Wie diese Freundschaft enden wird, lässt sich absehen, zumindest befürchten: mit dem gewaltsamen Tod von Gerald Marshall, seiner Hinrichtung. Genau deshalb ist die Freundschaft zwischen ihm und Birgit Zamulo aber überhaupt erst entstanden. Denn an ihrem Anfang war die Neugier Zamulos. Sie ist Schauspielerin, sie versetzt sich gerne in andere Menschen. Sie wollte wissen: Sind Mörder sensibel? Haben sie Gefühle?

Vor einem guten Jahr schrieb sie einen Brief an Gerald Marshall, der als verurteilter Mörder im Todestrakt von Texas sitzt. Zurück kamen Worte, die sie nie erwartet hätte, erzählt sie. „Von einem jungen Mann, der sensibel ist. Der alle Regungen der Gefühle hat, genau wie wir. Er stellte Fragen wie: Wie ist das, wenn man verliebt ist? Was ist für Dich das schönste an der Liebe? Er hatte eine große Sehnsucht nach Nähe.“ Seitdem schreiben sich Birgit Zamulo, die Künstlerin aus München, und Gerald Marshall, der Todeskandidat aus Texas, Gefangener Nummer 999489.

Mehr als 3000 Männer und Frauen warten in den Gefängnissen der USA auf ihre Hinrichtung. Zu ihren Familien haben viele keinen Kontakt mehr, deshalb suchen sie verzweifelt welchen zu Wildfremden aus aller Welt. Allein im deutschsprachigen Raum vermittelt ein halbes Dutzend Vereinigungen Brieffreundschaften mit zum Tode verurteilten in den USA. Am Anfang steht fast immer ein Hilferuf, unterlegt mit der Behauptung der eigenen Unschuld. So war es auch im Fall von Gerald Marshall.

„Nun bin ich verurteilt durch den Staat Texas für ein Verbrechen, das ich nicht begangen habe. Meine beiden Mitangeklagten haben geringere Strafen erhalten. Ich versuche in Kontakt zu kommen mit jemandem, der mehr über meine Situation erfahren möchte. Mit jemandem, der einem unschuldigen Mann hilft, sein Leben zu retten.“ Noch immer ist dieser Hilferuf Marshalls im Internet zu finden, auf einer Seite von Unterstützern. Als er ihn schrieb, war er gerade Anfang 20. Am 12. August 2004 hatte ihn ein Gericht zum Tode verurteilt. Es sah es als erwiesen an, dass Marshall während eines Überfalls auf ein Burger-Restaurant einen Menschen erschossen hat.

Sie glaubt an seine Unschuld

Marshall bestreitet bis heute, der Todesschütze zu sein. Er behauptet, dass seine Komplizen sich im Gefängnis absprachen, um ihn mit dem Mord zu belasten. Sie entgingen der Todesstrafe, nur Marshall soll durch die Giftspritze sterben. Tatsächlich sollte der Überfall auf das Burger-Restaurant wohl nur vorgetäuscht werden, ein Angestellter war in die Tat verwickelt, doch dann geriet etwas außer Kontrolle. Detail für Detail haben Marshalls Unterstützer zusammengetragen, was ihn entlasten und so retten soll. Ihrer Meinung nach fehlen wichtige Beweisstücke, Augenzeugenberichte würden falsch interpretiert. Auch Birgit Zamulo glaubt an Marshalls Unschuld.

Zwei bis drei Briefe bekommt sie jeden Monat aus Texas, sie selbst schreibt einmal die Woche. Es ist paradox, aber die Freundschaft mit einem Todgeweihten macht den Alltag schwer und leicht zugleich. Für schwere Gedanken reicht manchmal ein Einkauf. „Mein Gott, jetzt gebe ich Geld aus, das müsste ich doch eigentlich dem Gerald schicken, der hat schon wieder kein Geld für Briefmarken“, denkt Zamulo dann. Die Angst vor dem Tag, an dem Gerald Marshalls Tod einen Termin bekommt, frisst sich in ihr normales Leben.

Aber die Freundschaft mit Gerald Marshall ist für Birgit Zamulo auch eine Bereicherung. Marshall, Tausende Kilometer entfernt in einer Zelle eingezwängt, kann nur eines geben: Aufmerksamkeit. Gleich in einem der ersten Briefe bat er: „Bitte, schreib’ mir jedes kleinste Detail aus deinem Leben. Alle Sorgen, alle Freuden. Scheue dich nicht, mir auch Fragen zu stellen.

Denn das ist das einzige, was in meinem Leben stattfindet. Ich lebe dein Leben mit, dadurch lebe ich wieder etwas.“ Das schreibt sonst wohl niemand an Birgit Zamulo. Sie ist Anfang 60, war acht Mal verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und ein recht bewegtes Berufs- und Privatleben hinter sich. Für sie ist Gerald Marshall ein neues Familienmitglied, „wahrscheinlich eines meiner aufmerksamsten“. Selbst ihre beruflichen Sorgen als freie Schauspielerin erscheinen kleiner, wenn man sie vor der Folie eines anderen Lebens betrachtet. „Bin ich gut auf der Bühne? Habe ich eine schlechte Kritik? Dann bricht die Welt zusammen. Was ist das alles angesichts eines Menschen, der da auf einer Pritsche auf zwei Mal drei Metern lebt.“

Ein gelassener Mann

Gerald Marshall ist heute 32 Jahre alt. Zehn Jahre Warten auf den Tod haben früh einen gelassenen Mann aus ihm gemacht. Seine Geschichte hat er aufgeschrieben, „Aus der Pflegefamilie in die Todeszelle“ heißt das Buch. Schon das ist eine recht genaue Beschreibung seines Lebenswegs. Keine seltene Biografie in Amerikas Todeszellen. Marshall schreibt Gedichte, und er malt, so versucht er, Herr seines Schicksals zu bleiben. Seinen Tod hat er sich schon einmal vor Augen geführt und als Albtraum notiert: „Die fünf Männer des Hinrichtungsteams drücken mich in Richtung Liege, sie sind kampfbereit. Mein Körper gibt nach, und ich setze mich auf die Liege. Dann lege ich mich hin, wie Geier jagen sie nach meinen Gliedern. Mein linkes Handgelenk wird festgeschnallt, dann mein rechtes. Mein linkes Bein, dann mein rechtes. Jetzt sterbe ich.“

Gerald Marshall kämpft aber um sein Leben, Birgit Zamulo kämpft mit ihm. Für bessere Haftbedingungen, um Aufmerksamkeit für den Fall, um Geld für einen besseren Anwalt, der einen neuen Prozess erstreiten soll. Kurz glaubten die Gegner der Todesstrafe in den USA im vergangenen Jahr, sie kämen ihrem Ziel näher. Amerikas Giftcocktails töteten nicht mehr zuverlässig, in Oklahoma krümmte sich ein Mann nach der Giftspritze auf der Hinrichtungsliege, versuchte zu sprechen und aufzustehen.

Der Tod kam erst nach 43 Minuten. Der Fall war nur ein besonders grausamer in einer Reihe missglückter Hinrichtungen, überall haben die Henker Probleme, sich geeignete tödliche Chemikalien zu beschaffen. Todesstrafengegner hofften auf eine neue Diskussion darüber, ob der Mensch den Menschen mit dem Tod strafen darf – vergebens. Bald fingen die Hinrichtungen wieder an. Birgit Zamulo hatte ohnehin nie die Hoffnung, dass das staatliche Töten einfach aufhören würde.

Wort wie „Todestrakt-Groupie“

Familie und Freunde verstehen sie nicht. „Steigere dich da nicht so rein. Du musst auf dich schauen!“, sagen sie. Ein bisschen Eifersucht ist wohl auch im Spiel. Selbst innerhalb der Unterstützergruppen der Gefangenen gibt es manchmal Streit, dann geht es aber um das genaue Gegenteil. „Wenn wieder ein Mensch hingerichtet worden ist, gehen die Vorwürfe los: Du hast zu wenig getan! – Nein, du hast zu wenig getan.“ Auch fiel das böse Wort „Todestrakt-Groupie“. Birgit Zamulo will da nicht mehr mitmachen. Sie will nur für Gerald Marshall da sein.

„Du stehst auf meiner Besucherliste. Bitte komm, wenn du kannst“, hat Marshall ihr im Sommer geschrieben. Zamulo hat Angst, dass ihr die Zeit davonläuft. Zehn Jahre lang lebt ihr Brieffreund schon mit einem Todesurteil, eine Zeitspanne, nach der mit einem Hinrichtungstermin zu rechnen ist. Möglichst bald will sie ihn besuchen. Es wäre das erste Zusammentreffen der Brieffreunde. Es könnte ihr letztes sein.