RÜDERSDORF. Reinhard Kienitz ist stolz auf seine Bergmannsuniform, obwohl er nie in seinem Leben Bergmann war. "Rüdersdorf und der Bergbau gehören einfach zusammen", sagt der 63-jährige ehemalige Elektromonteur. Kienitz gehört nicht nur zu den 65 Mitgliedern des Rüdersdorfer Bergbauvereins, der Rentner ist auch der Ortschronist. Er ist hier geboren und aufgewachsen. "Der Kalksteinabbau prägt den Ort seit mehr als 750 Jahren", sagt Kienitz. Rüdersdorf war ein industriell ausgebeuteter und geschundener Ort, sagt Kienitz auch. Besonders schlimm war es in den 70er- und 80er-Jahren. Jährlich rieselten über 50 000 Tonnen Zement- und Kalkstaub auf die Gemeinde nieder und färbten die Bäume und Sträucher weiß. "Es gab Stellen, wo die Staubschicht bis zu zehn Zentimetern dick wurde", sagt er. Zum Beispiel das Dach der Bus-Haltestelle vor dem Zementwerk an der B1. Um die Zementproduktion für das DDR-Wohnungsbauprogramm zu steigern - ein Drittel des Zements kam aus Rüdersdorf - wurden oft, vor allem nachts, die Filter ausgeschaltet. Kienitz kennt die Zeit, als die Menschen erst die Windrichtung prüften, wenn sie Wäsche aufhängen wollten. "Wir wohnten am Kalkberger Platz, und Wäsche im Freien trocknen ging nur bei Westwind", sagt er. Bei Ostwind musste gewartet oder die Wäsche in der Wohnung getrocknet werden. Kienitz hatte sich daran gewöhnt wie die meisten der damals 12 000 Einwohner. Auch daran, dass sie erst den Balkon fegen mussten, wenn sie dort mal sitzen wollten. "Beinahe jedes Jahr mussten wir die Fenster streichen", sagt der Ortschronist. Rüdersdorf war vermutlich der Ort in der DDR mit der höchsten Staubbelastung - fast fünf Tonnen pro Einwohner rieselten jährlich ab 1985 nieder. Doch nur wenige Rüdersdorfer zogen weg. Die Situation änderte sich schlagartig, als 1990 die britische Gruppe Readymix die Zementwerke von der Treuhand kaufte. Das Unternehmen investierte 500 Millionen Mark und baute das Werk zu einem der weltweit modernsten Betriebe der Branche aus - Arbeitsplatz für noch 450 Rüdersdorfer. Früher arbeiten in den fünf Zementwerken mehr als 3 300 Menschen. Allein 100 Millionen Mark wurden in den Umweltschutz gesteckt. Die Staubbelastung heute: weniger als 50 Milligramm pro Kubikmeter Luft. "Das kann man nicht mehr sehen, das muss mit speziellen Messgeräten festgestellt werden", sagt Kienitz.Die Folge: Die Wälder und Wiesen sind wieder grün, in den Seen rund um Rüdersdorf kann wieder bedenkenlos gebadet werden. Und Kienitz freut sich über die schönen Ecken im Ort wie den Park am Mühlenfließ. In einem Landschaftsschutzgebiet wurde eine Reha-Klinik für Herz-und-Kreislauf-Kranke gebaut. In zwei Neubausiedlungen zogen vor allem Berliner. Ganz besonders stolz ist Ortschronist Kienitz auf den Museumspark. Für über zehn Millionen Mark wurden alte, größtenteils aus dem 19. Jahrhundert stammende industrielle Bauten für das Kalkbrennen und die Zementproduktion restauriert. Die Industriedenkmale zogen im vergangenen Jahr mehr als 90 000 Besucher an. Als Nächstes will der Bergbauverein, der bei all den Vorhaben im Museumspark mitwirkt, den Glockenberg-Pavillon wieder errichten. Er war 1828 erbaut und 1981 abgerissen worden weil er zu nahe am Tagebau stand. "In Not und Gefahr wurde die Glocke geschlagen", sagt Kienitz. Die Glocke läutete früher auch zum Feierabend der Bergmänner. Die gibt es heute zwar kaum noch in Rüdersdorf. Aber da sind noch die Sprengmeister im Tagebau, die an die Tradition erinnern. Bergbau und Rüdersdorf, das gehört doch einfach zusammen, sagt der Ortschronist.RÜDERSDORF Kalkabbau seit 750 Jahren // Seit 750 Jahren wird in Rüdersdorf Kalkstein abgebaut: Bis 1860 zu ebener Erde, seitdem im Tagebau. Seit 1985 wird in Rüdersdorf Zement produziert.Mit Kalksteinen aus Rüdersdorf wurden auch der Berliner Dom, der Reichstag, das Schloss Bellevue, das Olympiastadion und das Brandenburger Tor errichtet. Rüdersdorf entstand 1931 aus den Gemeinden Tasdorf, Rüdersdorf und Kalkberge. In den 80er-Jahren lebten rund 12 000 Menschen im Ort. Heute sind es 10 600. // BERLINER ZEITUNG/GEZETT In der Nachbarschaft das Kalkwerk: In wohl keinem anderen Ort der DDR gab es mehr Staub als in Rüdersdorf. Heute ist der Staub verschwunden.