Montagnacht, kurz vor elf in der Simon-Dach-Straße: Kellner bauen vor den meisten der 17 Gaststätten Stühle und Tische ab. An einer Kneipe, dem "100Wasser", sitzen noch zahlreiche Gäste. "Die Terrasse wird jetzt geschlossen", sagt der Kellner zu Neuankömmlingen. Doch an manchen Tischen wird gerade erst gegessen. "Was soll ich denn machen?" fragt Inhaber Nico Ilhan. "Drinnen ist kein Platz mehr." Doch um 23 Uhr dürfte in der Simon-Dach-Straße eigentlich kein Gast mehr vor dem Lokal sitzen. Das Bezirksamt Friedrichshain hat den Wirten in der Straße am letzten Donnerstag ein entsprechendes Schreiben zugestellt. Freitags und sonnabends müssen die Biergärten um Mitternacht, an den anderen Tagen um 23 Uhr geschlossen sein. Ein Erfolg der Anwohner.Die Wirte halten sich neuerdings daran. Um drei viertel zwölf ist vor allen Lokalen der Gehweg geräumt. Nicht ohne Murren. "Wir werden das nicht einfach so hinnehmen", sagt Thomas Reuter vom "ad libitum". Die Gastwirte haben sich zusammengetan, sind sich aber noch nicht einig, was sie unternehmen könnten. Auf die Einnahmen am späten Abend seien sie angewiesen, sagen sie. Ab 22 Uhr nicht mehr auszuschenken, damit draußen pünktlich Schluss gemacht werden kann, lehnen sie ab. "Wir leben doch von der Stunde zwischen zehn und elf", sagt Michaela Schlegel vom "Conmux". "Vorher ist zu wenig los."Doch die Anwohner wollen es so. Schon im letzten Jahr hatten sie mit den Wirten eine Abmachung getroffen: freitags und sonnabends sollte um ein Uhr, unter der Woche um 23 Uhr Schluss sein. "Wir haben die Sache nicht ernst genommen", gibt Thomas Reuter zu. "Mittlerweile ist das so ausgeufert, dass man selbst bei geschlossenen Fenstern nicht mehr schlafen kann", sagte Anwohnerin Helke Scharfenberg. Sie hat es satt: Bis um drei Uhr morgens Gelächter und Gläserklirren. "Da stehe ich senkrecht im Bett", sagt eine ihrer Nachbarinnen. Dabei hatte alles so charmant angefangen. "Wir hatten ein nettes Verhältnis zu den Wirten und saßen selbst oft dort. Wir waren ihre ersten Gäste", sagt Helke Scharfenberg.Vor zwei Wochen gab es im Rathaus ein Treffen von Anwohnern und Wirten. "Wir wollen eine vernünftige Lösung finden und alles rechtlich verbindlich festlegen", kündigte Bürgermeister Helios Mendiburu (SPD) an, der das Treffen moderierte. Die Wirte wollten allenfalls die Vereinbarung aus dem vergangenen Jahr akzeptieren, die Anwohner am liebsten ab 22 Uhr Nachtruhe. Das Kompromissangebot von Anwohner Horst Hippchen hat das Bezirksamt für gut befunden und jetzt als Anordnung zugestellt.Mittlerweile schauen die Wirte ab 23 Uhr nach: Stehen bei der Konkurrenz noch Bänke und Tische draußen? Wo werden noch Gäste bedient? Warum hält sich der Nebenmann nicht an die Vorschrift? "Manche haben wohl die besseren Beziehungen zum Bezirksamt", lästert ein Kellner.Nico Ilhan vom "100Wasser" geht am Montag von Tisch zu Tisch. Seine Kellner haben die Stühle gegen die Tische gelehnt, aber neue Gäste kommen und klappen sie wieder auf. Er bittet die Leute, sich lieber ins Lokal zu setzen. "Wenn jetzt die Polizei kommt, bin ich dran", sagt er.Die Polizei kommtKurz darauf ist es soweit. Zwei Polizisten treten ein. Ein Anwohner hat um 23.20 Uhr angerufen und sich beschwert. Der Beamte wird dem Wirtschaftsamt des Bezirks Bericht erstatten. "Dort wird dann entschieden, ob der Wirt ermahnt wird, ein Bußgeld zahlen muss und ob die Genehmigung zum Betrieb der Außenfläche zurückgezogen wird", sagt Thomas Böttcher, Leiter des zuständigen Abschnitts 62. Der Friedrichshainer Umweltstadtrat Dieter Hildebrand (SPD) sagt, mit einer Ermahnung werde wahrscheinlich kein Wirt davonkommen. Ein Jahr lang hätten Appelle nichts gebracht. "Wenn die nicht in der Lage sind, das mit den Nachbarn und untereinander zu regeln, müssen wir eben eingreifen." Bis zu 10 000 Mark Bußgeld kann das kosten.BERLINER ZEITUNG/GEORGE KALOZOIS Wirt Nico Ilhan muss mit einem Bußgeld rechnen: Am Pfingstmontag hat der Inhaber des "100Wasser" draußen zu lange Gäste bewirtet.