Der Konflikt um den Limburger Franz-Peter Tebartz-van Elst nimmt Formen an, wie es sie in der deutschen katholischen Kirche noch nicht gegeben hat. Hunderte von Gläubigen haben seit Sonntag einen offenen Brief unterschrieben, der dem Bischof vorwirft, Vertrauen verspielt zu haben und die Zukunft des ganzen Bistums „in hohem Maße“ zu gefährden. „Die Bistumsleitung muss umgehend einen anderen Weg einschlagen, will sie die katholische Kirche in unserem Bistum und darüber hinaus glaubhaft und glaubwürdig vertreten.“

Nach dem Sonntagsgottesdienst im Frankfurter Dom wurde der Wortlaut des Briefs laut beklatscht, die Teilnehmer standen zum Unterschreiben in Dreierreihen Schlange. Nach Auskunft der katholischen Stadtkirche gibt es schon mehr als 500 Unterstützer. Bei den Initiatoren gehen Anfragen von Gemeinden aus dem ganzen Bistum ein, die sich der Aktion anschließen möchten.

Das Schreiben gilt als ein Zeichen der Solidarität mit dem Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz, dem Wortführer der Kritik am Führungs- und Lebensstil des Bischofs. Diesem werden seit Langem Selbstherrlichkeit und autoritäres Auftreten vorgeworfen, zum anderen Geldverschwendung, was sich besonders an der Ausstattung des aufwendig sanierten Bischofshauses und einem Erste-Klasse-Flug nach Indien vor einem Jahr festmacht.

Strafbefehl – das gab es noch nie

In dieser Angelegenheit prüft die Hamburger Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen uneidlicher Falschaussage gegen Tebartz. Dieser hatte sich juristisch gegen einen Bericht im Spiegel gewehrt und Aussagen bestritten, die allerdings in Bild und Ton hieb- und stichfest dokumentiert sind. Ein Bischof, gegen den womöglich ein Strafbefehl ergeht – das wäre in Deutschland ein Präzedenzfall. Rufe nach einem Rücktritt könnte der wahlweise unbeholfen bis weltfremd agierende Bischof dann nicht mehr ganz so leicht vom Tisch wischen. Bisher stellt er sich intern auf den Standpunkt, er sei vom Papst eingesetzt, darum könne ihn auch nur der Papst aus dem Amt entfernen.

Traditionell zögert Rom, Streitigkeiten in einem Bistum durch Abberufung des Bischofs zu beenden. Allerdings setzte Papst Franziskus vor wenigen Wochen in Slowenien zwei Oberhirten mit harter Hand ab. Dort ging es um finanzielle Unregelmäßigkeiten. Möglicherweise ist es kein Zufall, dass die Eskalation des Limburger Konflikts mit Beiträgen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einhergeht, in denen die Herkunft hoher Millionenbeträge für das Bischofshaus in Zweifel gezogen wird. Das Bistum weigert sich, Fragen zur Finanzierung zu beantworten. Aktenkundig ist die Anweisung von Tebartz’ Generalvikar Franz Kaspar, selbst Gegenstand kritischer Berichte, die Recherchen „ins Leere laufen“ zu lassen.

Wegen missliebiger Presse hatte das Bistum unlängst alle FAZ-Abonnements gekündigt. Selbst kirchliche Mitarbeiter werteten dies als weiteren Beleg für Selbstisolation und Realitätsverlust an der Spitze des Bistums. Während die Pressestelle stur die Gesprächsbereitschaft und Kritikfähigkeit des Bischofs behauptet, hält ein hochrangiger Kirchenvertreter „längst alles Porzellan für zerdeppert“. Der Bischof fordere Solidarität und lege einem Kritiker wie dem Frankfurter Stadtdekan wegen eines angeblichen Mangels an Loyalität den Rücktritt nahe. Dagegen erlebten leitende Mitarbeiter und Pfarrgemeinden Tebartz als in hohem Maße unsolidarisch: „Der Bischof interessiert sich nur für sich selbst.“

Intern und öffentlich hat zu Eltz, der als Domkapitular zur Bistumsleitung gehört, wiederholt seine Besorgnis geäußert. Dafür erhält er in dem offenen Brief der Frankfurter Katholiken ostentativ Rückhalt: „Gerade die Sorge um unser Bistum gebietet zwangsläufig, Fehlentwicklungen zu benennen und auf Änderung hinzuwirken.“

Solidarität aus der Oberschicht

Zu der Unterschriftenaktion wollte zu Eltz auf Anfrage ebenso wenig Stellung nehmen wie die Deutsche Bischofskonferenz. Doch Tebartz-van Elsts Mitbrüder beobachten die Entwicklung in Limburg zunehmend betreten bis zornig. Von regelmäßigen Wutausbrüchen eines Kardinals über Tebartz ist die Rede. „Das nimmt kein gutes Ende“, sagte der Oberhirte eines westdeutschen Bistums dieser Zeitung. Noch hat Tebartz, so ist zu hören, den Rückhalt des Apostolischen Nuntius, des diplomatischen Vertreters des Papstes in Deutschland, und des Kölner Erzbischofs, Kardinal Joachim Meisner, als dessen Wunschkandidat für die eigene Nachfolge Tebartz gehandelt wurde.

Nicht zuletzt deshalb zweifeln die Tebartz-Kritiker, dass der Bischof von sich aus Konsequenzen ziehen und abtreten könnte. „Er sieht sich von Feinden umstellt, und wenn es die eigenen Gläubigen sind“, sagt einer aus der Umgebung des Bischofs. Zudem gebe es Durchhalte-Appelle, insbesondere von konservativen Katholiken, aber auch aus der Politik und der gesellschaftlichen Oberschicht Hessens.

An diesem Dienstag berät das Domkapitel in einer Sondersitzung, am Donnerstag ist ein Treffen von Bischof und Stadtdekan anlässlich der Einweihung eines Studentenwohnheims geplant. Was üblicherweise als harmloser Repräsentationstermin zu gelten hätte, wird in Kirchenkreisen mittlerweile als „High-Noon“-Szenario kolportiert. Wildwest in der katholischen Kirche. Auch das gibt es nicht alle Tage.