MÜNCHEN, 23. März. Mark Wössner durchschritt das Foyer des Münchener Parkhotel Hilton und streckte die Hände seinem Bruder Frank entgegen: "Ich gratuliere dir", sagte er feierlich, "seit zehn Minuten bist du " Bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte, wurde der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG leiser. Er hatte bemerkt, daß einige Journalisten in der Nähe waren. Vorsicht war geboten, denn das zu Verkündende sollte noch einige Minuten geheim bleiben. Wenig später wurde klar, was Wössner seinem für das Buchgeschäft verantwortlichen Vorstandskollegen gesagt haben könnte: "Du bist mit großem Abstand Nummer eins in der Welt." Montag, um 8.30 Uhr Ortszeit, ist in New York ein Vertrag zwischen dem amerikanischen Medienunternehmer Samuel Irving Newhouse und Bertelsmann unterzeichnet worden. Vertragsinhalt: Das deutsche Unternehmen kauft die Verlagsgruppe Random House. Damit schließen sich die (nach Gewinn) Nummer zwei und Nummer fünf des US-Marktes zusammen. Nach kartellamtlicher Genehmigung wird das dann Random House Inc. genannte Medienhaus den englischsprachigen Buchmarkt mit weitem Abstand dominieren. Ein Deal von Thomas MiddelhoffDer 1925 gegründete Verlag Random House ist einer der größten und renommiertesten Buchverlage der Welt. Zu seinen Autoren gehören John Updike und John Le Carre, Norman Mailer und John Grisham. Zur Gruppe gehören die Verlage Alfred E. Knopf, Pantheon, Ballantine, Fawcett, Villard, Times Books und Crown. Frank Wössner erreichte damit ein lang gehegtes Ziel. Im Herbst vergangenen Jahres hatte er am Rande der Bilanzpressekonferenz einige Journalisten wissen lassen, daß er am Erwerb eines großen US-Verlages interessiert sei. "Bertelsmann ist das größte Verlagshaus der Welt", sagte er, "und wir denken nicht daran, stillzuhalten."Nun wird sich Bertelsmanns Umsatz in den USA dem in Deutschland anpassen: Es handelt sich um jeweils etwa acht Milliarden Mark. Mark Wössner betonte auf einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz, daß schiere Größe "nicht unser Ziel ist. Größe an sich ist ohne wirklichen Wert". In den USA wird jedenfalls keiner mehr an Random House vorbeikommen. Anfang Januar berichtete das Branchenblatt "Publishers Weekly" über die Jahresbilanz, gemessen an den Verkäufen. Hier führte 1997 Random House mit 82 Buchtiteln, die rechnerisch 704 Wochen in den Verkaufscharts präsent waren. Zusammen mit dem schon bisher zu Bertelsmann gehörenden Verlag Bantam Doubleday Dell hätte Random House mit 138 Titeln rechnerisch 1 142 Wochen die Hitlisten dominiert. Der Marktanteil von Bestsellern im Hardcover-Bereich ist mit 33,8 Prozent größer als jener der beiden Nächstplazierten (Time Warner und Penguin Putnam); bei den Paperbacks überflügelt der neue Riese gleich drei Verfolger (inklusive Simon & Schuster). Immer größer, immer mächtigerDamit setzt sich in den USA der Trend zu immer größeren, immer mächtigeren Medienunternehmen fort. Noch 1996 hatten die sieben größten Publikumsverlage einen Marktanteil von 88 Prozent aller möglichen Plazierungen in den Hardcover-Hitlisten (Paperback: 80 Prozent). Ein Jahr später waren es dank der Fusion von Penguin und Putnam sechs, die 85 bzw. 83 Prozent beherrschten. Nun werden es nur noch fünf Unternehmen sein, die bestimmen, was die englischsprachige Bevölkerung der Erde liest. Der Kauf sei ein "Commitment zugunsten des Buches", so Wössner, das mit neun Milliarden Mark Umsatz der bedeutendste Bereich des Konzerns sei, vor Musik, Printmedien, Industrie und Fernsehen. Die Multimedia-Geschäfte seien dagegen "noch klein, aber strategisches Wachstumsfeld". Bertelsmann verfolge "auch für die Zukunft ein strategisches Balancekonzept zwischen klassischen und New-Media-Geschäften". Zur Zeit befinde sich das Unternehmen in einer "Transition Period". Im Jahr "200x", so Mark Wössner, werde Bertelsmann "eher ein globales Unternehmen sein". Mark Wössner dankte ausdrücklich seinem designierten Nachfolger Thomas Middelhoff, der den Deal federführend verhandelt habe. Er habe zu S.I. Newhouse, der anfangs nicht verkaufen wollte, Zugang und Vertrauen gefunden und die Fusion konkretisieren und ausgestalten können. Der Deal sei Middelhoffs Initiative gewesen. Damit hat er der Firma nach dem strategisch bedeutenden Einbringen einer Partnerschaft mit dem Onlinedienst AOL noch vor Amtsantritt einen wuchtigen Stempel aufgedrückt.Mit diesem Einkauf wächst Bertelsmann fast unbemerkt zum größten Medienunternehmen der Welt heran. Bislang war es Nummer drei hinter Time Warner (mit einem Umsatz von 31 Milliarden Mark) und Disney (28 Milliarden Mark). In diesem Geschäftsjahr rechnet man mit einem Umsatz von etwa 25 Milliarden Mark. Dies ist ohne das TV-Geschäft mit der CLT-Ufa gerechnet, an der Bertelsmann 50 Prozent hält. Dieses Geschäft könnte mit einem Umsatz von fünf Milliarden Mark in die Bücher gehen. Random House hat heute einen Umsatz von etwa 1,7 Milliarden Mark.Über den Kaufpreis hüllten sich die Brüder Wössner in Schweigen. Es dürfte aber mehr als die Portokasse gewesen sein. Der kleinere Verlag Simon & Schuster wurde von Analysten in der "New York Times" mit einem Kaufpreis von 4,5 Milliarden Dollar taxiert. Mark Wössner: "Es ist die größte Einzelakquisition in der Firmengeschichte."