REINICKENDORF Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt: Die Dauerbewohner und Sommersiedler der Kolonie "Neue Heimat" sollen bis heute endgültig ihre Parzellen an der Gorkistraße räumen. Die Bewohner wehren sich seit zwei Jahren gegen die Baupläne der Wohnungsbaugesellschaft DEGEWO.Auf dem gesamten Areal klaffen überall Lücken. Abgerissene Häuser, Schutt, verwilderte Gärten. Eine Familie schiebt mit Schubkarren die Reste ihres Domizils in einen Schuttcontainer. "Uns hat keiner geholfen, jetzt müssen wir noch auf eigene Kosten räumen und uns eine Wohnung suchen", sagt die Frau verbittert. Sie lehnt weitere Auskünfte ab. Im Stich gelassen Viele Siedler sind mürbe von den Auseinandersetzungen um ihre Grundstücke, auf denen zahlreiche seit Jahrzehnten leben. "Wir fühlen uns im Stich gelassen, die meisten sind einfach fertig", sagt Günter Neitzel. Er gehört zum Häuflein der Aufrechten, die noch die Stellung halten.Seit die DEGEWO das Grundstück erwarb, war es mit der Idylle im Grünen vorbei. "Durch einen Federstrich über Nacht wurde das Gelände als Bauland im neuen Flächennutzungsplan ausgewiesen", erinnert sich Werner Timm, 1. Vorsitzender des Kleingartenvereins "Neue Heimat". Die Siedler standen wie ein Mann, hängten Transparente an ihre Hecken, demonstrierten, sammelten Unterschriften. Und sie zogen vor Gericht, als ihnen zum Jahresende 1994 die Kündigungen ins Haus flatterten."Was die mit uns machen. Und alles im Namen der Kirche", schimpft Margot Wegener. Sie denkt auch an die vielen älteren Leute wie den 88jährigen Wilhelm Krauel, der 1944 als erster Bewohner hierherzog. "Viele Bewohner sind wegen dieses Nervenkrieges krank geworden und würden kaputtgehen, wenn sie noch mal umziehen müßten", sagt die 69jährige leise. Eine Forderung der DEGEWO schürt neue Ängste: Die Wohnungsbaugesellschaft verlangt von den Bewohnern ab Januar monatlich zwischen 1 500 und 3 000 Mark "Schadensersatz für anhaltende Besitzentziehung". Keine Post vom Gericht "Noch sind wir nicht verloren, auch wenn die Äußerungen von seiten der DEGEWO darauf abzielen, als wäre alles geklärt und wir schon weg", sagt Timm entschlossen. Daß die Bewohner hier noch ewig bleiben könnten, davon gehe wohl keiner mehr aus. "Wir wollen einen Räumungsaufschub erreichen, bis unsere Berufungsverhandlung im November dieses Jahres über die Bühne ist." Bis gestern hatten die 70 Siedler keine Post vom zuständigen Kammergericht über den beantragten Aufschub. "Wir bedauern, daß es zu einer Konfrontation mit den Koloniebewohnern gekommen ist und wir zu einer Räumung gezwungen sind", sagt DEGEWO-Justitiar Reinhard Fuchs von Rabenau. Aus seiner Sicht gab es genügend Angebote für die Siedler und Sommerbewohner. "Wir haben Abfindungen gezahlt und immer wieder angeboten, bei der Wohnungssuche behilflich zu sein."Er sieht das Recht auf seiner Seite: "Die Kirchengemeinde hat keine Nutzungsverträge mit den Bewohnern abgeschlossen." Es werde niemand auf die Straße gesetzt, aber die DEGEWO halte auf jeden Fall an ihren Bauplänen fest. +++