Von ferne betrachtet, könnte das ockerfarbene Gebäude in der Rue d'Ostende zu Straßburg ein Generalkonsulat abgeben. Eine mixt Stacheldraht gekrönte zweieinhalb Meter hohe Mauer schützt die französischen Beamten vor unliebsamen Überraschungen. Tagsüber bilden sich hier zwischen den alten Kastanienbäumen kleine Menschentrauben. Wortfetzen in verschiedensten Sprachen suchen ungeduldig ihren Adressaten.Frühere NVA-Soldaten zieht es nach StraßburgEin Nationalitäten-Gemisch aus Polen, Ungarn, Russen, Engländern, Deutschen wie auch Schweizern harrt in Reih und Glied der Dinge. Keine Familien, keine älteren Menschen. -- Es sind Jungengesichter, kaum einer ist älter als 18 Jahre.Gelangweilte, Orientierungslose, Gescheiterte, aber auch Idealisten und Romantiker treibt es hierher. Sie alle verließen ihre Heimatländer ziemlich plötzlich. Sie sind arbeitslos, ohne je gearbeitet zu haben; kriminell geworden, ohne von Interpol gesuchte Schwerstverbrecher zu sein.Die Neuankömmlinge starren auf ein kunterbuntes Soldaten-Plakat am Portal: weißes K4pi, Unterarme wie Keulen, Epauletten rotgrün, Augen gen Sanddilnen, Meer und blauen Himmel gerichtet. Nur ein kleines Schild gibt den Hinweis: Legion ~trangdre, Frankreichs Fremdenlegion.Im Schulungsraum der Legionärs-Kaserne zwischen museumsreifen Maschinengewehren mixt der französischen Fahne an der Wand inspiziert Major Oliver Souville, Kommandant des Rekrutierungsburos, die t ~euankömmlinge für die Söldnertruppe.Es werden Mitte der neunziger Jahre immer mehr Bewerber. Nach offiziellen Angaben sollen es allein im Jahr 1993 über 10 000 gewesen sein -- davon kamen zwei Drittel aus früheren Ostblock-Staaten -- vor allem ausgemusterte polnische, russische und ehemalige DDR-Soldaten der Nationalen Volksarmee.Knappe 8 500 Mann aus weit über hundert Ländern beherbergt die L& gion. "Wenn wir wollten", befindet Lieutenant-colonel Richard Pau vom Hauptquartier aus Aubagne, "könnten wir ohne großes Aufsehen eine 100 000-Mann-Eingreiftruppe aller Sprachen, aller Rassen auf die Beine stellen. Nur das ist eine politische Entscheidung und die wird in Paris getroffen."Vorbei sind die Zeiten, in denen sich junge Männer in billigen Spelunken von Legionärs-Anwerbern mit Prostituierten in, Gefolge betrunken machen ließen, sich im Vollrausch für die Lögion verpflichteten -- und dann in der Kaserne wieder aufwachten. Heute werden vier von fünf Bewerbern wieder nach Hause geschickt -- oft zurück in die Strafverfolgung ihrer Länder; fast ininier in die Arbeitslosigkeit.Pass" sind jene romantisch untermalten Legenden von Legionären auf Kamelen vor dem Wüstenfort des früheren Hauptquartiers im algenschen Siddi bei Abbes. Aus den Legionären im neunziger Jahrzehnt sind hochqualifizierte Spezialisten geworden. Ihr Fachgebiet heißt 1 Krieg. Und wenn es den nicht zu führen gilt, bauen sie Straßen durch den Dschungel von Guayana, observieren Frankreichs Atom-Atoll in der Südsee oder im Raumfahrtzentrum von Kourou. Überall dort verdienen die Legionäre jedenfalls das Doppelte ihres ursprünglichen Gehalts; etwa 2 000 Mark bei freier Kost und Logis.Rau an die Blutwurst, posaunt der MajorRoutiniert ist Major Souvilles Blick in der Straßburger Kaserne, emotionslos seine Höflichkeit. Korrekt sitzt die Uniform des Kommandanten -- Ausdruck einer über Jahrzehnte versteckten Selbstgewißheit, noch vor den amerikanischen Ledernacken als die härteste, brutalste Truppe überhaupt zu gelten."Tiens, viola du boudin", (ran an die Blutwurst) posaunt Monsieur Souville an diesem Morgen zum wie.derholten Male. Kaum einer versteht s. -- Noch nicht. Aber die Jungen nicken wißbegierig.Wie bei einer Pferdeversteigerung Läßt sich der Major die Zähne zeigen, Muskeln wie Brustkorbumfang vorführen. Nach wie vor ist nämlich der Körper wichtiger als der Kopf. Eineinhalb Dioptrien zuviel sind schlimmer als 20 IQ zuwenig. Sodann entläßt der Inspizient die Jugendlichen mit einem Zitat. Der ehemalige Befehlshaber der französischen Truppen in Algerien, General Georges Cartoux, sagte über seine Söldner: "Sie jammern nicht, sie haben keine schwangeren Ehefrauen und keine im Sterben liegenden Mütter. Sie stehen für keine Sache und für keine Idee. Kein General in der Welt kann sich eine bessere Truppe wünschen als diesen heimatlosen Haufen ohne Vaterland. -- Abtreten!"Durch das Offizierskasino im Chateau' einem Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, säuseln Wortfloskeln im Französisch der feineren Gesellschaft. ,Aah, mon capitaxne .. respect mon colonel ...". Benimm wie Bewegung lassen im Hauptquartier der Legion in Aubagne keinen Zweifel aufkommen, daß hier noch alltägliche Männer-Rituale aus der Koloniaizeit fortleben.Männer-Rituale im HerrenhausAuf dem Kasernenplatz prunkt eine weißgefleckte Weltkugel in Bronze. Jeder helle Punkt signalisiert: Da hat die Lögion gekämpft. Hier findet der Aufmarsch einer Ehrenkompanle weißer Köpis statt, Trommelwirbel' Fanfaren, würdiges Schreiten mit exakt 76 Schritten in der Minute, Hand auf der Brust, die Marseillaise als Begleitmusik -- Zeitlupentempo.Nicht weit vom Bronze-Ball auf dem Appellplatz steht seit etwa einer Stunde der frischgebackene IBjährige Legionär Ernst Hasinger aus Bochun" in voller Montur stramm. Hinter ihm ist in großen Lettern auf einen Sockel geschrieben: "Legio Patris Nostra" -- Die Legion ist unser Vaterland.Seit einer Stunde sagt Hasinger fortwährend einen Satz: "Je suis un äne" (Ich bin ein Esel). -- Strafexerzieren für ein liederlich gemachtes Bett.Mit welchem bürgerlichen Namen Legionär Hasinger bei der Lögion ankam, das mag er nicht sagen. Wie die Mehrzahl seiner Kameraden, so hat auch er sich nach französischem Gesetz einen anderen Namen Zugelegt. "Bochum", stammelt der frisch gekürte Legionär aus Deutschland auf einmal in seinem Ruhrpott-Fran zösisch, "da will ich nie wieder hin," Jetzt will er Franzose werden. Wie seine Kameraden aus Cottbus und Rostock.IWieder laufen brandfrische Filme aus SarajevoZunächst sind Ernst Hasinger die Haare kurz geschoren worden. Über vier Monate wurden er und seine Kameraden dann auf einem isolierten Campus nahe der tristen Kleinstadt Castelnaudry so hart im Nahkampf geschliffen, als Scharfschützen abgerichtet, daß jeder Dritte vor Ende des Drills abmusterte. Befund: DienstuntAuglich geworden auf einem der zahllosen 50-Kilometer-Gewaitmärsche.Immerhin hat Ernst den Legio" närs-Grundschliff überstanden, darf zur Belohnung nun auch das K~pi blanc tragen. Nur zu unruhig ist er. Deshalb lassen ihn ja seine Vorgesetzten über eine Stunde stranimste" hen und "Esellaute" von sich geben.Derweil laufen im Kommunikations-Video-Zentrum des Hauptquartiers wieder brandfrische Kriegsfilme von den Kämpfen aus Sarajevo ein. Ernst weiß das, weil er die Drehungen der Parabolanlagen verfolgen kann. Als aktuelle wie logistische Informationen sind sie sehr wichtig für die L" gion, falls Frankreichs Söldner doch den Marschbefehl zu einer Intervention bekommen sollten. Keine 24 Stunden später wären sie dort. Vertragssoldat Hasinger sagt: "Eigentlich müßten wir dort richtig mit dem Bajonett aufräumen."Aber freilich noch lieber würde Ernst als Frankreichs neuer Legionär in der Südsee Wache schieben -- "wegen der Bezahlung, des Klimas, der schönen Frauen und so.Auf einm Campus nahe der Kleinstadt Castelnaudrv proben Fremdenlegionäre den Nahkampf.