BERLIN, im Januar. Wenn der Zufall mitspielt, geht es manchmal wie von Zauberhand. Meistens spielt der Zufall nicht mit, und Theater ist schwerste Körperarbeit, "Theatersport", wie Bernhard Schütz sagt, seit fünf Jahren Schauspieler an der Volksbühne. Wenn der Zufall freundlicherweise aber mitspielt, fließen Kunst und Leben ineinander wie zwei chemische Stoffe. Es gibt eine Kettenreaktion und am Ende einen kathartischen Knall, eine regelrechte Weltbilderschütterung, und nach dem Knall gibt es eine Stille. Und in dieser Stille "ist vielleicht Denken wieder möglich".Die Geschichte eines solchen Zufalls geht so: Während des Kosovo-Krieges im Frühjahr letzten Jahres probte Christoph Schlingensief an der Volksbühne seine "Berliner Republik", ein so genanntes Boulevardstück, das in der Wohnung von Gerhard Schröder spielt. Bernhard Schütz war Gerhard Schröder. Wenige Tage vor der Premiere kam Oskar Lafontaine, damals noch Finanzminister, an die Volksbühne zu einer SPD-Veranstaltung, und es kam zu einem legendären Foto. Lafontaine schüttelt Bernhard Schütz alias Gerhard Schröder die Hand. Schütz feistes Kanzlerlächeln hat phänomenale Schröderähnlichkeit, trotzdem denkt man, das Foto ist eine Montage. Es ist aber echt.Jetzt beginnt die Kettenreaktion: Einen Tag später tritt Oskar Lafontaine nämlich zurück und outet sich als der Politiker-Schauspieler, der er schon länger war. Bernhard Schütz tobt durch die folgende Premiere der "Berliner Republik", die ein diffuses Desaster wird, und Christoph Schlingensief entscheidet sich mal wieder zu einer Aktion, zu einem plötzlichen Sprung ins rettende Leben. Er reist Hals über Kopf nach Mazedonien in ein Flüchtlingslager und will sechshundert albanische Flüchtlinge an die Volksbühne holen. Bernhard Schütz reist mit. Alias Gerhard Schröder, als Privatmann, als Schauspieler? Die Grenzen haben sich längst aufgelöst. Schlingensief und Schütz bekommen von allen Verantwortlichen im Lager ein okay. Jetzt muss nur noch der Berliner Senat zustimmen, was er aber nicht tut.Dann kommt der Knall: An der Volksbühne herrscht, nach Schütz Worten, "Pogrom-Stimmung." "Ich bin noch nie so beschimpft worden wie wegen dieser Aktion. Ich habe richtig Klassenkeile gekriegt. Schlingensief muss weg, hieß es. Und ich auch. Ihr seid natohörig, und überhaupt: Westler. Es gab richtig Listen und Unterschriftenaktionen gegen uns. Da ist so eine Stimmung hochgekocht. Das mit den Listen war noch ein Stasirelikt aus dem Osten, das plötzlich wieder da war." Bei den Ostlern trat die jahrzehntelange Ostsolidarität hervor wie ein Gespenst, Solidarität mit Russland und den Serben. "Die haben zwar alle serbenfreundlich getan, aber etwas auf die Beine gestellt hat keiner. Bis auf Bert Neumann."Bernhard Schütz ist nicht der Volksbühne verwiesen worden, und das eigentlich Spannende an dem Vorgang ist die Tatsache, dass für einige Tage das Drama hinter der Bühne stattfand. Es herrschte Ausnahmezustand. Jetzt sitzt Bernhard Schütz in einem Edelitaliener in Mitte und isst Nudeln mit sehr exotisch aussehenden Krebsen. Er kommt gerade von einer Probe von Castorfs "Caligula"-Inszenierung. Und so, wie er von dem damaligen Ausnahmezustand erzählt, hat man nicht den Eindruck, dass er ihm besonders unangenehm gewesen wäre. Im Gegenteil. In Wirklichkeit sucht Schütz solche Zustände, in denen sich die Verhältnisse verkehren, in denen die Spannung "bis zur Schmerzgrenze getrieben wird". Es sind Momente, die "ihn beatmen", wie Schlingensief sagen würde. Weil man in diesen Momenten vielleicht wie es in dem Lied der Doors heißt durchdringen kann auf die andere Seite, zu einer anderen Kommunikation. Zu einem Moment der berührenden Verletzlichkeit. Wenn Sophie Rois die Diva der Volksbühne ist und Henry Hübchen ihr Clown, dann ist Schütz ihr Existenzialist, der sich kamikazehaft in jede Rolle stürzt, als wäre es seine letzte."Andere Schauspieler haben allein durchs Sprechen eine große Kraft, bei mir ist das sicher der Körper, ich muss erst Anlauf nehmen, um ein Crescendo zu produzieren." Mit diesem Anlauf kämpft er sich nicht nur in die Rolle hinein. Er stürzt auch durch sie durch, um hinter der Rolle wieder bei sich selbst anzukommen. In der Inszenierung von Heinrich VI., die vor wenigen Monaten im Prater Premiere hatte, ist er nicht Richard III., sondern Bernhard Schütz, der einen verwachsenen Richard wie einen ekligen Hund an der Leine führt. Der eine Aspekt der Bernhard Schütz-Kunst besteht darin, im theatralischen Rahmen so autobiografisch wie nötig, und dadurch so kraftvoll wie möglich zu sein. Ein anderer besteht darin, dass er Aktionismus in Poesie verwandeln kann. Er fällt Treppen runter, wirft sich gegen Wände und stürmt gegen äußere Widerstände, als müsste er sich durch eine innere Taubheit zur Lebendigkeit durchkämpfen.Alles, was man sonst nicht darfDiese Kunst des befreiten Körpereinsatzes hat sich erst mit Christoph Schlingensief entfaltet, mit dem er seit "Rocky Dutschke" seit mehr als drei Jahren zusammenarbeitet. "Ich hatte vorher noch eine Art Verklemmung. Dass ich mit der ganzen Breite meines Kopfes spielen kann, kommt bestimmt durch Christoph. Christoph war ein Hygieneprogramm. Man darf bei ihm alles machen, was man sonst nicht machen darf. Das mit Christoph ist eine Hassliebe. Diese Art von Hysterie ist mir sehr nah. Nach solchen Produktionen ist man total ausgelaugt und kann nur noch depressiv an die Decke starren. Aber das gehört zu dem Abend. Aber wenn er seine neurotische Energie auf nächtliche Faxe konzentriert und anfängt, im Privaten rumzufuhrwerken, da mach ich nicht mehr mit, da ist er mir zu monströs."Bernhard Schütz, Jahrgang 1959, ist in Leverkusen aufgewachsen. Vater Polizist, Mutter Hausfrau und CDU-Aktivistin. Eigenheim, viel Arbeit, die Kinder sollen es mal besser haben. "Ganz klassisch". Das Wort klassisch sagt er oft, fast so oft wie die Worte depressiv und Melancholie. Ganz klassisch gehorcht sein Weg auch dem Werdegang der Westdeutschen Zwischengeneration, die Rainald Goetz mal so beschrieben hat: Zu jung um 68er zu sein, nicht mehr verblendet genug, um Terrorist zu werden. Man hat noch den Horror der miefigen sechziger Jahre erlebt, aber die Möglichkeiten des Widerstands haben die älteren Geschwister schon vorgemacht und verbraucht. Man war der Nachmacher, der Poseneinehmer und musste sich die eigene Position umständlich auf Umwegen erarbeiten.Nichts anderes macht Bernhard Schütz, wenn er in den Shows von Schlingensief den verspäteten Selbstverwirklicher der 70er-Jahre spielt, wenn er mit einem CDU-Wahlplakat, das seine Mutter zeigt, durch die Manege rennt. Er nimmt eine Haltung ein, die es nur noch als Pose gibt, lädt sie hysterisch auf und bricht sie gleichzeitig ironisch, um aus dieser Paradoxie einen Funken ihrer ursprünglichen Kraft wiederzubelebenSchütz Umwege führten nach einem Schauspielstudium an der Berliner Hochschule der Künste erst nach Nürnberg. "Nürnberg ist noch schlimmer als Leverkusen. In Nürnberg hat man bei den ganzen Nazigebäuden tatsächlich das Gefühl: Man braucht nur aufschließen und gleich geht s weiter. Nur abstauben und los geht s. Da habe ich den Begriff ,hetzen zum ersten Mal verstanden. Ich habe anonyme Drohbriefe bekommen: Drecksau. Putz deinen Balkon." Nach wenigen Monaten kündigte er und landete nach einer Produktion mit Peter Stein in Basel, wo Baumbauer damals Intendant war. Er arbeitete erstmals mit Castorf zusammen ("diese Leichtigkeit und diese Spielfreude") und sah den noch unbekannten Christoph Marthaler ("noch entsetzlicher als heute. Und natürlich rasend komisch"). Als Castorf 1992 Intendant der Volksbühne wurde, wollte er Schütz nicht mitnehmen. Der Umgang im Osten sei nichts für seine empfindliche, verwöhnte Westseele. Schütz ging mit Baumbauer nach Hamburg und fand am Schauspielhaus diese "neurotische Nestwärme, diese scheinbare Art von Aufgehobensein". In Hamburg war es kuschelig. Die Künstler wurden mit Glacéhandschuhen angefasst.Nur künstlerisch war es unbefriedigend, indirekt, nicht radikal genug. "Ich hab gekündigt und Castorf angerufen und gesagt, ich will zu dir. Und er hat gesagt: Dann komm. Frank kann ja nicht Nein sagen." Vielleicht ist Schütz erst an der Volksbühne, im Osten, bei sich angekommen. Weil die Volksbühne Kaputtheit zeigt und sich daraus einen Spaß macht. "Die Volksbühne ist ein Haus, das nach vorne rast und sich selbst abfackelt." Die Umgangsformen aber waren etwas gewöhnungsbedürftig. "Alle sind nett, wie bei der Tante auf dem Geburtstag. Und plötzlich hast du ein Messer im Rücken. Die Kollegen sind ja wirklich toll, aber die helfen einem ja nicht. Die spielen einfach an dir vorbei, und wenn du nicht mitkommst: Pech gehabt."Dass dieses Modell nicht ewig funktioniert, liegt in der Natur der Sache. Castorf rennen die Leute weg. Marthaler wird Intendant in Zürich, Schlingensief hat sich nach Afrika abgesetzt, um Deutschland weiter zu suchen. Auch Schauspieler gehen. Claus Peymann, dessen Berliner Ensemble am kommenden Wochenende eröffnet wird, ist durch die Kantine der Volksbühne gezogen und hat erfolgreich mit seiner dicken Brieftasche gewedelt. "Es ist ein kritischer Punkt an der Volksbühne. So spektakulär wie in den letzten Jahren, das kann man nicht wiederholen, aber es geht darum, wieder eine Wichtigkeit zu haben. Castorf hat nicht mehr die alte Lust am Geschichtenerzählen."Ob Castorf noch die Kraft und den Willen zu dieser Wichtigkeit hat, kann man heute Abend bei der Premiere von Camus Frühwerk "Caligula" sehen, in das der Regisseur noch eine Geschichte von Bataille gemixt hat. Bernhard Schütz spielt Caligula, den römischen Kaiser, der auf der Suche nach dem Unbedingten keine Kompromisse macht. Auf den ersten Blick scheint die Rolle wie für Schütz gemacht, denn auch Caligula sucht die Wahrheit über den Körper. Nur meint Caligula den Körper der anderen. Er geht über Leichen. Bei Schütz bleibt die Gewalt immer gegen sich selbst gerichtet. Vielleicht ist er deshalb immer noch an der Volksbühne.