Heiner Müller erzählte gern die Anekdote über die Tänzerin Anna Pawlowa: "Also die wurde gefragt, was sie mit einem bestimmten Tanz sagen wollte, und da sagte sie, wenn sie das anders hätte sagen können als durch diesen Tanz, hätte sie sich nicht dieser Strapaze unterzogen." Heute Abend um 20 Uhr beginnt eine besondere Form theatralischer Strapaze, deren überfordernde Kraft schon einmal darin liegt, dass sie erst wieder am Sonntag um 24 Uhr endet. Es geht um eine 100stündige Theaterbelagerung. Der Zuschauer solle einen Schlafsack mitbringen, Essen könne über verschiedene Lieferservice-Telefonnummern ins Theater bestellt werden. Dies findet statt am Ersten HAU-Hause Matthias Lilienthals (einstmals: Hebbeltheater), wird geleitet von der Theaterkombinatorin Claudia Bosse im Namen von Herman Melvilles "Bartleby, der Schreiber", der alles verweigerte, bis er im Knast verhungerte. Ein gutes Dutzend Vorträge wird auf vier Unterkomplexe: "Elemente", "Text", "Archiv" und "Belagerung" verteilt - das sind die "Lectures" (am Donnerstag wird beispielsweise zum Thema "Traumbefehle. Bartleby und der Anwalt" gesprochen - und zwar um 4 Uhr in der Frühe). Die "Zwischenöffentlichkeit", also wenn gerade keiner eine Rede hält, wird für verschiedene Untersuchungen genutzt - das sind die "Interventionen" (zum Beispiel wollen Kunststudenten mit Lichtspuren im Raum experimentieren). Außerdem kommen Anwaltsgehilfen, Archivare, Schüler, Juristen und pensionierte Künstler zu Besuch. Das Ganze umklammernd wird Melvilles Text an die Wände des Theater geschrieben. Buchstabe für Buchstabe. Wir schlagen vor, als Tintenflüssigkeit Tomatensuppe zu benutzen, angerührt in einer Campbell-Dose und versetzt mit der Asche einer Folio-Ausgabe von Shakespeares "Much Ado about nothing" aus dem Jahr 1638 und eines bisher noch in der Schweiz versteckten, von Brecht eigenhändig illustrierten Typoskriptes des Kleinen Organons für das Theater. Die Schrift sähe dann zwar trotzdem nur rot aus, aber das Rezept klingt trotzdem schön großartig theaterdiskursiv und aufblasbar.Wir wünschen, dass die Strapaze, der man sich zu unterziehen beabsichtigt, in erhofft ausgeprägtem Maße greift, dass durch dieses Experiment die Konventionen knacken und neue Sprachen und Inhalte hervorbrechen, dass ein unschätzbarer Erkenntnisgewinn abfällt, dass die Pizza schmeckt. Wir hoffen also, dass wir etwas Großes verpasst haben werden durch unsere rein thematisch begründete, von der unerschrockenen HAU-Dramaturgie zwingend herausgeforderten Bartleby'schen Teilnahmeverweigerung - durch unser: "I prefer not to". Oder einfach: "Lieber nicht!"