BERLIN, im September. Die Reise dauerte nur viereinhalb Minuten. Dann stürzte die Boeing 757 der türkischen Fluggesellschaft Birgenair vor der Dominikanischen Republik ins Meer. Was in dem kurzen Augenblick nach dem Start vom Flughafen Puerto Plata im Cockpit der Maschine geschah, hat dreieinhalb Jahre lang die Behörden beschäftigt. Ein Pilotenfehler sei die Ursache für das Unglück vom Februar 1996, hieß es am 17. September dieses Jahres in einer abschließenden Erklärung der Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main. Die Ermittlungen zum Tod von 189 Menschen waren beendet. Doch nur drei Tage später wurden die Aktendeckel wieder aufgeklappt. "Ein Missverständnis", erklärte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Es war nicht das erste im Fall Birgenair.Der Ruf war ruiniertDabei drängte sich die Erklärung für den Absturz von Anfang an auf: Eine Billigfluglinie, schrottreife Maschinen, schlecht ausgebildete Piloten. Birgenair, ein Seelenverkäufer. "Es wurden Witze auf Partys gerissen", sagt Peter Kehrberger, der Rechtsanwalt der Istanbuler Airline. Sprecher des Bonner Verkehrsministeriums hätten wenige Stunden nach dem Absturz die Legende vom Billigflieger in die Welt gesetzt und erklärt, dass das Flugzeug nicht einmal versichert sei. "Diese Äußerungen waren durch nichts veranlasst", sagt Kehrberger. Die Behauptung wurde zurückgezogen, doch der Ruf von Birgenair war ruiniert. Die Fluggesellschaft verklagt die Bundesrepublik Deutschland nun auf drei Millionen Mark Schadensersatz. Am 5. Oktober beginnt vor dem Bonner Landgericht die Beweisaufnahme.Im Umgang mit den Hinterbliebenen kam es zu Pannen. Klammheimlich veranlasste das Bundeskriminalamt, dass drei nicht identifizierte Opfer auf dem Frankfurter Hauptfriedhof begesetzt wurden. "Das kam erst raus, als die Städtische Pietät bei den Angehörigen rumfragte, wer die Rechnung zahlt", sagt Claus Weisner, dessen Schwager bei dem Unglück getötet wurde. Weisner gründete zusammen mit anderen einen Verein, der Hinterbliebenen von Absturz-Opfern Hilfe anbietet. Inzwischen wurden die Leichen exhumiert und zwei von ihnen identifiziert. Weisners Schwager war nicht darunter. Das Wrack des Flugzeugs wurde nie geborgen. Die dominikanischen Behörden mussten ihre Untersuchungsberichte über das Unglück mehrfach korrigieren; einmal war der Voice-Recorder falsch übersetzt worden. Die Berichte legten ein fehlerhaftes Verhalten der Besatzung nahe. Die deutsche Staatsanwaltschaft beauftragte den Journalisten Tim van Beveren, Autor des Bestsellers "Runter kommen sie immer", mit einem neuen Gutachten. Darin belastet der Sachverständige den US-Flugzeugbauer Boeing. Als Staatsanwalt Hellmut Koller dennoch die Vermutung eines Pilotenfehlers wiederholte, meldete van Beveren über die Medien Protest an. Koller gab nach und will das Gutachten nun erneut prüfen.An Bord der Boeing 757 befanden sich zwei computergesteuerte Geschwindigkeitsmesser. Der linke von beiden funktionierte beim Start nicht und zeigte später falsche Werte an. Der türkische Kapitän Ahmet Erdem setzte den Flug fort, weil er offenbar von der Verlässlichkeit alternativer Messgeräte überzeugt war. Nach van Beverens Angaben war die Boeing 757 so konstruiert, dass das linke Tachometer dem Autopiloten zwei Messwerte übermittelte, das rechte aber nur einen. Bei der Kontrolle sortierte das Computersystem dann den abweichenden, aber korrekten Wert aus. Der Computer warnte die Besatzung, dass die Maschine zu schnell sei, und drosselte das Tempo. Nur zehn Sekunden später meldete ein unabhängiges Messgerät eine zu niedrige Geschwindigkeit. Pilot Erdem ahnte zwar, dass der Jet zu langsam flog. Doch zur Korrektur war es zu spät. Das falsch gepolte Computersystem schaltete den Autopiloten immer wieder selbstständig ein. Das Flugzeug kam ins Trudeln und stürzte ab. Eine erst vor wenigen Wochen aufgetauchte Sicherheitsanweisung der US-Luftfahrtbehörde vom 31. August 1996 könnte einen weiteren möglichen Grund für den Absturz liefern. Darin wird Boeing angemahnt, das Computerprogramm für die automatische Schubregelung der Boeing 757 auszutauschen. Das System könne bei einigen Modellen, zu denen auch der Unglücksjet zählt, den Antrieb von allein ein- oder ausschalten und "die Crew von der normalen Bedienung des Flugzeuges ablenken oder zu einer unerwünschten Geschwindigkeits- oder Höhenänderung führen". Angehörige nicht informiertAuch ein Gutachter des britischen Unternehmens Lloyds, bei dem die Birgenair-Boeing versichert war, spricht von "unglaublichen Mängeln in der Konstruktion des Flugzeugs". Dennoch hat der Hersteller laut van Beverens Angaben erst Ende 1996 nach einem weiteren Absturz einer Boeing 757 vor der Küste Perus Änderungen am Autopilot- und Schubsystem veranlasst.Auch Claus Weisner glaubt nicht an einen Pilotenfehler. Die genaue Ursache des Unglücks zu kennen sei für die Angehörigen "sehr, sehr wichtig". Das Braunschweiger Luftfahrt-Bundesamt habe den Hinterbliebenen bislang keine Stellungnahme zu den Untersuchungsberichten übermittelt. "Das ist makaber", sagt Weisner. "Wäre ein Prominenter an Bord gewesen, hätten die alle Hebel in Gang gesetzt." Birgenair war eben nur ein Billigflieger.BIRGENAIR Weitere Ermittlungen möglich // Mit Boeing schlossen 148 Angehörige 1998 einen Vergleich über Entschädigungen ab.28 000 US-Dollar pro Opfer kamen heraus. Die Fluglinie Birgenair zahlte je 35 000 Mark.Boeing hat damit nur noch Klagen von Angehörigen zu be- fürchten, die sich an dem ausgehandelten Vergleich nicht beteiligt haben. Wenn die Staatsanwaltschaft sich dem Beveren-Gutachten anschließen sollte, könnte sie jedoch amerikanische Kollegen mit weiteren Ermittlungen beauftragen.