Am 21. November 1885, mitten im Gründerrausch der Kaiserzeit, trifft ein gut aussehender, dandyhaft gekleideter junger Wiener in Berlin ein. Er hat tiefblaue melancholische Augen, trägt einen Backenbart und einen fein gezwirbelten Schnurrbart. Für die Stadt hat er kaum einen Blick. Ihn interessieren einzig und allein die Theater. Eigentlich gilt zu dieser Zeit das Wiener Hofburgtheater als Olymp des deutschsprachigen Bühnenlebens, das Deutsche Theater in der Schumannstraße ist gerade erst gegründet und ringt noch um Profil. Aber an der Burg hat man Herzl schon mehrmals abgewiesen. Und außerdem: "Nur ein Stück, das an einer Berliner Bühne reüssirt hat, wird von den hundert deutschen Bühnen nachgespielt", schreibt Herzl den Eltern und erbittet ein oder zwei Jahre Geduld: "Werde höchstens nicht mit 26, sondern mit 27 Jahren ins Burgtheater kommen. Kommen werde ich. Das ist ja der Gipfel meiner Karriere."Im Reisegepäck trägt der unerprobte Dramatiker drei sorgfältig handkopierte Manuskripte mit den Titeln "Die Causa Hirschkorn", "Tabarin" und "Muttersöhnchen". Auf das letzte Stück setzt er die größten Hoffnungen. Er hat es in Salzburg begonnen, als er beim Landgericht eine Stellung antrat und - wie so viele Talente der deutschen Literatur - frühzeitig die Flucht vor dem Aktenstaub in das Reich der Poesie antrat.Der Ankömmling in der pulsierenden deutschen Reichshauptstadt steigt zunächst im Central-Hotel am Bahnhof Friedrichstraße ab, das einen ganzen Straßenblock umfasst und mit einem Wintergarten für dreitausend Personen aufwarten kann. Sein Hotelzimmer will er zum Arbeitsplatz machen, beklagt jedoch "zuviel Lärm" und wechselt am nächsten Tag in eine preiswerte Wohnung mit "Schlafcabinet und Arbeitszimmer", Unter den Linden 58. Aber auch da peinigt ihn, lange vor der Erfindung des Autos, der "riesige Wagenlärm" auf der Straße. Doch er bleibt. Bei der Kontaktanbahnung hilft Emil Treitel, ein Geschäftsfreund des Vaters. Dem jungen Gast aus kultiviertem assimiliertem jüdischem Hause in Wien gefällt das Gesellschaftsmilieu bei den reichen Juden im damaligen Berlin W eigentlich nicht. "Gestern war grand soirée bei Treitel. An die 30 - 40 kleine hässliche Juden und Jüdinnen. Kein tröstender Anblick", notiert er im Tagebuch. Aber er wird liebenswürdig behandelt, taut auf und liest ein paar Tage später der Hausherrin und ihrer Schwester aus seinem Vier-Akter vor.Er lässt keine Gelegenheit aus, seine Texte ins Gespräch zu bringen. Er sucht Lindau auf, der ihm vom Deutschen Theater abrät und eher das "novitätenlose Hoftheater", nämlich das Königliche Schauspielhaus, empfiehlt. Bald reden viele Leute in Gesellschaft vom "Muttersöhnchen", aber immer wieder stellt er fest: "Gelesen hat es noch Keiner". Der Theateragent Felix Bloch meint, die Stücke seien zu österreichisch. In der Tat: Der junge Herzl schreibt im Stil des altmodischen Wiener Bürgertheaters. Auf den Brettern, die ihm die Welt bedeuten, liegen Plüschteppiche. Man trägt Lackschuhe, und es wimmelt von adligen Parvenüs, ehrgeizigen Advokaten, verdorbenen Börsianern, blonden Engeln und schlauen Mitgiftjägern. "Muttersöhnchen" hat einen jungen Aristokraten namens Gabriel von Rosen zum Helden, einen selbstsicheren Gesellschaftslöwen und Verführer. Figuren wie diese spreizen sich, als müssten sie sich aufwerten, sie reden im Salonton, liefern sich elegante, aber blutleere Wortgefechte. Über allem weht der Hauch der Dekadenz des Wiener Fin de Siècle.Die Absagen bleiben nicht aus. Den "Tabarin" schickt das Deutsche Theater kommentarlos zurück. Nach einer Woche dämmert es Herzl, dass er seine Erwartungen etwas dämpfen muss. Von Bloch offenbar beraten, rechnet er sich nun für "Muttersöhnchen" eher Chancen bei Franz Wallner aus, der das populäre Wallner-Theater betreibt. Franz Wallner, ein "höchst charmanter Mensch, wenn er auch eine spitze Zunge hat und nicht gemüthlich ist", hat Berliner wie auch Wiener Blut in den Adern. Wallners Vater, der Gründer, wechselte 1864 vom Josephstädtischen Theater Wien nach Berlin und gründete dasWallner-Theater in der Blumenstraße 9, in der Nähe des heutigen Alexanderplatzes. Im Volksmund hieß es bald Grüne Neune, woraus sich der Berliner Überraschungsausruf für leicht skandalöse Ereignisse ableitet: "Ach du grüne Neune!" Am Wallner-Theater laufen so genannte Halbwelt-Dramen, die das Massenpublikum anlocken. Die Wallner-Söhne werden mit Textangeboten überschwemmt, zweihundertfünfundsiebzig wurden allein im Jahr 1882 gezählt. Der 31-jährige Junior Franz Wallner packt das Manuskript des 25-jährigen Neulings auf den Eingangsstapel, redet sich aber vorsichtshalber schon darauf hinaus, dass "Muttersöhnchen" kein reines Lustspiel sei und empfiehlt es nach Hamburg weiter. Nichts geschieht. Nach drei Wochen in Berlin ist Herzl mürbe und wohl auch knapp bei Kasse und entschließt sich zur Rückkehr. "Man kann nicht alles auf einmal erstreben", notiert er unverdrossen. "Die Ergebnisse meiner Reise werden vermuthlich erst später reifen." Erst im Herbst des folgenden Jahres erscheint er wieder in der Stadt, von der er sich den großen Multiplikationseffekt erhofft. Er hat ein paar Sommerwochen in Paris und in der Normandie verbracht, Depressionen ausgelebt, Feuilletons für Wiener und Berliner Zeitungen geschrieben und trägt nun ein neues Manuskript in der Tasche. Diesmal nimmt er "ein freundliches stilles Zimmer" in Töpfers Hotel am Karlplatz, wo heute die Reinhardtstraße die Luisenstraße kreuzt.Das neue Stück, "Seine Hoheit", gibt sich als Satire auf das Geld, aber es ist der übliche gekünstelte Dialog ordinärer Neureicher und edler Aristokraten, von Figuren ohne nachempfindbares Seelenleben. Was als Liebesgeflüster daherkommen müsste, plätschert als Salondialog dahin, die Ehe nennt der Autor ein Spekulationskonsortium, und romantische Gefühle behandelt er geradezu mit Abscheu: "Die Jugend ist ein Märchen, eine Illusion alter Leute". Mit solch altkluger Bürgerlichkeit hat Herzl beim Deutschen Theater keine Chance zu einer Zeit, als man dort auf den Realismus und die gnadenlose Demontage der Bürgerwelt bei Ibsen und Strindberg aufmerksam wird und sich bald auch der zwei Jahre jüngere Gerhart Hauptmann mit seinen aufrüttelnden naturalistischen Stücken durchsetzt.Doch der 26-Jährige ist in seinem Ehrgeiz nicht zu erschüttern. Ratschläge des Theaterverlegers Bloch aufgreifend, schreibt er "Seine Hoheit" um und hofft auf eine Probeaufführung wenigstens in Frankfurt an der Oder. Er plant, mit dem neu abgeschriebenen Manuskript nach Hamburg zu fahren, sucht dann in Dresden und Berlin nach einem Verleger, der seine Feuilletons für die Wiener Zeitung "Presse" als Buch herauszugeben bereit wäre, und wird so nervös, dass er sich einmal sogar kurz mit den Eltern anlegt, die offenbar befürchten, der vergötterte Sohn beginne in Berlin über seine Verhältnisse zu leben. Pikiert schreibt er nach Wien, er sei "weder Loteriebruder noch Pflastertreter" und verteidigt seinen Anspruch auf Unterstützung. "Wenn ich mir die harte Zeit der Anfänge Monate, ja vielleicht um Jahre verkürzen kann, so wäre es sträflich philiströs an ein paar Hotelkerzen zu denken." Es gibt ja in Berlin für die langen Abende, an denen er seine Korrespondenzen verfasst, noch kein elektrisches Licht.Die Tonlage kommt nicht von ungefähr. Diesmal macht Herzl Fortschritte, wenn auch noch nicht als Bühnenautor. Der Gewinn seiner zweiten Berliner Tour ist eine Verabredung mit dem Chefredakteur des "Berliner Tageblattes", Arthur Levisohn, über regelmäßige journalistische Mitarbeit. Bis zum Frühjahr 1887 und dann noch einmal ab Herbst des gleichen Jahres füllt der Wiener in der damals wichtigsten Berliner Zeitung jeden Montag drei kleine Feuilleton-Spalten mit dem Titel "Reise rund um die Woche". Dort kann er nach Gutdünken Themen aus Politik und Gesellschaft, Literatur und Theater aufgreifen, "um seinen Witz darüber spielen zu lassen", wie der Biograph Axel Bein schreibt. Was bei Berliner Literaten einen gewissen Eindruck machte, aber die Leser bald kalt gelassen habe.Später wird es der Gelegenheitsschreiber bei der "Neuen Freien Presse" in Wien zu einem Großmeister des deutschsprachigen Feuilletons im ausgehenden 19. Jahrhundert bringen, aber er sieht das sein Leben lang nie anders denn als Zwischenspiel an. Misserfolge vor Redaktionsschreibtischen, die in jungen Jahren noch vorkommen, schmerzen ihn weit weniger, als später die Demütigungen des Wartens vor verschlossenen Türen von Theaterdirektoren oder an der Pforte von Herrscherpalästen. Dem Schriftsteller Hermann Sudermann, den er in Italien kennen lernte, versichert er in einem Brief nach Berlin, "dass in mir auch noch solche ernste Sachen stecken, von denen meine armseligen und frivolen Kleinigkeiten keine Spur verrathen. Auf dem Theater, für das ich bisher onanistisch meinen besten Samen fließen ließ, gelten die ernsten Sachen freilich nichts. Aber die Zeit wird kommen." Im Sommer 1887 findet diese Hoffnung Nahrung. Am Wallner-Theater haben sie das veränderte Stück "Seine Hoheit" vom Wartestapel gegriffen und nehmen es überraschend an. Mit der Zusage in der Tasche gelingt es Herzl, das Stück auch noch am Prager Deutschen Landestheater unterzubringen. Schließlich ist Prag schneller, dort steigt am 12. Februar 1888 die Uraufführung, das Wallner-Theater zieht erst am 18. März nach.Herzl ist erwartungsfroh bis zum Übermut, als er nach der Prager Premiere zum dritten Mal in Berlin erscheint, diesmal endlich im Rampenlicht. Mehrfach muss er im Wallner-Theater vor den Vorhang treten. Sein Wiener Freund Heinrich Kana spottet: "Es freut mich, dass der lange braune Junge, der so viele Jahre an meiner Seite missmutig und weltverachtend einhergeschritten, das Berliner Publicum von der Bühne herab mit seiner Physiognomie bekannt gemacht hat." Bei der Premierenfeier im Berliner Hotel Kaiserhof am Wilhelmplatz hört Herzl von Levysohn und Wallner nichts als Komplimente: "Seine Hoheit" sei die beste Lustspielnovität der Saison und er habe damit in Berlin seinen Namen als Dramatiker von großer Zukunft begründet. Von der Kritik sieht er sich "leise gelobt oder mäßig getadelt". Der "Börsencourier" befindet, Herzl sei "der nicht gerade schüchterne aber doch des Bodens unkundige, sehr leicht stolpernde literarische Debütant.. Der Dialog ist gefällig, elegant, verräth Witz und krankt nur in dem Bestreben einer zu großen Anhäufung von Esprit." Im "Berliner Tageblatt" nennt der Prager Dramaturg Heinrich Teweles den Autor einen Pointenverschwender, der unter die Kuratel des Regisseurs gestellt werden müsse.Festzuhalten bleibt: Der 28-Jährige hat in Berlin den Sprung auf eine deutschsprachige Theaterbühne geschafft, von der aus er wahrgenommen werden kann . Ein Jahr später stellt sich geteilter Erfolg in Wien ein. Am Burgtheater, dem Tempel aller frühen Träume Theodor Herzls, werden "Die Wilddiebe" aufgeführt, ein Gemeinschaftswerk mit dem routinierten Dialogschreiber Hugo Wittmann. Im Mai 1889 bringt Herzl einen Einakter mit dem Titel "Der Flüchtling" im Abendprogramm unter. Zwei weitere Jahre später werden Herzl-Stücke an 17 österreichischen Bühnen gespielt, wenngleich nur mit mäßiger Beachtung. Er wird nie ein Arthur Schnitzler oder Hugo von Hofmannsthal werden. Selbst sein bekanntestes Stück, "Das neue Ghetto", das er 1894 in einem siebzehntägigen Schreibrausch zu Papier bringt, braucht vier Jahre, bis es gnädige Aufnahme am Carl-Theater findet, einem Wiener Pendant des Berliner Wallner-Theater.Hunderte Autoren jener Zeit wären über eine solche Bilanz zufrieden gewesen, Herzl nicht. Seine Psyche antwortet auf die Erkenntnis, dass er nur zu dramatischem Mittelmaß tauge, immer wieder mit Depressionen. Die in seiner Jugend formulierte Selbstbescheidung, er werde sich "das Maul abwischen und das Literaturmachen anderen überlassen", vielleicht werde doch noch ein ordentlicher Advokat aus dem "verunglückten, gliedergebrochenen Dichterling und Schriftentsteller? - das gilt nicht mehr.Der Salonliterat sucht nach einer anderen, ihm gemäßen, großen Lebensaufgabe. Die dichterischen Kräfte des hoch begabten Feuilletonisten sublimieren auf der politischen Bühne. 1896 veröffentlicht er sein berühmt gewordenes Traktat "Der Judenstaat". Ein Jahr später begründet er auf einem Kongress in Basel die zionistische Weltbewegung. Noch dreimal kehrt der ungarisch-jüdische Österreicher nach Berlin zurück. Das erste Mal im Januar 1898, um an einer Konferenz reicher Berliner Juden teilzunehmen, gleich darauf im Februar, als in der deutschen Hauptstadt eine zionistische Massenversammlung stattfindet und das "Neue Ghetto" aufgeführt wird. Und schließlich im Oktober 1898, um von hier aus nach Liebenberg in der Mark zum Landsitz des Grafen Eulenburg und nach Potsdam zum Außenminister Graf von Bülow weiterzureisen und dort dafür zu werben, dass der deutsche Kaiser auf einer geplanten Palästinareise ihm, Herzl, eine Audienz gewähre. Aber das gehört schon in seine andere, Theodor Herzls zionistische Geschichte.------------------------------Foto: Theodor Herzl starb vor 100 Jahren. Das Foto entstand um 1900.