Über seine Managerkollegen aus anderen Konzernen kann Hansjürgen Nelde, langjähriger Chef und nun Vorstand des Berliner Vorzeigeunternehmens Berlin-Chemie, manchmal nur den Kopf schütteln. Von den rund 1 300 Mitarbeitern, die das Unternehmen bundesweit beschäftigt, sind fast acht Prozent schwer behindert. Die gesetzliche Quote ist damit mehr als erfüllt. Die Mehrzahl dieser Beschäftigten arbeitet in qualifizierten Jobs, andere in einer speziellen Abteilung. "Wenn wir davon erzählen, machen andere immer große Augen. Aber herkommen und anschauen wollte sich das bisher niemand", sagt Nelde.Solche Erfahrungen sind kein Einzelfall, sondern die Regel. Denn nach wie vor sind die Arbeitgeber in Deutschland äußerst zögerlich, wenn es darum geht, Schwerbehinderte einzustellen. Das Grundgesetz mag vorschreiben, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf - für den Arbeitsmarkt jedenfalls bleibt dies ein frommer Wunsch.Kritik an BehördenDie Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit sind eindeutig. Unter den Schwerbehinderten beträgt die Arbeitslosenquote 15 Prozent, während die allgemeine Quote zuletzt bei rund zehn Prozent lag. Im Jahr 2000, so berichten die Statistiker, waren 5,2 Prozent aller Arbeitnehmer im Staatsdienst schwer behindert. In der Privatwirtschaft waren es gerade einmal 3,2 Prozent. Die gesetzliche Quote hingegen betrug damals sechs Prozent. "Insgesamt blieben somit über 550 000 Pflichtarbeitsplätze unbesetzt", klagt die Bundesanstalt. Viele Betriebe zahlen lieber die gesetzliche Ausgleichsabgaben, anstatt mehr Behinderte einzustellen.Für Fachleute wie den Unternehmer Michael Müller ist die Sache klar: "Das Gros der Arbeitgeber hat Vorurteile", sagt er. Müller betreibt in Hamburg eine Multimedia-Agentur und gründete vor zwei Jahren, als er selbst ernsthaft erkrankt war, die Spezial-Jobbörse "Kein-Handicap.de". Insbesondere Privatfirmen würden "der Mär anhängen", dass Behinderte quasi unkündbar, weniger leistungsfähig und ständig krank seien, sagt Müller. All dies sei jedoch in der Regel falsch. Betriebsbedingte Kündigungen etwa seien auch bei Schwerbehinderten möglich, nur müsse rechtzeitig das Integrationsamt unterrichtet werden. Auch könne man nicht pauschal sagen, dass Behinderte nicht leistungsfähig seien. Viele seien gut qualifiziert und bemüht, ihr Handicap durch Fleiß auszugleichen. Auch die staatlichen Stellen funktionierten längst nicht so, wie das sein müsste. "Die Arbeitsämter sind überlastet", sagt Müller. Deshalb würden weit weniger Schwerbehinderte vermittelt, als das möglich wäre.Ähnliche Kritik kommt auch vom Sozialverband VdK, der dem Staat sogar eine Mitschuld an den schlechten Job-Chancen Schwerbehinderter zuweist. Zwar würde die öffentliche Hand viel Geld für die Integration Behinderter zur Verfügung stellen, sagt VdK-Bundesgeschäftsführer Ulrich Laschet.So könnten Arbeitgeber zum Beispiel in großem Umfang Lohnkostenzuschüsse sowie Geld für Arbeitshilfen oder den behindertengerechten Umbau von Büros in Anspruch nehmen. Doch seien die Antragsverfahren viel zu kompliziert, langwierig und wenig berechenbar. "Ich kann jeden Handwerksmeister verstehen, der bereit ist, eine behinderte Schreibkraft einzustellen, aber dann den Papierkram entnervt in die Ecke wirft", sagt Laschet. Inzwischen hat auch die Bundesregierung erkannt, dass es längst nicht ausreicht, genügend Geld für die Eingliederung zur Verfügung zu stellen. Ebenso notwendig erscheint ein Bewusstseinswandel bei Arbeitgebern und Behörden. Bei den Arbeitsämtern wurden dafür spezielle Fachdienste eingerichtet, die Arbeitnehmern und Arbeitgebern mit Rat und Tat zur Seite stehen sollen. Gleichzeitig wurde der Druck auf die Arbeitgeber erhöht. Mussten sie früher für jeden nichtbesetzten Behinderten-Arbeitsplatz 200 Mark (102,26 Euro) zahlen, kann die Abgabe jetzt bis zu 260 Euro betragen - und zwar pro Monat.Jobs gesucht // In der Bundesrepublik gibt es zurzeit rund 6,6 Millionen Schwerbehinderte. Dazu zählen alle Personen, deren Behinderungsgrad 50 Prozent oder mehr beträgt. Von den Schwerbehinderten in Deutschland ist mit 1,1 Millionen nur ein relativ geringer Anteil erwerbstätig. Ende Februar waren rund 166 000 Schwerbehinderte arbeitslos gemeldet.Mit der Kampagne "50 000 Jobs für Schwerbehinderte" versucht das Bundesarbeitsministerium seit 1999, mehr Arbeitsplätze für diese Gruppe zu erschließen.Zu diesem Zweck wurde die Ausgleichsabgabe gestaffelt. Wer mindestens fünf Prozent Schwerbehinderte beschäftigt, muss nichts zahlen.Bei einer Quote von weniger als zwei Prozent fallen 260 Euro an, zwischen zwei und drei Prozent 180 Euro und zwischen drei und fünf Prozent 105 Euro. Beschäftigungspflichtig sind Arbeitgeber erst, wenn sie mindestens über 20 Arbeitsplätze verfügen.Mehr Informationen unter www. jobs-fuer-schwerbehinderte. de

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