In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass das Bundeskriminalamt derzeit Daten eines Youtube-Kontos aus den USA auswerte, das Beate Zschäpe am 11. Januar 2011 angemeldet haben soll. Über das Konto mit dem Zugangsnamen „Liese 1111“ sollen demnach mehr als 700 Filme angeklickt worden sein – neben Hunderten Pornos und Sexfilmchen sollen der oder die „Liese 1111“-Nutzer auch öffentlich-rechtliche TV-Dokus über deutsche Neonazis und alte Ausgaben der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ angeschaut haben. Letzteres ist besonders bemerkenswert, da die angeklickten XY-Sendungen Beiträge enthielten über den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn und eine Bankraubserie in Ostdeutschland. Diese Taten werden von der Bundesanwaltschaft dem NSU-Trio angelastet.

Für Zschäpe dürften die Klickergebnisse des „Liese 1111“-Kontos, sollten sie noch in den Prozess eingeführt werden können, äußerst belastend sein. Wären sie doch das bislang schwerwiegendste Indiz für den zentralen Vorwurf der Bundesanwaltschaft, die Hauptangeklagte habe von den Taten ihrer Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gewusst und daran logistisch mitgewirkt.

Noch viele ungeklärte Fragen

Ob dieser zentrale Anklagepunkt aber wirklich nachzuweisen ist, bleibt auch nach mittlerweile 219 Verhandlungstagen die spannendste Frage des Prozesses. Auch wenn es eine ganze Reihe von Indizien gibt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit dafür sprechen, dass Zschäpe zum NSU-Kern gehört hat und an den Terrorakten der Bande beteiligt gewesen sein könnte. So wurden etwa in der von ihr mitbewohnten Wohnung die bei den Morden verwendeten Tatwaffen sichergestellt; ihre Fingerabdrücke fanden sich an wichtigen Beweismitteln, etwa an einem der versandten Bekennervideos des NSU und an dem sogenannten Zeitungsarchiv des Trios, in dem Berichte über die mutmaßlichen NSU-Taten gesammelt wurden.

Ungeklärt ist aber nach wie vor die Frage, ob das Trio wirklich so ganz allein und abgeschottet gehandelt hat, wie es die Ankläger behaupten. Zwar spricht alles dafür, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt an den neun Ceska-Morden und dem Nagelbombenanschlag von Köln direkt beteiligt waren. Was aber nicht bedeutet, dass es nur diese zwei beziehungsweise – zählt man Zschäpe hinzu – drei Täter gab. Es gibt mittlerweile an mehreren Tatorten konkrete Hinweise darauf, dass mehr Personen an den NSU-Anschlägen beteiligt gewesen sein könnten. Diesen Hinweisen sind aber weder die Bundesanwaltschaft noch das Gericht ernsthaft nachgegangen.

Unaufgeklärt ist bislang auch die mögliche Verwicklung des Verfassungsschutzes oder einiger seiner Mitarbeiter in die NSU-Taten. Anwälte der Nebenkläger hatten bereits im April in einer gemeinsamen Erklärung bemängelt, dass mit dem NSU-Prozess „der falsche Schein erzeugt (wird), es könne über die angeklagten Taten ein Urteil gefällt werden, ohne die Rolle der Geheimdienste zu thematisieren“. Scharfe Kritik wurde an der Bundesanwaltschaft geäußert – sie halte „systematisch Akten und Erkenntnisse zurück“, monierten die Anwälte. Nach ihren Erkenntnissen waren im Umfeld des NSU-Trios zwischen 1998 und 2011 mindestens 46 V-Leute des Verfassungsschutzes aktiv.