Berlin - Der Wahlkampf kommt in die Gänge: Erste Polit-Plakate hängen in den Straßen, auf den meisten sehen wir die üblichen Gesichter und Partei-Phrasen – „Es geht ums Ganze“, „starkes Berlin“. Aber ein Linken-Plakat sorgt jetzt für bizarren Parteien-Zoff: Linke und SPD streiten um eine Seniorin. Denn beide reklamieren Mietrebellin Oma Anni als Werbe-Ikone für sich. Sie ist zur Symbolfigur im Kampf gegen Miethaie geworden. Doch Zähne zeigen derzeit nur Linke und SPD – zum Leidwesen der Rentnerin.

Oma Annis Miete soll steigen

Aber der Reihe nach: Bei Oma Anni ist es im Grunde wie bei vielen Berlinern. In Zeiten von Umwandlungen von Miet- in Eigentumswohnungen und explodierenden Mietpreisen kämpfen sie um ihr Zuhause. Eigentlich wollte Anni nach einem arbeitsreichen Leben nur das Alter genießen – vor allem ihren Garten. Doch damit ist es vorbei: Nach 60 Jahren zerstörte ein Investor die Idylle. Die Miete in der Nachbarschaft soll wegen Modernisierung massiv steigen, teils von 400 auf 1700 Euro. Der Fall macht auch in der Politik Furore: Jetzt prangt Anni als Model auf einem Linken-Plakat – dabei ist sie SPD-Wählerin.

Das offenbarte Oma Anni, als sie mit dem Plakat daheim in Tegel fotografiert wurde. Sie verriet: „Ich bin nicht für die Linke. War immer SPD, das bleib ich auch.“ Und doch steht es in Rot und Weiß nebst einem Foto der Seniorin auf dem Plakat: „Mietrebellin – Oma Anni bleibt. Die Linke“. Was ist denn da los?

Oma Anni steht zu ihrem Rebellentum

Des Rätsels Lösung: Oma Anni machte auf Linken-Anfrage ganz freiwillig bei der Plakat-Aktion mit, schließlich steht sie zu ihrem Rebellentum. Die SPD allerdings verführte das Zitat jetzt zu einem bissigen Konter. Die Partei fertigte eine Fotomontage an, auf der das Plakat-Motiv ohne Linken-Schriftzug zu sehen ist. Stattdessen steht dort: „Oma Anni bleibt ... SPD-Wählerin“.

Und auch das Zitat darf nicht fehlen: „Ich bin nicht für die Linke. War immer SPD, das bleib ich auch – Berliner KURIER, 05.08.16“. Ein Bild des umgestalteten Plakats verbreitetete die SPD in den sozialen Netzwerken. Damit war der Ärger mit der Linkspartei programmiert.

Natürlich hätte sie die SPD-Anhängerschaft von Oma Anni locker nehmen können. Und tatsächlich hatte Katina Schubert, Wahlkampfleiterin der Linken, zunächst lachend gesagt: „Schon in Ordnung. Dass wir im Westen überhaupt so weit gekommen sind, ist schon ’ne coole Nummer.“ Doch als die SPD-Parodie des Linken-Plakats dann bei Twitter kursierte, ging Linken-Spitzenkandidat Klaus Lederer der Hut hoch. Er twitterte zurück, dass Mieterinnen wie Oma Anni von der SPD doch nur „in den Arsch getreten“ würden. Später legte Lederer nach: „Die kotzen ab, weil selbst Traditionswählerinnen auf unseren Plakaten sind. Muss das wehtun!“

Die Linksfraktion im Abgeordnetenhaus setzte noch eins drauf: „Tolle Geschichte. Sollte der SPD zu denken geben, dass es die Linke braucht, um Oma Anni Gehör zu verschaffen.“ Grünen-Chef Daniel Wesener twitterte: „Kurioser SPD/Linke-Streit um Oma Anni. Ob die weiß, dass Rot-Rot 100.000 Wohnungen privatisiert hat?“