Berlin - Niemand hat Anwohner Thierse gefragt, ob der berühmte Sonnabend-Markt am Kollwitzplatz verlegt werden darf: Von einer Seite des Platzes auf die andere, direkt vor Thierses Haustür. Weil an der alten Stelle eine verkehrsberuhigte Zone mit Pollern errichtet wurde, mussten die Händler umziehen. Erst provisorisch, jetzt für immer, haben SPD, Linke und Grüne bei einer Ortsbesichtigung im Januar entschieden. So wie Entscheidungen über die Nutzung von öffentlichem Straßenland eben getroffen werden. Und das ärgert den SPD-Politiker.

Die Bürger wurden "getäuscht und demokratische Gremien nicht angemessen einbezogen". So steht es in einem Brief, den Anwohner Thierse an die Bezirksverwaltung geschrieben hat. "All das halte ich für höchst befremdlich!", schreibt er. In dem Brief ist allerdings nicht zu erkennen, dass Wolfgang Thierse am Kollwitzplatz lebt. Weder als Anwohner noch als SPD-Bundestagsabgeordneter, der sich für die Menschen in seinem Wahlkreis Prenzlauer Berg engagiert, hat Thierse unterschrieben, sondern als Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Der Bundesadler prangt auf dem Briefkopf.

Wolfgang Thierse, der sich als "Urgestein von Prenzlauer Berg" bezeichnet, lebt seit mehr als dreißig Jahren am Kollwitzplatz und geht sonnabends auf den Markt. Gern lässt er sich vor der Plastik von Käthe Kollwitz fotografieren. Als er 1998 Bundestagspräsident wurde, wollte Thierse seine Mietwohnung am Kollwitzplatz nicht gegen eine Dienstvilla in Dahlem eintauschen. Und jetzt das: Sonnabends ein lauter Markt mit vielen Menschen und kein Parkplatz vor der Tür. "Nun weiß ich natürlich, dass man bei Behörden als Wichtigtuer, Miesmacher, Spielverderber gilt, wenn man sich beschwert", schreibt Thierse und protestiert besser gleich als Bundestagsvizepräsident gegen den neuen Marktplatz und nicht als nörgelnder Anwohner.