Später Vormittag. Frühstücksraum des Berliner Hotels Savoy. Ein paar versprengte Gäste. Das Personal räumt schon mehr Sachen weg als herbei. An einem Fenstertisch: vier Frauen und ein zarter Herr von achtzig Jahren. Es sind dies die Künstlerin Angelina Siegmeth respektive Frau Hrdlicka (S), Martina Judt von Hrdlickas Wiener Galerie Hilger (J), Gisela Kayser, Freundeskreis Willy-Brandt-Haus Berlin (K) und Irene Bazinger, Berliner Zeitung (B), die um den Bildhauer und Maler Alfred Hrdlicka (H) herumsitzen. Vor ihm liegt eine kleine Glasflasche mit Bügelverschluss. Hrdlicka nimmt daraus mit rasch zurückgeworfenem Kopf immer wieder kräftige Schlucke. Er spricht laut und, wenigstens am Anfang, deutlich, dabei stets mit urigem Wiener Akzent.B (stellt ein Mikrofon auf): Lieber Herr Hrdlicka, ich nehme Sie auf, damit ich Sie wörtlich zitieren kann.H: Sie können machen, was Sie wollen. Ich hab ka Ongst!B: Sie haben immer in Österreich gelebt, oder?H: Ja, weil ich es abgelehnt habe, woanders zu sein. In Wirklichkeit bin ich ein Schwerarbeiter und finde, dass die Kunst Schwerarbeit ist.B: Ihre Kunst der Steinbildhauerei sicher ganz besonders.H: Ich habe in Deutschland eigentlich meine Karriere begonnen.B: War das nicht 1961 in Wien, mit der großen Ausstellung in der Zedlitz-Halle 1961?H: Erstens einmal: Es war 1960, nicht 1961.B: Pardon, da war die andere Steinsache, die Berliner Mauer .H: Ich war kein Mauerfeind. Ich bin ein Ostler, wenn man so sagen darf. Orientierung ist für einen Künstler sehr wichtig. Ich bin ein Österreicher - und ein seltsamer Patriot. Österreich ist für mich als Künstler von der ganzen Lebendigkeit, die es ja auch besitzt, entscheidend.B: Was ist denn in der Flasche drin?H: Wodka. Auch in der Hinsicht bin ich ein Ostler und trinke nur russischen Wodka.B. Der sieht so selbstgebrannt aus.H: Das macht sie! (Deutet auf S.)B: Verfolgen Sie noch die aktuelle Kunstszene?H: Die Kunstszene habe ich durch. Ich habe blöde Verhältnisse mit Weibern ge-habt und bin auch in Deutschland festgenagelt gewesen. Ich bin ja fast ein Groß-deutscher. Das hört sich nicht gut an, klingt auch fast wie Nazideutschland. Ich bin kein guter Diskutant, aber zum Beispiel dem blöden Haider (Jörg Haider, Rechtsnationaler Politiker erst FPÖ, jetzt BZÖ), der ein Österreicher ist, der wollte sich deutsch aufspielen, und zu dem habe ich gesagt: Pass einmal auf, du bist eigentlich eine zugereiste Wurscht, aber ich bin ein echter preußischer Beamter, was auch stimmt, ich war jahrelang ein preußischer Beamter. Und so habe ich ein merkwürdiges Verhältnis von Absonderlichkeit und von Zuneigung entwickelt - die Deutschen kennen mich besser als die Österreicher. Das ist einfach eine Tatsache.B: In Österreich sind Sie nach wie vor eine sehr präsente Figur?H: In einem meiner letzten Interviews habe ich gesagt, der Wiener Bürgermeister Häupl ist ein Trottel. (Die Damen kichern.) Ob das gesendet wurde oder nicht, ist mir wurscht, ich bleibe dabei. Kann ich noch einen Schluck Wodka haben?S: Bitte (reicht ihm das Fläschchen), und da ist auch Wasser (schiebt ein Glas näher).H: Es ist so, dass die Österreicher mich zum Teil hassen, weil ich wie viele - ich bin ja nicht der einzige Patriot - gegen die österreichische Schlampigkeit und Blödheit bin. Ich habe ja, was weiß ich, wie viele Diplome - ich bin überhaupt ein Mensch, der ein Sammler von Diplomen ist .S: Aber Orden hat er nie angenommen ...H: Vor Kurzem haben sie mir eine Goldmedaille umhängen wollen. Da habe ich ihnen leider schreiben müssen, sie sollen mich, wie man in Wien so schön sagt, gern haben. Ich lasse mich von niemandem vereinnahmen, und das hassen die Österreicher natürlich, dass jemand, der relativ bekannt ist wie ich, es ablehnt, ihre Ehrungen anzunehmen. Ich bin, dass kann ich nur wiederholen, ein Großdeutscher - ohne ein Großdeutscher im politischen Sinne zu sein. Trotzdem sind meine besten politischen Freunde hier in Berlin - der Gregor Gysi, der Oskar Lafontaine, und all diese Leute. Dafür ist mir Österreich zu klein. Dennoch ist mir das immer sehr peinlich: Man sitzt bei die Deitschn und redet auf sie ein, als würde man sie unbedingt verführen oder etwas gutmachen wollen. So ist es nicht. Das muss ich unbedingt feststellen, wenn ich mich als Großdeutscher definiere, bin ich doch wirklich ein österreichischer Patriot.B: Mit "großdeutsch" meinen Sie BRD, DDR und Österreich?H: Na, jetzt müssen Sie mir eine Spur Zeit geben. Mein Vater war ein illegaler Kommunist. Und ich habe mit ihm richtige kleine Schlachten geschlagen, wenn wir illegal gearbeitet haben. Daran erinnere ich mich gern, ich finde das sehr lustig: Ich bin mit meinem Vater in der Nazizeit nachts hinausgegangen, er hat Flugblätter ausgelegt, ich habe Steine darauf getan, damit sie nicht wegfliegen.S: Du warst ja noch nicht Bildhauer, aber Steine hast schon gern gehabt .H: Ja, so kann man sagen. (Deutet auf S.) Sie macht sich drüber lustig, aber ich war als Bub bereits ein illegaler Mann. Ich sollte vor einiger Zeit in Petersburg ausstellen, der Bürgermeister ist extra zu mir gekommen. Aber in der Hinsicht bin ich sehr konsequent und habe von meinem Bruder erzählt, der mit 21 Jahren vor Leningrad gefallen ist, und - wie ich finde - nicht als deutscher Held, wie es damals offiziell hieß. Außerdem lehne ich es ab, dass man Leningrad Petersburg nennt. Petersburg ist für mich eine monarchistische Blödheit.S: Ich tu dich kurz unterbrechen! Er hätte in Petersburg ausstellen sollen und hat gemeint, er stellt erst aus, wenn die Stadt wieder Leningrad heißt.H. Sehr brav! Ich sage immer, es ist gut, dass man nicht allein irgendwo sitzt. Leningrad ist ja eine schreckliche Sache und ich kann mich erinnern, wie meine Mutter den Brief gekriegt hat, dass mein Bruder tot ist. Mein Vater und ich sind 1944 untergetaucht. Ich bin, und das traut mir niemand zu, einfach nicht eingerückt.B: Ihr Vater hat Sie nach dem Krieg an die Wiener Akademie der bildenden Künste vermittelt?H: An die Akademie hat mich niemand vermittelt, sondern ich war sehr resolut. Schon in meinen frühen Jahren war ich - wie soll ich sagen - schwierig. Ich war ein junger, sehr muskulöser und, was weiß ich, sehr seltsamer Mensch. Gleich 1945 bin ich an die Akademie gekommen und habe dort nicht leise geredet, so wie ich es auch jetzt nicht tue. Da war ich schon ein gefürchteter Mensch!B: Sie waren außerdem ein begabter Schachspieler, heißt es?H: Ich habe immer mit meiner Intelligenz gespielt und die Leute damit verblüfft. Ich war ganz jung und konnte wie aus dem Ärmel Schach spielen. Die deutsche Jugendmeisterschaft habe ich leider nicht gewonnen, aber daran in den 40er- Jahren teilgenommen. Einmal habe ich in Wien auch gegen Anatoli Karpow gespielt - unentschieden! In der zweiten Partie hat er mich dann besiegt. Das gebe ich wirklich nicht gern zu. Aber er hat gespielt, dass einem die Spucke wegblieb.S: Darf ich das unterbrechen? Du wurdest als Kind, wenn sich dein Vater mit anderen illegalen Linken im Kaffeehaus getroffen hat, mitgenommen und hast dort Schach gespielt, um von dem illegalen Treffen abzulenken.H: Absolut richtig! Ich war kein Wunderkind, das wäre übertrieben, aber schon ganz gut. Hinsetzen, haben sie gesagt, und dann haben mich die illegalen Kommunisten und die Sozialisten, die - das muss man zu deren Ehre sagen - auch dabei waren, als Alibi benutzt. Ich habe die anderen Gäste mit meinen Schachkünsten abgelenkt.B: Sie sind jedoch bald aus der Kommunistischen Partei ausgestiegen?H: Ich bin sogar zwei Mal aus der Kommunistischen Partei ausgetreten, einmal selbst, weil ich die Ereignisse in Ungarn 1956 nicht fassen konnte. Ich habe den Genossen gesagt, dass sie Trottel sind. In Ungarn gab es ja eine echte Revolution! Aber meine Mutter hat noch zwei Jahre, glaube ich, heimlich meine Mitgliedsbeiträge bezahlt. Als sie damit aufhörte, war ich zum zweiten Mal ausgetreten. Ich war aber nie ein Antikommunist! Das wäre blöd und verlogen. Als Student war ich auf der Akademie ein gefürchteter Kommunist, und man war nicht sehr erfreut über mein Auftreten. Ich konnte nur unglaublich gut zeichnen, und meine Basis war, dass ich Kommunist war. Die anderen haben damals alle so getan, als wäre die Pop-Art das Wichtigste, aber ich habe gesagt, Blödsinn! Und mit dieser Großkotzigkeit habe ich zwei Magister gemacht, oder wie man das nennt.S: Du bist ein diplomierter Maler und ein diplomierter Bildhauer, und außerdem Professor.H: Ja, und als ich einmal mit der Angelina so im Bett lag, habe ich zu ihr gesagt: Weißt du, was das Schönste an dem Ganzen ist? Dass mich Leute zum Professor ernannt haben, ohne dass sie mich wollten, ob in Hamburg, Wien oder Berlin. In der Hinsicht bin ich ein seltsames Karnickel. Der Joseph Beuys hatte mich einmal angerufen und gesagt, du musst (haut mit der Hand fest auf den Tisch) an die Düsseldorfer Akademie! Das ist lieb von dir, habe ich gesagt, aber wozu? Hier kann keiner mehr zeichnen, meinte Beuys. Das ist euer Problem, nicht meines, habe ich ihm geantwortet, ich muss zu Hause bleiben und arbeiten. Es war ein lustiges Gespräch, und er wollte nicht aufgeben. Aber mit mir war nichts zu machen, denn Arbeit ist das Wichtigste in der Kunst. Und ich war nicht umzubringen.B: Sie sind doch eigentlich ganz nett, Herr Hrdlicka. Wieso waren Sie denn immer so undiplomatisch?H: Na, weil es meiner Karriere genutzt hat! Ich muss ganz offen reden: Meine Karriere besteht aus Widersprüchen. Schauen Sie, ich war so überrascht bei der Eröffnung meiner Ausstellung im Jänner in Schwäbisch Hall, weil ich gar nicht mehr gewusst habe, dass ich so viel Monumentales gemacht habe! Sie werden dort feststellen, dass ich schon ein wüstes Kaliber gewesen bin. Denn ich kann zeichnen wie ein Affe! Die Kunst besteht auch aus Können. Für mein Können kann ich mich rühmen.B: Ist das Zeichnen auch die Grundlage Ihrer bildhauerischen Arbeit?H: Von allem! Von allem, von allem. Ich habe schon als Kind unheimlich gut gezeichnet. Da habe ich zum Beispiel Schlachten der Römer gegen die Germanen gezeichnet. Ich war natürlich für die Römer. Ich wurde von meinen Mitschülern sehr gefeiert, denn ich habe ihnen Fußballspiele aufgezeichnet. Dann ist der Lehrer gekommen und hat gefragt: Was ist denn das? Und da habe ich ein großes Blatt Papier gehabt (er deutet über den halben Tisch) und habe ein bisschen angeberisch gesagt: Sport und Bewegung! Ich habe selber Fußball gespielt, komischerweise für die Wiener Volksoper. Die haben mich entdeckt.B: Sie haben für Ihre Mitschüler ganze Spielzüge nachgezeichnet?H: Ja! Meine Stärke war schon immer, in Bewegung zeichnen.B: Zeichnen Sie heutzutage auch noch?H: Mir bleibt gar nichts anderes übrig.K: Vor nicht allzu langer Zeit hat der Alfred einen Zyklus über Stauffenberg abgeschlossen, danach kam der Mozart- und der Irak-Zyklus. Alfred, du hast mir einmal gesagt, eigentlich sitzt du jeden Tag da, wenn's dir einigermaßen geht, und zeichnest etwas.H: Du musst etwas lauter reden, denn außer dass ich schlecht sehe - ich werde ja achtzig Jahre alt - höre ich auch nicht mehr so gut.S: Ich bin zwar ein faules Ding, aber ich zeichne auch. 2007 haben wir gleichzeitig dasselbe Modell gezeichnet. Natürlich sieht das bei mir ganz anders aus als beim Alfred. Die Arbeiten wurden dann zusammen ausgestellt, und das war sehr schön und unheimlich lustig. Ich bringe Ihnen schnell einen Prospekt von oben.H: Geh, bring mir einen Wodka mit.B: Sie waren immer ein politischer Künstler und sind es auch geblieben, oder?H: Ja, ich hasse die USA. Ich hasse die USA wie die Pest. Ich musste über die Amerikaner, diese Trottel, lachen, die geglaubt haben, sie würden den Irak überrollen und dann besitzen können. Er gehört ihnen einen Dreck! So sind meine Argumente nicht immer die nobelsten, aber es ist die Wahrheit. Man kann nicht vom Frieden reden und Krieg führen. Es ist lustig mit Amerika, ich hätte da ausstellen sollen vor vielleicht 15 Jahren, das habe ich ablehnt. Ich habe in London ausgestellt, in Mexiko, aber in den USA - kommt nicht in Frage. Deshalb sage ich, dass ich ein Großdeutscher bin: Ich stelle viel mehr in Deutschland aus als sonst wo. Einmal sollte eine meiner Plastiken in die USA verkauft werden, für fünf Millionen Schilling, das war damals sehr viel Geld. Aber ich wollte mit diesem Gesindel nichts zu tun haben und habe sie nicht hergegeben.B: Sie sind hoch dekoriert, Ihre Werke in vielen großen Museen präsent, könnte man sagen, dass Sie ein Klassiker sind?H: Das bin ich sicher.S: Derf ich das auch wieder unterbrechen? Als du noch studiert hast, hat der Wotruba (Fritz Wotruba, 1907-1975, Wiener Bildhauer) zu seinen Schülern gesagt, dass er eine Ausstellung mit junger Bildhauerei vorbereitet, und wollte vom Alfred etwas haben. Und der Alfred hat geantwortet: Nein, ich habe mit junger Bildhauerei nichts zu tun, ich bin ein Klassiker.H: Ja, genau so! Der Wotruba hat sich damals furchtbar geärgert, weil ich sagte: Junger Mensch - nix Mensch! Ich bin ein Klassiker. Ich glaube, es gibt keinen auch nur annähernd so guten Steinbildhauer wie mich. Das kann ich ohne große Goschn (große Klappe) sagen. Ich bin sicher der beste Steinbildhauer, den es derzeit gibt. Ich habe sogar vier, fünf Mal in China ausgestellt. Ich bin aber nicht hingefahren, nicht weil ich ein Antikommunist bin, was ja lächerlich wäre .S: Du magst keinen Reis!H: Ja, das ist es!B: Es gibt von Ihnen das schöne Zitat: "Mir fällt nichts ein, aber mir fällt viel auf."H: Das ist ein wahrer Satz. Ich bin nicht von der Inspiration bedrängt, sondern ich schau um mich herum. Mir fallen vor allem gut aussehende Frauen auf, ganz einfach. (Die Zunge wird ihm schwer, es tritt ein, was in Hrdlickas Umfeld als: "Er hat die Lallmauer durchbrochen", bezeichnet wird.)B: Sie erzählen von vielen Feinden. Haben Sie auch ein paar Freunde?H: Ja, da sitzen zwei. (Deutet auf Frau Judt und Frau Kayser.)S: Der Oskar Lafontaine ist ein Freund von ihm.H: Ja, und der Gregor Gysi! Den Gysi und den Lafontaine habe ich im Jahr 2000 zusammengebracht.B: Wurde bei dieser historischen Begegnung in Saarbrücken der Grundstein für die Partei "Die Linke" gelegt?S: Ja. Ich war damals mit dabei. Wir haben uns mit Gysi und Lafontaine zu einem Nachtmahlessen getroffen, und ich war eigentlich unheimlich enttäuscht, weil die zwei sich bloß Kohl-Witze erzählt haben. Ich dachte, die müssen jetzt gleich Politik machen, ein Programm entwerfen.H (laut zum Kellner): Monsieur, ich krieg einen Wodka!S: Aber du hast doch da eh noch einen Wodka! (Reicht ihm die Flasche.)H (besänftigt): Ist in Ordnung.B: Wie kamen Sie auf die Idee, die beiden zusammenzubringen?H: Aus politischem Instinkt. Denn ich bin ein sehr begabter Politiker.K: Für mich gehört Alfred allen und ist nicht auf "Die Linke" oder die Sozialdemokraten festzulegen. Seine Kunst ist viel größer als dass man ihn vereinnahmen und instrumentalisieren könnte.B: Sie sind von sehr netten Damen umgeben. Trotzdem haben Sie einmal gesagt, das Wichtigste bei einer Frau sind High Heels, also hohe Stöckl?H: Das habe ich sehr oft gesagt!B: Es war doch sicher ironisch gemeint, oder?H: Nein! Ich bin ein ausgesprochener Fetischist. Die hohen Hacken, das ist ja wunderschön, wie diese gerade Linie das Bein entlang verläuft (deutet sie mit der Hand in der Luft an). Das ist nicht ohne. Du kannst ja kurz .S (heftig): Lass doch meinen Fuß in Ruhe!H: Als die Barbara, meine erste Frau, übrigens eine Deutsche, nach Wien gekommen war, habe ich ihre Haxn (Beine) gesehen und war sofort verliebt. So etwas gibt es halt auch! Ich bin jedenfalls ein Fetischist.S: Ich habe mich schon als Kind darauf gefreut, dass ich erwachsen werde und Stöckelschuhe tragen kann.H: Sie müssen sich vorstellen, dass dieses Hendl ( Hühnchen), das jetzt vor Ihnen sitzt, einmal solche Arme gehabt hat (deutet Muskeln à la Stallone an). Ich habe mich ehrlich physisch fast ausgearbeitet. Gegen mich ist der Rodin ein lieber Künstler. Wenn er nur eine einzige solche Zeichnung gemacht hätte, wie ich sie zusammenbringe, von dem anderen gar nicht zu reden .B: In unserem Beruf gibt es keine Sieger, so hat es der Bildhauer Werner Stötzer einmal ausgedrückt. Verschwindet der Künstler irgendwann in seinem Kunstwerk?H: Ich kann überhaupt nicht verschwinden! Da müssen sich die Leute schon auf den Kopf stellen. (Er ist im Sessel zusammengesunken und scheint zu träumen. Die Wodkaflasche ist leer.)B zu S: Wie lange sind Sie beide schon zusammen?H (schreckt auf): Das darf ich beantworten! Ich war verheiratet und was man halt alles so tut im Leben. Dann ist mir die Angelina, meine jetzige Frau, über den Weg gelaufen. Das war nichts Negatives gegen die Barbara, die verhimmle ich bis heute. Ich verdanke den Weibern ja eigentlich meine Kunst. Ich habe einmal gesagt: Auf diese sogenannten Männerrunden kotze ich. Damit kann ich gar nichts anfangen. Die Weiber haben halt eine impulsive Art, Kunst zu reflektieren, und das ist meine große Leidenschaft. Ohne Weiber könnte ich gar nicht auskommen, sie sind die Lebendigkeit der Kunst.S: Ich war 20 Jahre alt, als wir uns kennenlernten. Ich fand es nicht gut, dass ich mich in einen verheirateten Mann verliebt hatte, und einen berühmten Künstler dazu! Es hat lang gedauert, bis wir doch zueinander fanden. Die Barbara ist halt einmal gestorben, das war alles sehr traurig, und jetzt bin ich seine Frau. Aber ich war vorher auch nicht unglücklich, als ich die Freundin war.B: Was soll ich Sie denn noch fragen, Herr Hrdlicka?H: Gar nix. Es war immerhin ein ziemliches Gespräch.------------------------------Zur PersonAlfred Hrdlicka wurde am 27. Februar 1928 in Wien geboren. 1946 begann er, Malerei und Bildhauerei zu studieren. Die künstlerische Devise Hrdlickas lautete stets: "Alle Macht in der Kunst geht vom Fleische aus." So sind seine Skulpturen, Gemälde und Grafiken dezidiert figürlich und in hohem Maße expressiv. Abstraktes lehnt er radikal ab.Vor allem seine Plastiken im öffentlichen Raum sorgten oft für Skandale, wie das "Denkmal gegen Krieg und Faschismus" in Wien - unter anderem wegen eines knienden, straßenwaschenden Juden. Hrdlicka war Professor in Stuttgart, Hamburg, Wien und Berlin (West).In Berlin sind von ihm zu sehen: Der "Plötzenseer Totentanz" im Evangelischen Gemeindezentrum Plötzensee, das Relief "Der Tod des Demonstranten" zum Gedenken an Benno Ohnesorg am U-Bahnausgang Deutsche Oper und die Marmorbüste "Dietrich Bonhoeffer" in der Staatsbibliothek im Tiergarten.Hrdlicka ist mit der Künstlerin Angelina Siegmeth verheiratet. Seine erste Frau Barbara starb 1994. Wegen diverser Berufskrankheiten sowie eines Schlaganfalls kann er inzwischen nur noch zeichnen. Die ruinierten Bandscheiben hindern ihn an der Steinbildhauerei, seinem bevorzugten Metier.Aktuelle Ausstellungen: Die Galerie Berlin zeigt bis 1. März Arbeiten Hrdlickas (Auguststr. 19, Di-Sa 12-18 Uhr). Eine Retrospektive ist bis 29. Juni in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall zu sehen, (Tel: 0791/94-6720, www.kunsthalle-wuerth.de). Die Wiener Galerie Hilger zeigt "Alfred Hrdlicka: Fleischeslust" (Dorotheergasse 5, Wien, 28. Februar bis 5. April, Tel.: 0043-1-5125315).------------------------------Foto (2): "Ich hab ka Ongst." Der Bildhauer Alfred Hdrlicka beim Interview im Berliner Hotel Savoy.