Der Biber ist der Hausmeister der Tierwelt. Unablässig watschelt er an den Grenzen seines Reichs hin und her und denkt darüber nach, wie man mit einem gefällten Baum hier und einem aufgestockten Damm dort alles noch etwas zufriedenstellender gestalten könnte. "Da muss doch nur mal.", hört man ihn murmeln, "Wer hat denn hier wieder." und "Wenn man nicht alles selber macht!" Sieht die Welt irgendwo nicht so aus, wie es dem Biber gefällt, nagt, werkt und bibert er so lange, bis alles seine Richtigkeit hat. Ganz anders der Waschbär: "Ach, das geht auch so", befindet er nach oberflächlicher Beschnüffelung neuer Biotope, nistet sich ein und fühlt sich wohl. In seiner Behausung stehen noch Jahre später unausgepackte Umzugskartons.Ähnlich sieht es in der Welt der Konsumenten aus. 50 Millionen Nutzer haben weltweit den Browser Firefox heruntergeladen, der nicht nur durch Sicherheitsvorteile und geschmeidiges Äußeres besticht, sondern vor allem durch derzeit knapp 500 separat erhältliche Erweiterungen jedem noch so entlegenen Benutzerwunsch angepasst werden kann. "Da muss doch nur mal.", murmeln seine dem Biber verwandten Nutzer, und wenige Sekunden später lassen sich eBay-Auktionen auch in Abwesenheit überwachen, Werbebanner ausblenden und alle Bookmarks zentral auf einem Server verwalten. Sollte es das fehlende Tool nicht geben, schreibt man es selbst - die Erweiterungen stammen nicht von Firefox-Programmierern, sondern von unbezahlten Freiwilligen. Die Waschbären unter den Nutzern sind dagegen jene, auf deren Haushaltsgeräten statt einer Uhrzeit die 00:00 blinkt und in deren vier Jahre alten Browsern eine fremde Werbe-Startseite voreingestellt ist: "Das war schon so", erklären sie auf Befragen gleichgültig. Trifft der Biber auf einen Waschbär, ist das gegenseitige Unverständnis groß.Aber die Zeichen stehen günstig für alle biberhaft Veranlagten: Ließ sich der Drang, die Umgebung nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, früher bestenfalls durch Heimwerken und Kreuzstichstickerei kanalisieren, stehen mittlerweile immer mehr, billigere und mächtigere Hilfsmittel und Angebote zur Verfügung. Blogging, Internetforen, die Wikipedia, Fotosharing-Websites verknüpfen allesamt den Konsum mit der eigenen Produktion von Inhalten. Der "Prosument" - lange Zeit als theoretisches Hybrid aus Produzent und Konsument herbeiimaginiert - wird allmählich zum Wirtschaftssubjekt und -faktor. Im Biber-Stil, den man mit Levi-Strauss auch Bricolage nennen könnte, hilft er mit, die digitalen Produkte seines täglichen Gebrauchs kontinuierlich zu verbessern.Hat man sich als Benutzer erst einmal an diesen Grad an Kontrolle, Einflussnahme und Beteiligung gewöhnt, wird es zunehmend schwerer zu verstehen, warum sich etwa an der Benutzeroberfläche und den Einstellungen des eigenen Handys - von Klingeltönen und der Wahl zwischen hässlichen animierten Pandabären und hässlichen animierten Fischen abgesehen - so gut wie nichts ändern lässt. Denkbar, dass die mit dem Web großgewordenen Generationen umfangreiche Mitbestimmungsoptionen bei den Produkten, die sie nutzen sollen, künftig auch in der Offline-Welt als Selbstverständlichkeit erwarten. Immerhin gibt es bescheidene Anzeichen dafür, dass manche Unternehmen die Zeichen der Zeit erkennen und Einflussmöglichkeiten anbieten, die über "Dein Gedicht auf unserem neuen Bierdeckel" hinausgehen. 2004 meldeten sich 120 000 Teilnehmer weltweit zum "Boeing World design Team" an, einer Website, auf der Boeing Anregungen zum Bau neuer Flugzeuge einholt. Auf der "Philips Streamium Café"-Website diskutieren Streamium-Benutzer die Zukunft ihrer Geräte, und bei ipodlounge.com veröffentlichen iPod-Nutzer ihre Wünsche und Anforderungen an kommende iPod-Generationen, aber auch eigene, fertige Lösungen.Ein Unternehmen, das das Konzept schon vor langer Zeit begriffen und ganz ohne Internet umgesetzt hat, ist der Outdoor-Ausstatter Globetrotter. "Wir haben einfach gute Kunden eingestellt", sagt Mit-Gründer Klaus Denart im Wirtschaftsmagazin brand eins über die frühen Jahre des 1979 gegründeten Unternehmens. "Leute, die viel gereist sind, viel gekauft und gerne Sachen ausprobiert haben." Das heißt: den Biber zum Gärtner machen.