CHARKIW/KIEW. Der Kühlschrank, er geht Viktoria* nicht aus dem Kopf. Weiß, dreiteilig, das Kühlfach, das Gemüsefach, ein Fach für alles andere. Sie hatte doch gerade erst eingekauft, hatte volle Taschen Lebensmittel nach Hause geschleppt, wer weiß, wann sie wieder in die Läden hätte gehen können. Das Geld fehlte ja immer, und die Sicherheitslage auf den Straßen, nun ja, sie war auch schon einmal besser. Viel besser. Ohne Artilleriebeschuss, ohne Granatsplitter, ohne Männer mit Kalaschnikows auf den Schultern.

Nun ist Viktoria hier – und ihr Kühlschrank ist dort. Seit bald fünf Monaten. Fruchtfliegen hatten sich an das frisch gekaufte Obst gemacht, Maden sich durch das Gemüse gefressen. Die ständigen Stromausfälle besorgten das Übrige. Der Kühlschrank ist längst explodiert. Die Nachbarin habe das erzählt. Auch sie ist noch dort. Dort in Luhansk, der sogenannten Volksrepublik im Osten der Ukraine, derer sich „ungehörige Menschen, die wer weiß woher kommen und uns das Zuhause nehmen“, bemächtigt hätten, wie Viktoria sagt, hier in einem Containerdorf nicht weit vom Charkiwer Flughafen entfernt.

Die Frontlinie ist von diesem „Prospekt für 50 Jahre Sowjetunion“, wie die Straße mit allerlei Werkstätten für Autoreifenwechsel heißt, 200 Kilometer weit weg. Weg ist auch Viktorias früheres Leben. Wie ihr neues aussehen soll, das weiß die schmächtige Frau mit dünnem blonden Haar und einem rosafarbenen Trägertop nicht so recht. Das weiß niemand in den 13 Containern, die sich in den sandigen Boden im Süden Charkiws stemmen, finanziert von der Bundesrepublik Deutschland. Nicht die 59-jährige Taissa, die sich auf ihre Rente freute und bei den ersten Angriffen auf Luhansk mit ihrer Tochter nach Charkiw floh, damit diese ihr Kind sicher zur Welt bringen kann, nicht die hochschwangere Natascha, die in diesen Tagen entbinden soll, auch Anna* nicht, die nicht weiß, wie sie die Weinanfälle ihres Jüngsten beruhigen soll und einfach mitweint.

Eine Suppe und ein Pass

Es sind vor allem die sozial Schwächsten, die am Rande dieser Anderthalb-Millionen-Einwohner-Stadt im Osten der Ukraine Zuflucht finden, in den engen stickigen Zimmern mit Bett und Schrank, einer Gemeinschaftsküche und einem Gemeinschaftsbad. „Ein Dach über dem Kopf, das ist das einzig Sichere jetzt – zumindest für drei Monate“, sagt Viktoria. Dann ist wieder die Bürokratie gefragt. Sie entscheidet, ob die Mutter und ihre drei Söhne, der 20-Jährige, der Sechsjährige, das Baby, im Übergangsheim des sogenannten „Modulstädtchens“ bleiben dürfen, sie entscheidet, ob die Hilfe von der Regierung weiter gezahlt wird. Jeweils 884 Griwna, das sind umgerechnet 38 Euro, gibt Kiew für Rentner und Arbeitsunfähige aus, 446 Griwna (knapp 20 Euro) bekommen die, die arbeiten können, auch wenn es an Arbeitsstellen mangelt. „Es ist ein Leben im Schwebezustand“, sagt Viktoria.

1,3 Millionen Binnenflüchtlinge zählt das ukrainische Sozialministerium in Kiew. Freiwillige Hilfsorganisationen sprechen von knapp zwei Millionen Menschen. Allein im Charkiwer Gebiet sollen es 500 000 Männer, Frauen und Kinder sein. Die Region direkt an der russischen Grenze ist überfordert mit den Massen, für die sie weder passende Unterkünfte noch Jobs zu bieten hat.

Auch den Politikern sind die Menschen aus dem Donbass nicht willkommen. Der Gouverneur des Charkiwer Gebiets, Ihor Rajnin, nannte sie kürzlich „Ballast“, die Lokalpolitiker in Charkiw, mögen sie sich liberal und demokratisch nennen, wehren sich gegen einen möglichen politischen Einfluss der „Umsiedler“, wie sie in der Ukraine heißen. Im Herbst stehen Lokalwahlen an, ob die Binnenflüchtlinge ihre Stimme abgeben dürfen, ist nicht geklärt. „Sollen sie unsere Situation hier destabilisieren, ihre Meinungen verbreiten? Man hat ja gesehen, was sie bei sich angerichtet haben“, sagt Nadija Sawinska von der 2010 gegründeten Partei „Demokratische Allianz“ in Charkiw. Das Misstrauen der angestammten Bevölkerung gegenüber den Geflohenen ist groß.

Aber auch die Hilfsbereitschaft, den Flüchtlingen mit Kleidung, Essen oder Spielzeug zu helfen, ist riesig. Ohne das enorme Engagement der Freiwilligen wäre die Not noch offensichtlicher. Viele stranden, hungrig und verängstigt, mit dem wenigen, was sie noch haben, am Bahnhof von Charkiw. Ein Schild in der Vorhalle weist sie zur Ersten Hilfe auf dem von der Ukraine kontrollierten Gebiet. „Station Charkiw“ steht da unauffällig, in der Wartehalle gibt es warmen Tee, eine Schüssel Suppe und die ersten Papiere. Manche der Geflohenen haben keine Pässe. Es sind Alte und Frauen mit ihren Kindern, die tausendfach kommen. Männer bleiben meist in den umkämpften Gebieten, sie bewachen die zurückgelassenen Häuser, manche kämpfen, auf Seiten der Ukrainer oder für die Separatisten. Der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU kontrolliert vor allem Männer, bevor er sie aus den besetzten Gebieten ausreisen lässt.

„Im Februar standen auch schon mal 400 Menschen an unserem Aufnahmetisch“, sagt Nadeschda Ryndina von „Station Charkiw“. Mathematikerin war sie früher, später Beraterin in einem Spielzeugladen – bis sie den Job verlor und nun in der Karl-Marx-Straße im Zentrum der Stadt für die Kinderecke der Freiwilligenorganisation zuständig ist. Sie erzählt von den Schwierigkeiten, mit traumatisierten Kindern und Erwachsenen zu arbeiten, ohne psychologische Ausbildung. „Die Kleinen übernehmen die Ängste der Großen. Manche hören ganz auf zu reden, andere reagieren äußerst aggressiv, manche haben ihre Eltern sterben sehen, wurden selbst verletzt, sie haben Alpträume, pinkeln sich voll.“ In der Ecke stapeln sich Teddybären und Rechenspiele, Autos liegen in der Plastikkiste. Eine kleine bunte Welt gegen die übermächtige graue Realität.

Etwa 70 Freiwillige kümmern sich um die Neuankömmlinge, viele von ihnen sind selbst erst vor einigen Monaten geflohen. Das Geld kommt meist von Spenden aus dem In- und Ausland, mittlerweile auch von internationalen Stiftungen und Organisationen wie USAid und Unicef. Auch Deutschland hilft. So sollen 120 ukrainische Flüchtlingskinder ab dem 19. Juli im Zirkus Cabuwazi in Berlin wieder ein wenig Kind sein dürfen. „Partners Osteuropa“ bringt sie mit deutschen Kindern zusammen, finanziert vom deutschen Außenministerium und privaten Spenden. Am Ende der 14-tägigen Übungen sollen die Kinder ein gemeinsames Stück aufführen.

Der ukrainische Staat beachtet die Hilfsorganisationen im eigenen Land kaum. „Wir sind weder enttäuscht noch erstaunt, dass Kiew nicht hilft, es hat wohl andere Sorgen“, sagt Nadeschda Ryndina und wendet sich zwei Mädchen zu.

In Kiew, vier Zugstunden von Charkiw entfernt, klingen die Worte noch harscher. „Unsere Regierung vernachlässigt das Problem der Binnenflüchtlinge bewusst“, sagt Swetlana Tarabanowa von Wostok SOS (Osten SOS). Die Beamten könnten gar nicht anders, denn das System sei zentral organisiert: „Wann fahren sie schon einmal in die Orte? Wann stellen sie die Verbindung mit den Menschen dort her?“ Sie überließen, konstatiert Tarabanowa, das Feld den Freiwilligen, die sich bei internationalen Organisationen tummeln, um Projektgelder zu beantragen.

Also nimmt sie mit ihren Mitstreitern die Sache selbst in die Hand. Müssen Familien mit Kleidung und Essenspaketen versorgt werden, so suchen sie genau das über die sozialen Netzwerke. Schon schleppen völlig Fremde säckeweise das Allernötigste in den Flur der kleinen Wostok-SOS-Wohnung in der Nähe des Kiewer Maidan. Rufen entführte Soldaten und ihre Familien bei ihnen an, kümmern sie sich um Anwälte, um psychologische Hilfe. Fragen die Anrufer nach Unterkünften, machen sie sich auf die Suche nach Zimmern, quer durch das Land.

Fast alle von Wostok SOS kommen aus der Luhansker Region. Alle haben die Maidan-Revolution unterstützt und sind dadurch ins Blickfeld der neuen Machthaber im besetzten Gebiet geraten. Sie flohen – und helfen nun von Kiew aus denen, die Beistand suchen. „Wir sind von dort, wir kennen uns dort aus, also setzen wir uns in die Autos und bringen die Hilfe dorthin, wo sie nötig ist“, sagt Jewgeni Wassiljew. Das sind vor allem Lebensmittelpakete, Hygieneartikel, Medizin. 13 Fahrten hat er bereits unternommen, mal bleibt er zwei Wochen, mal vier. „Das Leben in Luhansk und um Luhansk herum ist wie erstarrt. Die Menschen brauchen uns.“

Die Freiwilligen haben in vielen Bereichen die Aufgaben des Staates übernommen. Sie helfen der Armee – manchmal mit Stiefeln und ein paar Stangen Wurst. Sie kümmern sich um die Verwundete – mit Verbandszeug und dem Herauskarren aus den umkämpften Gebieten. Und sie versorgen die Flüchtlinge – mit Klopapier und Buchweizenbrei. Sie mischen in den Strukturen mit, um genau diese Strukturen zu verändern. „Wir sind Lobbyisten, jeder für die Sache, für die er sich engagiert“, sagt Juri Smeljanski in Kiew. Seine „Sache“ ist die Krim, dafür kämpft er mit der Organisation „Maidan für Auswärtige Angelegenheiten“, einem Zusammenschluss von Politberatern und ehemaligen Diplomaten, die den Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch bereits zu dessen Amtszeit kritisierten.

Vor einem Jahr noch war Smeljanski Vize-Direktor am Institut für Wirtschaft und Verwaltung an der Universität für Geisteswissenschaften in Jalta. Dann wurde die Krim russisch, und Smeljanski mit all seiner Kritik über die Annexion war plötzlich unerwünscht. Auch er ist ein Flüchtling, in Kiew wurde er gern empfangen. Keine Vorurteile, keine Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden. „Die, die von der Krim flohen, flohen aus politischen Gründen, sie waren aktiv, Andersdenkende. Die, die aus der Ostukraine fliehen, fliehen vor dem Krieg, den Bomben“, erklärt er. Und kritisiert, dass die Ostukrainer ihre politische Einstellung zum Teil behalten hätten, die russische Propaganda nachplapperten. „Sie haben sich teils verheddert in den Lügen, die ihnen als Wahrheit verkauft wurde und wird. Das kommt nicht gut an, das Misstrauen wächst“, sagt Juri Smeljanski. Den Ostukrainern werde auch schon einmal die Tür vor der Nase zugemacht, sobald das Gegenüber hört, woher sie kommen. „Eine fragwürdige, wenn auch zum Teil nachvollziehbare Entwicklung“, befindet der Ökonom. Die Konkurrenz auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt sei hart, die wirtschaftliche Lage schwierig.

Jeder kämpft für sich

„Es kämpft jeder für sich, und wenn er noch die Kraft hat, kämpft er, damit es anderen bessergeht“, sagt Ewelina Argefowa. Auch sie ist eine Geflohene, eine Tatarin von der Krim. „Unsere ganze Geschichte ist die Geschichte einer Flucht“, sagt sie in einem tatarischen Restaurant im Zentrum Kiews, wo sie manchmal aushilft. Das Geld, das müsse ja von irgendwoher kommen. „Ich erinnere mich jetzt oft an die Erzählungen meiner Großmutter.“ Im Mai 1944 wurde Argefowas Familie von der Krim nach Zentralasien vertrieben, wie Hunderttausend krimtatarische Familien. Erst in den Neunzigerjahren kehrten sie zurück. Gewartet hat kaum jemand auf sie. „Wir lebten in Zelten auf einem Feld in Simferopol, lebten von der Hilfe der Menschen, die uns etwas zu essen vorbeibrachten.“ Die Situation wiederhole sich nun, wieder sei man auf die Hilfe von Freiwilligen angewiesen.

Ihre zwei Söhne hat die 32-Jährige in Simferopol zurückgelassen, bei ihrer Mutter. Ewelina Argefowa sammelt Geld für ukrainische Soldaten, kocht dafür tatarische Speisen, fast jede Griwna wandert in die Freiwilligenarbeit. Ihren Jungs hat sie versprochen, sie bald nachzuholen. Bald, wenn das Geld da ist, eine Wohnung. Zurück auf die Krim will sie nicht, kann sie nicht, solange die Halbinsel unter russischer Führung sei. „Ich weiß noch nicht, wo ich heute Nacht schlafen soll. Aber es finden sich schon Bekannte, die mich aufnehmen“, sagt sie, erschöpft, ausgelaugt. Sie schlägt sich durch, jeden Tag aufs Neue, geschwächt durch Krieg und Flucht und Hoffnungslosigkeit, wie so viele in der Ukraine.

* Name geändert