POTSDAM. Wenn man so will, haben Horst und Egon Netzel der Schlafmützigkeit Brandenburgs einiges zu verdanken. Die Brüder aus Strausberg konnten vor sechs Jahren zehn Hektar Ackerland bei Genschmar an der Oder verkaufen, das ihnen erst seit dem 3. Oktober 2000 rechtmäßig gehörte. Geerbt haben sie das Bodenreformland bereits 1989, als ihr Vater starb. Die Brüder Netzel haben den Fall vor den Bundesgerichtshof (BGH) gebracht, weil Brandenburg sich mit Hilfe des Landkreises Märkisch-Oderland klammheimlich vor Ablauf der Verjährungsfrist selbst als Eigentümer ins Grundbuch hat eintragen lassen. Wie berichtet, hatte der BGH in der vergangenen Woche die Enteignung der Erben von Bodenreformland durch das Land Brandenburg rechts- und sittenwidrig genannt.Das Land wollte die durchaus berechtigten Ansprüche sichern. Nur hat es schlicht versäumt, sich zuvor mit den Brüdern in Verbindung zu setzen, so wie es das Gesetz vorsah. "Wir wussten, dass wir erst nach Ablauf der Verjährung verkaufen konnten", sagte Horst Netzel, 71. Käufer ist der Pächter, der das Land seit 1990 bewirtschaftet.Nach dem Urteil versucht Brandenburg Schadensbegrenzung und sichert allen vorübergehend enterbten Erben Gerechtigkeit zu. Denn das laut Bundesgerichtshof "sittenwidrige" Verhalten könnte nach ersten Schätzungen auf 10 000 ähnlich gelagerte Fälle zutreffen. "Jeder Erbberechtigte, der einen Anspruch stellt, wird berücksichtigt", versprach Finanzstaatssekretär Rudolf Zeeb gestern nach der Sitzung des Regierungskabinetts. Brandenburg hatte sich nach der Wende mit rund 80 000 Bodenreform-Fällen zu befassen. Zudem bekam das Land in 7 000 Fällen gerichtlich den Vorzug gegenüber bekannten ErbenNoch sind die Folgen des bundesweit beachteten BGH-Urteils auch für die Landesregierung nicht kalkulierbar. Zeeb betonte gestern, dass von einer Welle von Ansprüchen keine Rede sein könne. In jedem Fall sei aber eine neue Rechtslage entstanden. Die Frage der Berechtigung spiele keine Rolle mehr. Offenbar geht es nur noch darum, weiteren Ärger abzuwenden.Ob das gelingt, bezweifelt Anwalt Ulrich Mohr, der die Brüder Netzel vor dem BGH vertrat, angesichts der von Finanzminister Rainer Speer (SPD) angekündigten Reaktionen. So will das Land, wenn es im Grundbuch steht und sich keine Erben melden, weiter als Treuhänder agieren. "Herr Speer will die Grundstücke vom Land treuhänderisch verwalten lassen, die es zuvor treubrecherisch erworben hat", sagte Anwalt Mohr. "Das ist doch absurd." Seine Forderung: Jetzt müssten die Grundbuchämter nach den Erben suchen, und zwar ernsthaft.Nicht so wie im Fall Netzel. "Der Landkreis hat garantiert nicht nach den Erben gesucht", sagt Mohr. Horst Netzel wohnt seit 1959 unter der selben Adresse in Strausberg, wo Mitte der 80er-Jahre auch die Eltern hinzogen. Offensichtlich versuchte Märkisch-Oderland nicht einmal, die Sachlage zu prüfen."Da wurden ins Blaue Besitzansprüche angemeldet, um die Wirkung der Verjährung zu beseitigen", sagte der Linken-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Neskovic, früher selbst Richter am BGH. "Der Normalbürger nennt so etwas eine Sauerei." Das Urteil lege zumindest den Anfangsverdacht von Untreue und Betrug nahe, so Neskovic.Die Potsdamer Staatsanwaltschaft bestätigte gestern, dass entsprechende Vorprüfungen eingeleitet worden seien. Sprecher Helmut Lange wies aber darauf hin, dass der BGH in einem zivilrechtlichen Streit entschieden habe. Untreue oder Betrug seien Straftaten.Nach dem DDR-Beitritt zur Bundesrepublik galt, dass der Staat sogenannte Bodenreformflächen übernehmen sollte, wenn es keine Anspruchsberechtigten gab. 1992 wurde der Kreis auf Erben begrenzt, die in der Landwirtschaft tätig sind - mit Verjährung zum 3. Oktober 2000."Die Übertragung an das Land Brandenburg ist unwirksam. Nun haben alle Erben einen Anspruch auf Herausgabe ihres Grundstückes", sagte auch die Nürnberger Rechtsanwältin Beate Grün, die mehrere Kläger aus Brandenburg vertritt. Dies schließe nun auch die Menschen mit ein, die nach derzeit geltendem Recht bisher gar keinen Anspruch auf Bodenreform-Land gehabt hätten. Bisher konnte man sein Erbe nur geltend machen, wenn die Person oder ein naher Verwandter zum Stichtag 15. März 1990 noch Mitglied in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) gewesen war. "Doch nun sind alle Erben in einer deutlich besseren Rechtsposition als das Land Brandenburg", sagte Grün.Andere ostdeutsche Bundesländer sind wesentlich behutsamer vorgegangen als Brandenburg: So hat Mecklenburg-Vorpommern Bodenreform-Flächen, denen kein Besitzer zugeordnet werden konnte, über die Landkreise an Dritte vergeben. "Meist an Privatleute aus dem Agrarbereich, aber auch an Gemeinden und Kommunen", sagte Gernot Haffner vom Schweriner Landwirtschaftsministerium. Allerdings sei in den Verträgen eine Rückauflösung vorgesehen. "Und zwar für den Fall, dass sich ein Besserberechtigter findet", so Haffner. Auch Sachsen-Anhalt hat sich nicht selbst als Land ins Grundbuch eintragen lassen. "Einen solchen Streit wie in Brandenburg haben wir hier gar nicht", hieß es in Magdeburg.------------------------------Streitthema BodenreformAb 1945: Bei der Bodenreform wurden in der Sowjetischen Besatzungszone unter der Losung "Junkerland in Bauernhand" von 1945 bis 1949 u.a. Großgrundbesitzer mit mehr als 100 Hektar Land entschädigungslos enteignet. Das Land ging an Neubauern, Landarbeiter und Flüchtlinge.50er-Jahre: Unter dem Motto "Vom Ich zum Wir" setzte die DDR-Führung von Mitte der 50er-Jahre die Kollektivierung durch. Die Bauern blieben zwar Eigentümer des Bodens, brachten ihn aber - offiziell freiwillig - als Mitglieder in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) ein.Ab 1990: Die Modrow-Regierung bestimmte, dass Bodenreformland wieder an Neubauern oder ihre Erben geht. 1992 korrigierte die Bundesregierung dies. Erben dürfen das Land nur behalten, wenn sie es selbst bestellt hatten. Der Europäische Gerichtshof bestätigte dies letztinstanzlich.------------------------------Foto: Bodenreform 1945: Hier wird das Land eines einstigen Rittergutes aufgeteilt und in kleinen Parzellen an sogenannte Neubauern vergeben.