Bernd Rabehl, ehemaliger Studentenrebell und heute Soziologie-Professor, verteidigt vor früheren Genossen seinen Rückzug in die nationale Nische: "Oh, das ist ja LTI-Sprache"

BERLIN, im März. Also von Bernd wolle er zunächst einmal wissen, sagt Peter, ob er wirklich finde, daß Rudi ein Nationalrevolutionär gewesen sei. Aber eventuell sei das, ruft ein älterer Herr in die Runde, die fast ausnahmslos aus älteren Damen und Herren besteht, auch "scheißegal". Denn der Rudi sei tot, nicht aber der Bernd, und deshalb solle der Bernd jetzt mal nur über sich selber sprechen, nicht über den Rudi. Zu diesem Zeitpunkt hat Bommi "den Hals von dem Geeier hier schon bis zur Kanne voll" und plant den Abgang: "Die Scheiße bringt doch nichts." Peter sagt: "Also Bernd, du solltest dann auch etwas dazu sagen, ob es nationale und revolutionäre Synergien gibt und schließlich, was heute unsere Freunde und unsere Feinde sind."Etwa 40 Augenpaare richten sich auf Professor Bernd Rabehl, der an diesem Freitag abend im Hinterzimmer der alternativen Kreuzberger Kunst-Galerie "open space" seinen vermutlich letzten Auftritt vor den alten Genossen zelebriert. Dem ehemaligen Studentenrebellen und Weggefährten Rudi Dutschkes wird vorgeworfen, die Ziele der Kulturrevolution von 1968 an die "Neue Rechte" verraten und sich als Büttel des Rechtsextremismus verdingt zu haben. Von den Berliner Veteranen des längst dahingegangenen Sozialistischen Studentenbundes (SDS) zur Rechtfertigung einbestellt, wird von Rabehl, inzwischen 60 Jahre alt und Professor für Soziologie an der FU Berlin, sein letztes Plädoyer erwartet in eigener Sache.Vor wenigen Wochen war hier ein anderer Veteran der Revolte, das RAF-Gründungsmitglied Horst Mahler, nach scharfer Diskussion des Raumes verwiesen worden. Auch ihm hatte die Versammlung nationalistisches, rassistisches und antisemitisches Denken zur Last gelegt. Nicht, weil er sich in den 60er Jahren in einem Palästinensercamp zur Tötung von Juden hatte ausbilden lassen; die SDS-Veteranen erregten sich vielmehr über Mahlers Aufruf zu einer "nationalen Sammlungsbewegung" gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, die die drohende "Überfremdung" abwehren solle. Mahler: "Das Fremde ist das Salz in der Suppe aber wer mag versalzene Suppe." Rabehl hat zwar zu gar nichts aufgerufen, aber eine Rede hat er gehalten. Vermutlich wäre sie nicht weiter beachtet worden, hätte er sie erstens nicht ausgerechnet der schlagenden Burschenschaft "Danubia" vorgetragen und wäre sie zweitens nicht im Zentralorgan der Rechtsradikalen, der "Neuen Freiheit", nachgedruckt worden. Letzteres dürfte kein Zufall gewesen sein, denn Rabehls Fluch der "politischen Überfremdung" und seine Klage über die "Zersetzung der nationalen Identität" hätte ein Rechtsradikaler vielleicht besser, kaum aber klarer formulieren können.Noch markanter war die Behauptung Rabehls, Rudi Dutschke und er hätten die 68er Revolte immer schon als Ausdruck der ungelösten deutschen Frage betrachtet und in ihrer Solidarität mit Vietnam die "Ziele einer nationalen Befreiung auf Deutschland übertragen". Die Che-Guevara-Komitees, die Belagerung des Axel-Springer-Hauses, der Protest gegen den Schah-Besuch wären demnach nichts anderes als die Antwort auf die deutsche Frage gewesen, die vermeintliche Kulturrevolution nur eine nationalistische Revolte? Die SDS-Veteranen sahen sich um ihre Geschichte betrogen und bliesen zum allerletzten Gefecht gegen Bernd Rabehl.Natürlich hat Detlef schon vorher gewußt, daß der Bernd mal wieder eine seiner "Nebelkerzen" werfen würde. Deshalb ist er gar nicht überrascht, als Bernd Rabehl sein Plädoyer mit einem kleinen Exkurs über den Arbeiteraufstand in Ost-Berlin am 17. Juni 1953 eröffnet. Er und Dutschke seien "Abhauer" gewesen: "Unser Umdenken lief über die Mauer und die nationale Frage." Für den Rudi sei 68 eine Niederlage gewesen, danach habe er versucht, an die nationale Frage anzuknüfen. Und auch er selbst, Bernd Rabehl, sei überhaupt nur in den SDS gegangen, "weil ich dazu beitragen wollte, das Land vom Imperialismus zu befreien".Was nun den Nationalismus-Begriff betreffe, so sei zu differenzieren zwischen dem Denken Otto Bauers und Mao Tse Tungs, Kurt Schumachers und Rudi Dutschkes. An dieser Stelle meldet sich eine rothaarige Frau zu Wort: "Bernd, du bist ein rassistisches Arschloch." Dieser Zwischenruf markiert eine Zäsur, denn Bernd Rabehl wendet sich nun dem Anlaß seines heutigen Auftritts zu. Also mit dem Abdruck seiner Rede in der "Neuen Freiheit", das sei so gewesen: Der Horst Mahler habe ihn gebeten, seine Rede vor der "Danubia" mal aufzuschreiben, und da habe er, Bernd Rabehl, halt seine Notizen genommen und sie nachträglich aufgeschrieben, sozusagen "nach meinem Vor-Urteil, also vor der Reflexion, mit Hegel gesagt nach dem gesunden Menchenverstand". Und als er dann fertig gewesen sei mit seiner Niederschrift, da habe er gemerkt: "Oh, das ist ja LTI-Sprache, die Sprache des Dritten Reichs."Die Beschreibung seiner Überraschung muß Rabehl unterbrechen, als Bommi Baumann, vormals Terrorist, zur Diskussion ermuntert: "Bernd, du bist ein rassistisches Schwein. Du hättest deine Rede widerrufen können, du hast sie nicht widerrufen. Ist doch alles scheißegal." Bernd Rabehl sagt noch viel an diesem Abend. Er sagt, vielleicht müsse er manches klarer formulieren. Aber zu widerrufen gebe es nichts.