DORTMUND, 17. Juni. Für die deutsche Getränkewirtschaft und ihren größten Konzern, die Brau und Brunnen AG, ist ein Ende der Absatz-Durststrecke nicht in Sicht. Nach kräftigen Umsatzeinbußen im letzten Jahr habe der Konzern bis Mitte Juni 1999 einen Rückgang beim Getränkeverkauf um 0,2 Prozent hinnehmen müssen, teilte Unternehmenschef Rainer Verstynen am Donnerstag in Dortmund mit. Der Bierverkauf sei sogar um 5,8 Prozent zurückgegangen. Die Umsatzeinnahmen waren von Januar bis April mit 510 Millionen Mark (260 Millionen Euro) um rund 27 Millionen Mark niedriger als im Vorjahr.Ruinöser PreiskriegDie Kaufzurückhaltung der Verbraucher 1998 schrumpfte der Pro-Kopf-Bierverbrauch von 131,2 auf 127,4 Liter Überkapazitäten bei den Brauereien, die Strukturkrise der Gastronomie und ein ruinöser Preiskrieg hätten eine "äußerst problematische Marktlage" herbeigeführt, sagte Verstynen. Dazu hätten die Verbraucher nach der Einführung der O,5 Promille-Grenze im Straßenverkehr ihr Trinkverhalten geändert. Trotz der schlechten Bedingungen habe sich Brau und Brunnen für das Gesamtjahr eine Steigerung des Absatzes um vier Prozent auf 14,5 Millionen Hektoliter zum Ziel gesetzt. Die Umsatzerlöse sollen leicht auf 1,680 von 1,620 Milliarden Mark verbessert werden. Verstynen bekräftigte das Ziel, im reinen Getränkegeschäft einen Gewinn von 40 Millionen Mark einzufahren. Nach geplanten Firmenwertabschreibungen auf die verkaufte Bavaria-St. Pauli-Brauerei von 25 Millionen würde damit unter dem Strich ein Überschuß im Konzern von 15 Millionen Mark verbleiben. Erstmals seit 1994 will Deutschlands größter Bierbrauer, der in fünf der vergangenen zehn Geschäftsjahre Verluste machte, für 1999 wieder eine Dividende, sagte Verstynen. Eine Zahlung in diesem Jahr entfalle allerdings erneut.Im vergangenen Jahr hatte Brau und Brunnen einen Umsatzrückgang von 5,9 Prozent und im Konzern bedingt durch Firmenwertabschreibungen einen Fehlbetrag von 13,5 Millionen Mark hinnehmen müssen. In der AG verblieb ein Plus von 13,6 Millionen Mark. Die Zahl der Mitarbeiter schrumpfte um rund 470 auf 3 570 Beschäftigte.Verstynen verteidigte die Erhöhung der Bierpreise, die der Konzern im Januar gegen großen Widerstand der Wirte durchgezogen hatte. Er kündigte eine weitere Konzentration auf die A-Marken wie Jever, Schultheiss, Brinkhoff No. 1 , Berliner Pilsner oder die Kölsch-Sorten an. Der Anteil dieser Marken am Gesamt-Bierabsatz der Gruppe wurde im Vorjahr erneut gesteigert, von 68 auf 75 Prozent. Er soll in den nächsten Jahren auf 80 Prozent ausgebaut werden. Die meistverkaufte Konzernmarke Jever solle vom nächsten Jahr an bundesweit mit einem eigenen Vertrieb arbeiten. Auf mittlere Sicht will Brau und Brunnen den Jever-Absatz von derzeit rund 1,55 Millionen auf zwei Millionen Hektoliter steigern. Zwar war der Jever-Absatz im Vorjahr um 2,1 Prozent gesunken, dies sei jedoch eine "bessere Entwicklung als der Markt". Insgesamt mußte die Gruppe 1998 im reinen Biergeschäft ein Absatzminus von 7,2 Prozent und einen Verlust bei Berücksichtigung von Sonderposten von rund 20 Millionen Mark hinnehmen. In Berlin MarktführerAuf dem "hartumkämpften" Biermarkt in Berlin konnten die Schultheiss-Marken und Berliner Pilsner ihre führende Marktposition behaupten. Sternburg steigerte seinen Absatz sogar auf 1,12 Millionen Hektoliter und bleibt damit Marktführer bei den Billigbieren in den neuen Bundesländern. Im Getränkegeschäft mit der Spitzenmarke Apollinaris wurde der Absatz leicht gesteigert und ein Betriebsgewinn von 40 Millionen Mark gemacht. Die Mineral- und Heilwässer würden sich besser als der Markt entwickeln. Vita-Cola konnte den Absatz gar um 27,4 Prozent auf 500 000 Hektoliter steigern."Mit der eingeleiteten strategischen Neuausrichtung des Unternehmens sind wir dem Ziel näher gerückt, den Konzern wieder auf ein solides Fundament zu stellen", sagte Verstynen. Die zum Unternehmen gehörenden Brauereien sollen künftig nur ihre eigenen Marken anbieten. Zu Brau und Brunnen gehören unter anderem die Marken Jever, Berliner Pilsner und Schlösser Alt sowie Apollinaris, Schweppes und die besonders in Ostdeutschland verbreitete Vita-Cola. (wi.)