Am Mittwoch betrat US-Außenminister Colin Powell das Foyer der Vereinten Nationen in New York und begab sich in den Sicherheitsrat, um Bilder zu zeigen. Bilder, die für die Augen der Weltöffentlichkeit die tödliche Gefährlichkeit Saddam Husseins zeigen und somit einen Militärschlag gegen den Irak rechtfertigen sollten. Am Dienstagabend noch war im selben Foyer des Uno-Gebäudes ein anderes Bild zu sehen: eine Kopie von Pablo Picassos Wandbild "Guernica", einem Panorama über die Schrecken des Bombenkriegs. Das Bild hängt immer dort, gestiftet von Nelson Rockefeller. Für Powells Auftritt aber ist es mit der blauen Fahne des Sicherheitsrates verhängt worden, wie ein Sprecher der Uno mitteilte. Die Kamera-Augen der Welt lauern zur Zeit im Uno-Foyer. Und Powell, so erklärten Diplomaten der New York Times, könne schwerlich die Welt dazu verführen, Bomben zu werfen, wenn im selben Fernsehbild im Hintergrund leidende Frauen, Kinder und Ochsen, die schrecklichen Folgen solcher Taten zu sehen seien. Schon letzte Woche hatte die Uno feststellen müssen, dass eine Kamera den Kopf von Inspekteur Hans Blix vor dem Kopf eines schmerzwiehernden Picasso-Pferdes eingefangen hatte. Wovon zeugt diese kleine Szene aus der großen Wirklichkeit? Zeugt sie vom Altbekannten - von der Schwachheit der Kunst, ihrem Narren- und Luxusdasein? Die Politik, das Kapital, die öffentliche Moral, sie schmücken sich mit ihr und veredeln ihre Räume und Absichten - aber nur solange und wie es ihnen beliebt. Oder zeugt sie nicht ganz im Gegenteil von der Kraft, die von Bildern ausgehen kann, und vor der man offensichtlich Angst hat?Kunst kann sehr wohl die Wirklichkeit in den Köpfen verändern, und um das Denken in den Köpfen der Kriegsgegner zu verändern, war Colin Powell ja gekommen. So stand am Mittwoch in New York Bild gegen Bild: Im Sicherheitsrat die Dia-Schau des CIA, fotografiert aus jener Vogelperspektive, aus der bald auch die Bomben fallen werden - und unten im Foyer die Froschperspektive der Opfer, eine Erinnerung an den schockierenden ersten Bombenangriff auf eine europäische Stadt. Dass man Picassos Bild verhängen musste, belegt nur, dass man die Kraft der Spionageaufnahmen gefährdet sah. Offenkundig traut man den eigenen Bildern doch nicht so ganz. Das Wandbild und das Satellitenfoto treten so in unmittelbare Konkurrenz. Man erinnert sich aus dem ersten Golfkrieg noch an die Aufnahmen mit dem Vermerk "Zensiert von der US-Zensur". Nun hat mit dem blauen Tuch über "Guernica" zwar nicht der nächste Golfkrieg, wohl aber die nächste Zensur schon begonnen.