was ich blödsinnig fand." Es vergingen noch ein paar Jahre und viele bittere Stunden, bis Henneberg seinen Strafbefehl wegen Dopings akzeptierte. Nach Zahlung einer Geldbuße wurden die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dann eingestellt. "Nun", sagt Henneberg, "will ich auch mal meine Ruhe haben."Er braucht diese Ruhe. Henneberg ist ein nüchterner, friedlicher Mensch. Er spricht so leise, dass man ihn oft kaum versteht. Er nuschelt ein bisschen, wie fast jeder Anhaltiner. "Die Harmonie muss gegeben sein", sagt er. "Es liegt wohl in meinem Naturell, dass ich mich nicht ewig aufreiben möchte." Die Arbeit macht ihm wieder Spaß. "Ich fahre in Trainingslager und zu Wettkämpfen mit einer gewissen Freude", formuliert er bedächtig. Henneberg teilt diese Gefühle mit alten Freunden. Etwa mit Norbert Warnatzsch aus Berlin, der in Barcelona nur deshalb fehlt, weil er sich mit Franziska van Almsick auf einen WM-Verzicht festgelegt hat. Henneberg, Jahrgang 1945, und Warnatzsch, Jahrgang 1947, haben vor mehr als dreißig Jahren ihre Trainerkarriere mit fünften Klassen an Kinder-und-Jugend-Sportschulen begonnen. "Ich beim SC Chemie Halle, er beim SC Dynamo Berlin", sagt Henneberg. Er nennt Warnatzsch bei seinem Spitznamen: Kelly, nach dem Autor von Groschenheften, die sich die beiden von ihren ersten Westreisen mitgebracht haben. Gemeinsame WegeManchmal trainiert auch van Almsick, die in Magdeburg und Berlin wohnt, bei Henneberg in der Elbeschwimmhalle. Man kennt sich schon lange. Man schätzt sich. Man hat eine gemeinsame Geschichte, mit allen Höhen und Tiefen. Auch Warnatzsch hat vor einigen Jahren einen dieser Strafbefehle akzeptiert. Spätestens seit der glamourös verlaufenen EM 2002, als van Almsick zwei Weltrekorde schwamm, wird Warnatzsch in der Öffentlichkeit wieder akzeptiert. Im Jahr darauf ist sein Freund Henneberg zurückgekehrt ins Rampenlicht. "Unsere Erfolge hatten ja lange immer diesen Touch des Dopingvorwurfs und, na ja, der Stasi", sagt Bernd Henneberg. "Das ist ja nun aus der Welt, zumindest offiziell." Henneberg ist ein stiller Genießer. "Genugtuung? Nein, das wäre nicht das richtige Wort. Es ist mir eher eine Motivation." Er kann gar nicht anders, nach so vielen Jahren Hochleistungssport. Buschschulte kann bei der WM noch zwei Titel gewinnen (100 Meter Freistil, Lagenstaffel), doch Henneberg denkt schon ans kommende Jahr, an die Olympischen Spiele in Athen. Er spricht vom Höhentrainingslager, das er gemeinsam mit seinem Kollegen Roland Böller aus Erlangen und der nun viermaligen Weltmeisterin Hannah Stockbauer plant. Henneberg und Böller sind in unterschiedlichen Systemen aufgewachsen und gehören verschiedenen Generationen an. Henneberg ist 57, Böller 32. Doch sie verfolgen gemeinsame Wege zum Ziel. Gemeinsame Wege. Diesen Satz kann man einfach so stehen lassen und sich daran erinnern, wie viel bitterbösen Streit es gegeben hat in diesem jahrelang von Chaoten regierten DSV. Wie viele heimtückische Attacken aus Ost und West, wie viel Gehässigkeit. Natürlich, Henneberg trägt noch seinen Stempel auf der Stirn, doch der Abdruck ist verwischt: "Manche sehen ihn noch, manche nicht."Was Ost und was West ist in diesem Verband, wird immer schwerer zu orten. Henneberg etwa lobt die Arbeit des Teamchefs Ralf Beckmann, "der eine Mannschaft führen kann und auch versucht, die zwischenmenschlichen Beziehungen zu ordnen". Antje Buschschulte kam 1996 als Abiturientin aus Lübeck nach Magdeburg. Sie war eine der ersten Westsportlerinnen, die in den Osten wechselte. Vier Jahre später verschwand sie, ging über Halle nach Wuppertal, und Henneberg hat den Fortgang akzeptiert. Sie hat zwischendurch immer mal Rat geholt in Magdeburg. Henneberg half wo er konnte, obwohl es in seinem Umfeld einige gab, die der Abtrünnigen zürnten. Seit Anfang 2003 ist sie wieder da, studiert Neurobiologie, trainiert bei Henneberg, lobt dessen Erfahrungsschatz und preist gleichzeitig die Resultate der Arbeit mit dem vorherigen Coach in Wuppertal, der ihre athletischen Grundlagen verbessert habe. Henneberg sagt Sätze, die man von Trainern der alten Schule vor Jahren noch nicht gehört hat. "Antje hat das Training lange Zeit voll dem Trainer überlassen. Sie hat es ausgeführt, hat die Anweisungen entgegengenommen, aber nicht gedanklich verarbeitet. Jetzt hat sie es geistig übersetzt." Und Antje Buschschulte, die Weltmeisterin, formuliert in einem ganz schlichten Satz ihre Freude: "Herr Henneberg ist ein sehr, sehr lieber Mensch."CAMERA 4/EBERHARD THONFELD Von der Tribüne zum Beckenrand: Bernd Henneberg, zurück in Barcelona.AP/LIONEL CIRONNEAU Nah am Wasser: Henneberg-Schülerin Antje Buschschulte, Weltmeisterin.

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