Besuch im Filmtheater mit Kurt Scheel: "Ich & John Wayne": So ihr nicht werdet wie die Kindlein, bleibt der Kinohimmel zu

Auf dem Schutzumschlag ist das bildschöne Filmplakat von "El Dorado" abgebildet, leicht verfremdet allerdings, denn neben dem verwitterten John Wayne ist nicht etwa Robert Mitchum zu sehen; unter Mitchums Cowboyhut schaut unverkennbar das bebrillte, ins Plakat montierte Gesicht des "Merkur"-Mitherausgebers und gewesenen Filmkolumnisten Kurt Scheel hervor: "Ich & John Wayne" heißt dann auch die Sammlung seiner Texte übers Kino. Die meisten der hier versammelten Beiträge sind zuvor in der Kolumne "Scheels Lichtspiele" in der "taz" erschienen. Es sind Liebeserklärungen ans Kino und Kampfansagen an die Kunstfilmfraktion, die vom Hollywoodkino mit unverhohlenem Widerwillen und vom europäischen Kunstkino mit Ehrfucht, bisweilen sogar mit religiöser Inbrunst spricht. Die Filme des griechischen Regisseurs Theo Angelopoulos seien "in den neunziger Jahren noch reiner, noch vollkommener und noch verzweifelter geworden" Scheel zitiert diese Worte eines bekennenden Kunstfilmfreundes und fügt hinzu: "Dies ist keine Filmkritik, dies ist eine Messe, und gelesen wird sie im Osservatore Roman der Kunstreligon, der "Zeit"; an der Hammondorgel: Weibischof Andreas Kilb."Bündnis mit dem PublikumIn seinem einsamen Kampf gegen die Kunstfilmfraktion hat Scheel aber doch einen mächtigen Verbündeten an der Seite: das Publikum. In dessen Namen verteidigt er, von "Bambi" bis zu "Ein Schweinchen namens Babe", von "Stagecoach" bis zur "Paten"-Trilogie, das populäre Genrekino, das sich nicht anmaßt, große Kunstwerke zu liefern, sondern sich der schweren Aufgabe unterzieht, Gefühle in Wallung zu bringen Angst, Mitleid, Fernweh, Trauer, Liebe, Lust und reine Schadenfreude. "It s no good asking me to talk about art", hat John Ford gesagt, und Scheel rühmt den Satz als "Ausdruck von Selbstbewußtsein" eines Regisseurs, der wußte, daß Kinos etwas grundsätzlich anderes als Bibliotheken, Opernhäuser und Museen sind: "Wenn sich dort also ein Erwachsener einschleicht und wird nicht wieder zum Kindlein wahrlich, ich sage euch, ihm wird der Kinohimmel für immer verschlossen bleiben."Als Sohn eines Kinobesitzers hat sich Scheel schon früh und oft Zutritt in jene Himmelsgefilde verschaffen können, so daß er jetzt mit großer Detailkenntnis und Liebe zur Sache Auskunft geben kann.Er analysiert Cary Grants einmalige Attraktivität ("Er sah verdammt gut aus, aber ich habe ihm das immer verziehen, weil er eben so komisch sein konnte"), gibt Antwort auf die Frage, "ob Kinder im Film immer abscheulich sind", rügt das "Idiotengesetz des Zirkusfilms", nennt Wege, wie man Kinoenttäuschungen entgeht, erläutert alle Vorzüge und Nachteile des begleitungslosen Kinobesuchs ("Du blickst sehr cool und souverän, damit niemand auf den Gedanken kommt, dir fehle etwas"), beschreibt den Übergang vom Jä ger-und-Sammler-Leben des Kinogehers in die Videobäuerlichkeit und demonstriert, wie man mit Filmsentenzen zum Partylöwen arrivieren kann: "Wenn Ihnen also auf dieser Party ein Langweiler über Semiologie und Stellenstopp zu erzählen nicht müde wird, machen Sie ein blasiertes Gesicht und sagen den berühmten Rhett-Buttler-Satz: Frankly, my dear, I don t give a damn. Einen besseren Abgang kann man kaum bekommen."Hell und schnellAngehörige der Kunstfilmfraktion haben bei Kurt Scheel nicht viel zu lachen, aber für alle anderen könnte es der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein, denn Scheels Stil ist hell und schnell, komisch und selbstironisch und manchmal überraschend drastisch auf die Liste der Edgar-Wallace-Filmhelden folgt die Bemerkung, dies seien "Namen und Gesichter, wie in Scheiße gehauen". Ein hartes Wort, aber kein ungerechtes.Bedauerlicherweise hat Kurt Scheel seine "taz"-Kolumne noch immer nicht wiederaufgenommen. In die bräsige Langeweile der professionellen Filmkritik ist er mit seinen Blutgrätschen und Herzensergießungen erfreulich temperamentvoll hineingefahren, und es sollte unbedingt ein Sequel geben ("John Wayne & ich II"). "John Wayne & ich" stellen eingeschworene Fans fürs erste griffbereit ins Regal, direkt neben "Halliwell s Film Guide", die Bibel der Kinogeher. Und wer anderer Meinung ist, "der hebe sich hinweg und gehe schnurstracks in den nächsten Autorenfilm" (Kurt Scheel).Kurt Scheel: Ich & John Wayne. Lichtspiele. Edition Tiamat, Berlin 1998. 232 S., 39,80 Mark.