BERLIN. Erika Mayr füllt die Stadt in kleine Gläser. In einem weißen Anorak steht sie auf einem Dach unweit des Kreuzberger Moritzplatzes. Ihr Blick fällt auf die Betonwände der Hochhäuser und auf die grünen Baumwipfel, die in der Ferne den Landwehrkanal säumen. Den Nektar der Blüten in einem Umkreis von drei Kilometern tragen Erika Mayrs Bienen in die Kisten, die vor ihr aufgestapelt stehen, ihre Bienenstöcke. 200 000 Bienen leben darin. Zwei Mal im Jahr erntet sie ihren Stadthonig.Die 36-Jährige ist eine von geschätzten 1000 Imkern, die es in Berlin gibt, 560 davon sind offiziell registriert. Die Imker-Community in Berlin ist groß, organisiert in 14 Vereinen. In fast allen Bezirken kann man Kurse besuchen und sich selbst das Imkern beibringen lassen.Doppelt so viel Honig wie auf dem Land"Bienen fühlen sich nirgends so wohl wie in der Stadt", sagt Marc-Wilhelm Kohfink, der gerade ein Buch darüber geschrieben hat. Er ist selbst Imker in der vierten Generation. Einige seiner Bienenstöcke stehen in einem Hinterhof in der Nähe des Görlitzer Parks. Die Stadt bietet im Grunde den optimalen Lebensraum für Bienen, erklärt Kohfink. Hausgärten, Stadtparks und in Berlin vor allem die unzähligen Alleen mit ihren Kastanien, Akazien und Linden - nirgends blüht es so vielfältig wie in den großen Städten. Auf den Dörfern gibt es ein paar Gärten, vielleicht mal ein Rapsfeld, hauptsächlich aber Pflanzen wie Kartoffeln und Mais. "Grüne Wüste" nennt Kohfink das. Und so ist es dann auch nicht verwunderlich, dass in Berlin Rekordhonigernten erzielt werde: 45 Kilogramm pro Bienenvolk etwa, in der Provinz sind es nur 20.Es ist Erika Mayrs dritter Sommer als Imkerin, hauptberuflich arbeitet sie als Gärtnerin. Sie hält jetzt ein Kännchen in der Hand, aus dem würzig duftender Rauch quillt. Damit wird sie ihren Bienen gleich einen Waldbrand simulieren, die saugen sich dann mit Nektar voll und setzen sich auf die Waben, halten still und sie kann die Flüssigkeit in die Stöcke bringen, die vor Milben schützen soll. Sie atmet tief durch. Gleich muss alles ganz schnell gehen, denn nach ein paar Minuten schon lässt die Wirkung des Rauchs wieder nach und die Bienen fliegen wieder. Sie stülpt die Kapuze über, schließt das Netz vor ihrem Gesicht, dann öffnet sie den ersten Bienenstock und blickt auf hunderte pelzige Tierchen, die emsig über die Waben wimmeln.In Stadthonig, so Kohfink, sei noch nie etwas Gefährliches gefunden worden. Der Nektar sitzt tief in den Blütenkelchen. Luftverschmutzung würde ihn dort gar nicht erreichen. Auf dem Land haben Bienen viel eher mit den Spritzmitteln aus der Landwirtschaft zu kämpfen. Und sollten sich doch Schadstoffe in gefährlicher Konzentration im Nektar befinden, würde die Biene daran sterben - bevor sie Honig aus dem Blütensaft machen kann. "Bienen sind deshalb ein guter Bioindikator", sagt Kohfink.Und sie sind eigentlich das perfekte Haustier für einen Stadtbewohner. Mehr als acht Stunden Arbeit im Jahr macht so ein Bienenstock nicht. Den Großteil erledigen die Bienen allein. Der Honig ist für Hobbyimker eher nebensächlich geworden. Vor der Wende, als in Ost-Berlin Honig staatlich aufgekauft wurde, waren Bienen ein lukrativer Nebenerwerb, heute geht es um andere Dinge. "Da lebt etwas im Garten", sagt Kohfink.Doch nicht jeder ist begeistert, wenn sein Nachbar auf einmal einen Bienenstock im Garten hat. Bienen werden landläufig mit Wespen verwechselt. Erika Mayr stört diese Ignoranz. "Viele denken, die Bienen fliegen auf ihr Marmeladenbrot, dabei sind das eben Wespen." Und da ist diese diffuse Angst gestochen zu werden, allergisch zu sein. In den Köpfen mutiert die Apis mellifera, die Europäische Honigbiene, zur Killerbiene - einer südamerikanischen Bienenart, die tatsächlich sehr aggressiv wird, wenn ihr Bienenstock angegriffen wird. Doch die gibt es in unseren Breitengraden nicht. Gestochen wird hier eigentlich nur, wer barfuß über Klee läuft - und auf eine Biene drauf tritt.Trotzdem hat Erika Mayr jedes Mal einen Adrenalinkick, wenn sie die Deckel ihrer Bienenstöcke öffnet. "Da drin ist immer irgendetwas anders, als ich es mir vorher ausgemalt habe." Dann muss sie schnell reagieren. Die Welt draußen schaltet sie in diesem Moment ab. "Imkern hat etwas Meditatives und ist gleichzeitig unglaublich lebendig." Und wenn Erika Mayr eines ihrer Honiggläser in der Hand hält, die dicke, goldene Flüssigkeit im Sonnenlicht leuchten sieht, wird sie ganz nostalgisch. "Wenn ich im Dezember den Honig aus dem Mai esse, dann weiß ich wieder, wie der Frühling in Berlin war."------------------------------Foto: Staatsbesuch: Erika Mayr schaut bei einem ihrer Bienenvölker nach dem Rechten.

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