PARIS, 5. Oktober. So verstockt, arrogant und schweigsam hatte die Gemeinde von Bayeux-Lisieux ihren sonst so jovialen, wortgewaltigen Bischof selten erlebt. Monseigneur Pican allerdings predigte dieses Mal auch nicht von der Kanzel, sondern er stand als Zeuge vor Gericht in der normannischen Stadt Caen. Dort wird einem Kinderschänder im Priestergewand, dem Abbé René Bissey, der Prozess gemacht. Der Abbé missbrauchte elf ihm anvertraute Kinder mit einem geradezu "strategischen, diabolischen System", wie es vor Gericht ein Anwalt der als Nebenkläger auftretenden Eltern der missbrauchten Kinder formulierte.Der als Zeuge geladene Bischof schwieg am Donnerstag vor Gericht. Das tat der Würdenträger schon zuvor. Mindestens zwei Jahre hatte der Bischof vom schändlichen Treiben seines Pfarrers gewusst, ohne die Justiz zu alarmieren. Als der Skandal öffentlich wurde, schickte der Bischof den Mönch lediglich in ein Erholungsheim.Missbrauch als Seelsorge Der Bischof und sein Generalvikar sagten vor Gericht lediglich, ihre erste Pflicht sei es gewesen, das schwarze Schaf, den Abbé, auf den rechten Weg zurückzuführen. Also: Kirchlicher Korpsgeist geht vor Kinderschutz. Wie der jetzt 56 Jahre alte Pfarrer sich an die Kleinen heranmachte, schilderte vor Gericht der heute 26 Jahre alte Ludovic. Missbrauch als Seelsorge: Die Fellatio sei ein Teil des Abendgebets vor dem Einschlafen, lehrte der gute Hirte den Jungen. Parallel pflegte Pfarrer Bissey guten Kontakt mit den Familien seiner Opfer, war deren Vertrauensperson. Auf diese Weise, sagte ein Anwalt, konnte er seine Opfer auch innerhalb der Familien kontrollieren.Schon 1990 erhielt das Bistum erste anonyme Hinweise auf den Missbrauch. Er habe oft Schreiben Unbekannter in der Post, rechtfertigte sich nun der Bischof. Der Pfarrer blieb unbehelligt. Erst als 1996 die Mutter eines Opfers das Bistum einschaltete, gestand Abbé Bissey dem Bischof seine Verbrechen.Bischof Pican begründete sein Schweigen zunächst mit dem Beichtgeheimnis. Nun kam er dem Gericht juristisch. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte brauche er keine Auskünfte über sich zu geben, giftete er. Darauf ein Anwalt: "Ist das nicht eher ein Vorwand, sich aus ihrer Verantwortung zu stehlen?" Der Geistliche: "Darauf brauche ich ihnen nicht zu antworten. " Doch das letzte Wort scheint noch nicht gesprochen. Weil er die Taten des Priester verschwieg, könnte sich auch Bischof Pican demnächst auf der Anklagebank wiederfinden.