BERLIN. Es ist der wohl spektakulärste Münz-Skandal seit der Einführung des Euro: Jahrelang hat eine Betrügerbande offenbar verschrottete Ein- und Zwei-Euromünzen wieder zusammengesetzt und gegen echtes Geld eingetauscht. Laut Staatsanwaltschaft soll sie von 2007 bis November 2010 rund 29 Tonnen Schrottmünzen mit einem Nennwert von sechs Millionen Euro auf diese Weise recycelt haben - Zahlmeister war die Deutsche Bundesbank.Spuren führen nach ChinaAm Mittwoch gelang den Ermittlern der entscheidende Coup gegen die mutmaßlichen Betrüger. Bei Durchsuchungen von Wohnungen und Büros im Rhein-Main-Gebiet fand die Polizei schriftliche und digitale Unterlagen, drei Tonnen Münzteile und eine Maschine zum Zusammensetzen der Geldstücke. Sechs Verdächtige wurden festgenommen, vier davon seien chinesischer Herkunft. Fünf der Beschuldigten sitzen bereits in Untersuchungshaft, den sechsten erwartete gestern der Haftrichter. "Gegen die Tatverdächtigen läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Inverkehrbringen von Falschgeld", so Oberstaatsanwältin Doris Möller-Scheu.Die Spuren, denen die Ermittler schon seit einigen Monaten nachgehen, führen nach China und zur Deutschen Lufthansa. Die Behörde geht davon aus, dass die Euromünzen, die üblicherweise nach ihrer Verschrottung von der Verwertungsgesellschaft des Bundes VEBEG als Altmetall weiterverkauft werden, nach China gebracht wurden. Wahrscheinlich sei ein Großteil der Münzen, bereits in Europa entwertet worden indem der äußere Ring vom Münz-Kern, Pille genannt, getrennt wurde, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Die entwerteten Münzen seien später aber wieder zusammengesetzt worden. Anschließend soll das Geld von vier Flugbegleitern der Lufthansa, deren Reisegepäck keiner Gewichtsbeschränkung unterliegt, nach Deutschland zurückgebracht worden sein. Jede Sendung war unter 10 000 Euro und somit nicht anmeldepflichtig beim Zoll. In Deutschland sollen die Flugbegleiter die zusammengesetzten Münzen mit einigen noch gültigen Münzen vermischt und zum Umtausch gebracht haben.Die simple "Geschäftsidee" der mutmaßlichen Betrüger basierte auf der Verbraucherfreundlichkeit der Bundesbank. Denn wer Euro-Scheine mit wäscht oder eine Euro-Münze just in dem Moment auf die Gleise fallen lässt, in dem die Straßenbahn einfährt, kann das beschädigte Geld zu den Filialen der Bundesbank bringen und sich den Betrag entweder direkt auszahlen oder bei größeren Summen auf sein Girokonto erstatten lassen. Dieser kostenlose Service ist in ganz Europa einzigartig. Die Münzen werden dabei lediglich gewogen und stichprobenartig einer Sichtkontrolle unterzogen.Die beschädigten Münzen gibt die Bundesbank an die Prägestätten weiter. Diese entwerten die Geldstücke im Auftrag des Bundesfinanzministeriums, das die Hoheit über das Münzgeld hat, mit einer speziellen Maschine, dem sogenannten Decoiner. Sie deformiert die Münzen und trennt die verschiedenen Metalle. Offenbar wird aber nicht kontrolliert, ob die Münzstätten die Geldstücke auch fachgerecht entwerten. "Wir haben keinen Anlass, an der korrekten Durchführung des Auftrags zu zweifeln", sagte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums.29 Tonnen an Geldstücken sind keine Größenordnung, die der Bundesbank auffallen müsste: Jährlich werden bei den 47 Filialen der Bundesbank insgesamt fast 70000 Tonnen an Münzen eingezahlt. "Insofern stellen 29 Tonnen in drei Jahren keine besonders auffällige Größenordnung dar", so eine Bundesbank-Sprecherin.Darüber, wie der Schwindel aufgeflogen ist, wird viel spekuliert. Zu hören ist, dass die Ermittler Verdacht schöpften, als Anfang 2010 am Frankfurter Flughafen eine Stewardess aufgefallen war, weil das Gewicht ihres Handgepäcks sie überforderte. In ihrer Tasche hätten Beamte Tausende Ein- und Zwei-Euro-Münzen gefunden. Ein anderes Gerücht besagt, dass in China beim Zusammensetzen der Geldstücke ein Fehler gemacht wurde und ein französischer Ring mit einer deutschen Pille gepaart worden sei. Dies sei bei einer der Sichtkontrollen dann aufgefallen. Doch weder die eine noch die andere Version wurde von der Staatsanwaltschaft bestätigt. Sicher scheint nur: Ein Tatverdacht gegen Mitarbeiter der Bundesbank besteht nicht.------------------------------Vor der EinschmelzeEntwertung: Beschädigte Münzen werden mit einem Spezialwerkzeug, einem Decoiner entwertet, indem er die Münzen deformiert. Bei den zweifarbigen Ein- und Zwei-Euro-Münzen wird zudem das innere und das äußere Material getrennt, damit sich beim Einschmelzen die verschiedenen Legierungen nicht vermischen.------------------------------Foto: Aus Schrott mach Geld: Betrüger haben rund 29 Tonnen Euro-Münzen im Nennwert von sechs Millionen Euro recycelt - zum Schaden der Bundesbank.