BERLIN, 12. Januar. Das gäbe für manchen ein schönes Bild von DDR-Aufarbeitung: An der Wohnungstür im Haus Chausseestraße 131, in der Wolf Biermann bis zu seiner Ausbürgerung 1976 lebte, wird der bildungswillige Berlin-Besucher auf den Spuren der DDR-Diktatur vom PDS-Sprecher Hanno Harnisch empfangen, der ihm in die Filzpantoffeln hilft. Biermanns altes Domizil soll nämlich Dokumentations- und Begegnungszentrum werden. Das hat die Berliner CDU vorgeschlagen. In einem Positionspapier zur "hauptstädtischen Erinnerungskultur" will sie künftig nicht nur an die Verbrechen des Nationalsozialismus, sondern auch an die kommunistische Diktatur erinnern. In diesem Zusammenhang schlagen die Christdemokraten vor, Orte des Widerstands, wie etwa die Wohnung des DDR-Regimekritikers und Liedermachers Wolf Biermann, für ein "aktives Gedenken" zu nutzen. Aufklärerische WirkungDoch das geht nicht ohne die Zustimmung von PDS-Mann Harnisch. Der nämlich lebt seit 1990 in der alten Biermann-Wohnung und ist "richtig empört" über das CDU-Ansinnen. Am liebsten würde er die Verfasser des CDU-Papiers wegen "verbalen Hausfriedensbruchs" verklagen. Einer der Autoren, Manfred Wilke vom Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin, war sogar einmal zu Gast bei Harnisch "in Sachen Aufarbeitung", erinnert der PDS-Sprecher. "Der hat aus meinen Meißner Tassen Kaffee geschlürft und schwadroniert, wie toll das hier früher gewesen sein muß, mit Biermann, so zu DDR-Zeiten." Doch daß derselbe Mann nun "die DDR in eine Reihe stellt mit faschistischer Diktatur", sei "widerlich und schamlos". Harnisch verweist auf seinen "ordentlichen Mietvertrag" und darauf, daß das CDU-Ansinnen wieder eimal die "reine Kampfpose" sei, "Klassenkampf am Arsch der PDS". Und dafür ziehe er aus seiner Wohnung nicht aus, niemals.Und auch Wolf Biermann, inzwischen in Hamburg zu Hause, ist damit einverstanden, Harnisch da zu lassen, wo er jetzt ist. "Das könnte sogar von aufklärerischer Wirkung sein", mutmaßt der Liedermacher. "Denn daß der Stasi-Spitzel IM ,Egon seit zehn Jahren in meiner Wohnung sitzt, macht allen prima deutlich, in was für einem vereinten Deutschland wir zehn Jahre nach der Wende leben." In einem Land nämlich, in dem sich die alten Kräfte wieder "frech und fröhlich etabliert haben". Falls der Stadt Berlin aber in den Sinn käme, aus seiner alten Wohnung, auf die er keinerlei Ambitionen mehr habe, doch ein Begegnungszentrum zu machen, sei ihm das auch recht. Denn dann würde der Ort wieder zu dem, "was er zu DDR-Zeiten immer schon war: eine Begegnungsstätte für anständige Leute aus aller Welt".