In dem Buch "Tod einer Polizistin" taucht als Mobbing-Opfer der Polizei eine "Sabrina Neudeck" auf. Dahinter verbirgt sich die Berliner Kriminalhauptkommissarin Bianca Müller, 46. Sie wurde bekannt als Bundessprecherin der kritischen Polizistinnen und Polizisten. Sie spricht jetzt erstmals über den Anlass für das Mobbing: ihre Intersexualität.Wieso treten Sie jetzt mit ihrer persönlichen Lebensgeschichte an die Öffentlichkeit?Ich will den Verunglimpfungen entgegentreten, denen ich seit acht Jahren ausgesetzt bin. Ich bin seit 1976 bei der Polizei. Bis 1992 war ich fast ein "Supermann", mehrfach belobigt für meine Arbeit und in Führungsfunktionen verwendet. Seit ich 1992 mein Äußeres änderte, wird Stimmung gegen mich gemacht. Man "sägte mich ab."Was meinen Sie damit, Sie änderten Ihr Äußeres?Vor acht Jahren bekannte ich mich dazu, eine Frau zu sein. Bis dahin lebte ich als Mann. Ich habe jedoch keine Geschlechtsumwandlung machen lassen. Bei mir liegt Intersexualität vor. Das bedeutet, dass bei mir von Geburt an männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale in unterschiedlicher Ausprägung vorhanden waren. Das ist nicht so selten: Neueste Zahlen gehen davon aus, dass rund 1 000 Geburten pro Jahr in Deutschland intersexuell sind.Meine Eltern mussten sich nach meiner Geburt für ein Geschlecht entscheiden - und wählten den Jungen, weil sich meine Mutter einen Sohn wünschte - die falsche Wahl, wie sich herausstellte. Mir verheimlichten sie, was passierte. Ich wusste bis 1994 nichts von meiner Intersexualität. Damals erfuhr ich nach einer Computer-Tomografie, dass bei mir weibliche Geschlechtsorgane vorhanden sind. 1999 hatte ich eine Schwangerschaft.All die Jahre hielten Sie sich für einen Mann?Ich habe jede Sekunde dieses Lebens nur als Vergewaltigung meiner Seele und meines Körpers empfunden, kam aber durch die Umwelt aus dieser aufgezwungenen Rolle nicht mehr heraus. Das ging bis zur Brustamputation, denn 1988 sprach mich ein Vorgesetzter darauf an, dass ich für einen Mann zu große Brüste hätte.Daraufhin haben Sie sich die Brüste amputieren lassen?Ich musste die Männerrolle perfekt spielen, lebte nur in Angst und Scham und hatte das Gefühl, da nie mehr rauszukommen. Deshalb entschloss ich mich zur Amputation. Das geschah übrigens in der Gynäkologie, was aber bei der Polizei niemandem auffiel.Sie kamen als offizieller "Mann" in die Frauenheilkunde-Abteilung?Verrückt, nicht? 1992 entschied ich mich, zu meinem Gefühl, eine Frau zu sein, zu stehen. Aus Frank wurde endlich Bianca Müller.Wie reagierten Ihre Kollegen darauf?Als ich nach etwa drei Monaten meinen Dienst wieder aufnehmen wollte, erhielt ich Hausverbot in meiner alten Dienststelle. Eine Kollegin brachte zu Papier, dass man sich vor "so einem Wesen ekeln" würde. Diese Haltung machte sich auch die Polizeiführung zu eigen. In dem Sinn, dass man "so etwas wie mich" den Kollegen nicht zumuten könne.Waren Sie darüber überrascht?Mir ging es beschissen. Ich wurde als etwas dargestellt, was ich nicht war - von einem Transvestiten bis zu einem Transsexuellen war alles dabei. War den Kollegen nicht zu vermitteln, was wirklich bei Ihnen los war?Man hatte es mir durch das Hausverbot ja unmöglich gemacht. Bei denen, die mich persönlich kennen lernen, bricht in wenigen Minuten jede Ablehnung zusammen. Von einigen Kollegen werde ich aber seit dieser Zeit zielgerichtet schikaniert und diffamiert, wie auch im Buch beschrieben. Dies war alles bereits Gegenstand öffentlicher Gerichtsverhandlungen, die ich bisher sämtlich gewonnen habe. Ist der Gerichtsweg der einzige Weg, sich gegen Mobbing zu wehren?Es gibt innerhalb der Polizei keine wirksamen Instanzen, bei denen man vertrauensvoll um Hilfe bitten kann. Es bleibt deshalb nur der Gerichtsweg oder zu kündigen, wie man mir mehrfach angetragen hat.Sie zeichnen ein sehr düsteres Bild der Polizei.Homosexuelle und Lesben haben es sehr schwer. Die Polizei ist konservativ. Dass jemand äußerlich anders erscheint, ist etwas, was im Denken vieler Polizisten nicht vorkommt. Das polizeiliche Denken ist im Regelfall schwarzweiß: Da gibt es nur gut - böse oder Mann - Frau. Dazwischen ist nichts. Auch keine Schattierungen.Die Polizistin Stefanie Limmer hat sich 1997 nach schwerem Mobbing das Leben genommen.Ich bin Frau Limmer Anfang 1997 einmal über den Weg gelaufen, kannte sie aber nicht. Ihr Selbstmord hat mich dennoch damals stark getroffen, weil ich selbst in einer schweren Lebenskrise steckte. Stefanie Limmers Tod hat mir in gewisser Weise das Leben gerettet. Ich habe danach die Kraft gefunden, gegen Mobbing zu kämpfen, wie ich das heute noch tue. Eine neue Studie berichtet von 1 800 Mobbing-Opfern unter der Berliner Polizei. Bei 12 000 Beamten ist das eine recht hohe Zahl.Wieso dringt davon so wenig nach außen?Wer Mobbing anzeigt, gilt bei der Polizei als Verräter, als "nicht ganz richtig im Kopf" und wird als unglaubwürdig angesehen. Betriebsvereinbarungen, wie sie etwa der BGS auf dem Flughafen München hat, werden in Berlin als nicht erforderlich bezeichnet. In München gibt es interne Maßnahmen gegen Mobbing wie Abmahnungen, Gehaltskürzungen bis hin zu Strafversetzungen. Das funktioniert, weil man die Opfer ernst nimmt.Führen Sie in Berlin nicht einen Kampf gegen Windmühlen?Ich habe nur die eine Chance: zu kämpfen. Mit 46 hätte ich als gelernte Kriminalhauptkommissarin auf dem Arbeitsmarkt keine Chance. Außerdem bin ich gern Polizistin geworden. Mein Wunsch ist es tatsächlich, Freund und Helfer zu sein, auch wenn sich das abgedroschen anhört.Das Gespräch führte Mechthild Henneke.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Bianca Müller, 46, wurde gemobbt, weil sie intersexuell ist.