Ein Weltstar geht in Raten. Die Wahrscheinlichkeit, daß der 35jährige Bernd Schuster noch einmal für Bayer Leverkusen auflaufen wird, ist äußerst gering. Der Streit zwischen dem einst genialen Spielmacher und seinem Trainer Erich Ribbeck hat tiefe Gräben aufgerissen.Es war wie im Film. Selbst Erich Ribbeck, dem "Sir", war es zuviel. Auf dem Rasen des Stendaler "Hölzchens" blamierten sich seine hochbezahlten Stars so gut sie konnten. Allen voran Bernd Schuster, der seit vielen Jahren als "blonder Engel" firmiert. Zuschauer aus der Altmark, in Scharen zum Pokalspiel gekommen, riefen mit viel Mutterwitz in Richtung "Sir Erich": "Schuster für Deutschland!" Ribbecks Zeichen Der drehte sich kurz um und deutete per Hand ein Zeichen an, was soviel wie "Ihr habt doch nicht alle" bedeutet Schusters lustloser Auftritt über 120 Minuten plus verwandeltem Strafstoß wird wohl in die Historie eingehen. Es war wahrscheinlich sein Letzter im Trikot mit der "Talcid-Werbung".Der Bruch zwischen Trainer Erich Ribbeck und seinem Pässegeber war innerlich schon vollzogen. Nach dem Pokal-"Ausflug" von Bayer in Richtung Altmark, der mit der hastigen Flucht Richtung Flugplatz Borstel endete, überschlugen sich die Ereignisse. Schuster hatte seinen Anwalt ein fünfseitiges Schreiben aufsetzen und übergeben lassen. An Manager Calmund, an Fußball-Boß Kurt Vossen und den Bayer-Sport-Allmächtigen Jürgen von Einem. Es soll ein unverschämter Forderungs-Katalog sein mit gewaltigen Breitseiten gegen den Trainer und unglaublichen finanziellen Vorstellungen im Falle einer Trennung. Schusters Frau Gabi, die schon immer in Sachen Vertragsverhandlungen die Hosen im Hause Schuster anhatte, steht hinter dem neuesten Coup. Geredet haben in den zurückliegenden 36 Stunden viele miteinander. Manager Calmund, genervt wie lange nicht (er hatte sowohl Schuster als auch Ribbeck mit immensem Aufwand von Spanien nach Leverkusen geholt) sieht wie Ribbeck keine Basis mehr. Es geht nur noch ums Geld, um die Höhe der Abfindung für den Mann, der bisher für alle seine Trainer trotz großer Leistungen irgendwann zum Problem wurde.Das war schon zu Beginn der Schusterschen Laufbahn so, in der der geniale Techniker mit dem gewaltigen Schuß laut Expertenschätzungen rund 50 Millionen Mark eingespielt haben soll. Von der SV Hammerschmiede Augsburg war er 1976 zum FC Augsburg gekommen. Dort unterschrieb er nach zwei Jahren gleich drei Verträge: in Augsburg, bei Borussia Mönchengladbach und beim 1. FC Köln. Für 250 000 Mark folgte er dem Ruf in die Domstadt. Zeitrechnung in Peseten Ab 1980 rechnete man im Hause Schuster nur noch in Peseten. Schuster war einer der wenigen Spieler, die in ihrer Laufbahn bei den "großen Drei" eine große Rolle spielten - bei Real und Atletico Madrid und beim FC Barcelona. Mit den Vereins-Oberen lag er in der spanischen Hauptstadt und in Katalonien selbstverständlich im Clinch. Stets kassierte er enorme Ablösesummen.Und nun Leverkusen. Eine Stadt im Schatten von Köln. Das Bayer-Werk mit dem nachts leuchtenden Bayer-Kreuz. Eine Ladenpassage. Das Stadion. Keine Schließfächer am Bahnhof.Schuster sollte wie einst Trainer Dragoslav Stepanovic - der drillt inzwischen die Basken bei Athletic Bilbao mehr oder minder erfolgreich - endlich "Zirkusluft" in den Plastik-Klub namens Bayer bringen. Doch dafür war wohl "Sir" Erich Ribbeck nicht der geeignete Doppelpaß-Partner. Der Mann, der im spanischen Teneriffa eigentlich seinen Lebensabend ohne Trainer-Streß genießen wollte, hatte sich wohl Schuster von Beginn an als "Opfer" auserkoren. "Kann sein, daß ich ein Sturkopf bin. Aber das ist nicht schlecht - man kann nämlich auch Geradlinigkeit dazu sagen" ist ein geflügeltes Wort von Ribbeck. Im Falle Schuster betrieb er aber äußerst geradlinig dessen Demontage.Er könne Schuster nur noch als Linksaußen bringen, um dessen Defizite im Abwehrbereich zu übertünchen, ließ Ribbeck am 9. September wissen. Eine Woche später beim Sieg gegen die Frankfurter Eintracht spielte der "blonde Engel" groß auf. "Weltklasse" sagte Kiebitz Berti Vogts, aber Ribbeck krittelte: "Ich habe Unsicherheiten im Zweikampf bei Bernd gesehen." Nur noch Freistöße Im Oktober hieß es aus dem Hause Ribbeck: "Leider erlauben es mir die Regeln nicht, Schuster nur bei Eckbällen und Freistößen zu bringen." So was kann sich auch ein Bernd Schuster nicht bieten lassen. Ribbeck jedenfalls stellte die Frage nach dem bisherigen Kapitän Schuster und hatte die Mannschaft auf seiner Seite. Mit 13:0 Stimmen trägt jetzt Rudi Völler die weiße Binde am Arm. +++

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