Das mächtige Durchbruchrelief vor dem Haus der Elektrotechnik am Alexanderplatz war nicht zu übersehen: Mitten auf dem Bürgersteig erhob sich bis Ende der 80er-Jahre der "Ursprung aller Energie". Drei Meter lang und rund zwei Meter hoch, aus Zement geformt, war das Werk der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger. Die bekannte DDR-Künstlerin schuf auch nach der Wende viel beachtete Arbeiten. Im früheren Haus der Elektrotechnik verkauft heute ein Händler Küchenmöbel, die Plastik ist verschwunden. "Die Behörden ließen sie noch vor 1989 abbauen, weil sie im Weg stand", erinnert sich die 85-Jährige. "Ich würde gern erfahren, wo das Relief jetzt ist."Zwei Fotos sind alles, was Hunzinger von ihrer Arbeit geblieben ist. "Eine Freundin hat sie neulich in einer meiner Kisten gefunden", sagt sie. Seit fast 50 Jahren lebt und arbeitet Ingeborg Hunzinger in ihrem Haus in Rahnsdorf. An der Eingangstür hängt ein Pappschild: "Bin im Garten oder im Atelier." In Rahnsdorf hat die Bildhauerin auch den "Ursprung aller Energie" erschaffen. "Wann genau, kann ich gar nicht sagen. Vermutlich Ende der 70er-Jahre." Die Bedeutung des Reliefs weiß sie dagegen exakt zu erklären: "Es stellt die Energiequellen der Erde dar, wie die Sonne, das Wasser oder die Atomkraft."In der Wohnung der Bildhauerin stehen überall Modelle ihrer Arbeiten. Aus einem Regal nimmt Ingeborg Hunzinger vorsichtig das Modell eines Flötenspielers. "Das ist die Verlorene Melodie", erklärt die Bildhauerin, die seit den 60er-Jahren vor allem Kunstwerke für den öffentlichen Raum gestaltete. "Im Mai wird das zwei Meter große Original in Italien aufgestellt", sagt sie.Der zerbrechliche Keramik-Mann in ihrer Hand scheint sich anzulehnen. "In Italien wird er an einer Platane vor einem früheren Schutzlager für Juden in Kalabrien stehen. Er spielt noch eine Melodie - das ist seine Waffe gegen den Faschismus", sagt die Künstlerin, die selber vor den Nazis nach Italien geflohen war. Denn sie hatte nicht nur eine jüdische Mutter, sondern war auch Kommunistin. Später ging Ingeborg Hunzinger in den Schwarzwald, 1949 siedelte sie nach Ostdeutschland über und lehrte an der Kunsthochschule Weißensee. In der DDR hat sie vor allem Plastiken für Krankenhäuser, Parks oder Wohngebiete entworfen.Nach der Wende blieben die staatlichen Aufträge aus, doch die Künstlerin arbeitete weiter: In der Rosenstraße erinnert seit 1998 eine Hunzinger- Skulptur an Berliner Frauen, die dort 1943 erfolgreich jüdische Angehörige vor der Deportation bewahrten. Darüber kann sie viel erzählen - den "Ursprung aller Energie" hat sie dabei fast vergessen.Die Fotos bringen Erinnerungen zurück. Hunzinger: "Das Relief sollte nach seiner Demontage am Alexanderplatz auf einem Gelände der Akademie der Wissenschaften in der Nähe des Tierparks Friedrichsfelde aufgestellt werden. Ob das passiert ist, weiß ich nicht." Auch das Bezirksamt Mitte kann nichts zum Verbleib des Kunstwerkes sagen: "Wir wissen nicht, wohin das Relief gekommen ist", sagt Stefan Rauner, Leiter des Naturschutz- und Grünflächenamts. "Im Stadtplanungsamt und auch bei der unteren Denkmalschutzbehörde gibt es keine Unterlagen dazu. Aber wir werden der Sache nachgehen."KLAUS FRANKE, PRIVAT Ingeborg Hunzinger (o. ) hat das Relief "Ursprung aller Energie" (Ausschnitt) geschaffen.