Am ersten Februar 1915 wurde der Historiker Friedrich Wolters eingezogen und fuhr in den folgenden Monaten mit dem Kaiserlichen Autocorps der Etappeninspektion der fünften Armee "zwischen den Ardennen und Argonnen die kreuz und quer". Ein Jahr zuvor hatte er sich an der Berliner Universität mit einer Untersuchung über die "Geschichte der Zentralverwaltung des Heeres und der Steuern in Brandenburg Preussen 1630 1697" habilitiert. Nun, so schrieb er an Stefan George, lerne er "in tat und handlung" kennen, was er "die lezten jahre durchforscht" hatte: "von der verbindung mit der heimat, der ausbeutung des feindlichen landes bis zur versorgung der fechtenden truppe." Das letzte Attribut ist unangemessen, bezeichnet nichts und wirkt prätentiös. Gerade die gewundenen, ungeschickten und nachlässigen Formulierungen widersprechen dem Anspruch auf "geistige Führung", den Wolters aus seiner Zugehörigkeit zum Kreis um Stefan George ableitete. Neben Friedrich Gundolf und Max Kommerell war er der wichtigste Jünger des Dichters, dem er sich seit 1904 bedingungslos verschrieben hatte. Vielleicht sollte man den Briefwechsel zwischen Friedrich Wolters und Stefan George vor allem sprachkritisch betrachten. Man würde dann in Schablonen gezwängte Wahrnehmung, zahllose Formeln und als Pendant aller Stilisierung, als Kehrseite der Erlesenheit einen bewußt billigen Jargon, verbale Entgleisungen und viel Pose entdekken. Die Briefe, die Wolters an den Meister schrieb, dokumentieren seine bereitwillige Selbstaufgabe und die kränkende Distanz, die Herablassung, mit der George seinen "Hofhistoriographen" behandelt hat.Der Herausgeber Michael Philipp hat den Briefwechsel sachkundig kommentiert. Leider fehlt eine Bibliographie. In der Einleitung zeichnet Philipp ein aus Bruchstücken zusammengesetztes Wolters-Bild und umgeht somit die Aufgabe, dessen Entwicklung zu skizzieren. Er bietet eine Innensicht, keine historische Darstellung, und verschenkt die Chance, die Polemik des Antipoden Rudolf Borchardt zu prüfen. Sie wird im Kommentar am Rande abgefertigt. In seiner nachgelassenen, erst 1998 publizierten "Aufzeichnung, Stefan George betreffend" wird Wolters für Borchardt zum Exempel für die verheerende Wirkung Georges. Die vielversprechende Erscheinung des jungen Wolters, heißt es da, "ein junger Historiker vom Rheine, Schmollers und Breysigs Schüler, leicht ritterlich, rasch und gewandt", habe sich später "in den wohl scheusslichsten Fratzen einer fratzenhaften Greuelreligion" verzerrt.Man könnte ein Buch mit begeisterten Äußerungen über Wolters füllen. Wer liest, was der 1876 Geborene geschrieben hat, wird die hochgestimmten Erwartungen kaum verstehen können. Seine Briefe, im Ersten Weltkrieg nationalistisch grundiert, in den zwanziger Jahren von ausgestellter Antibürgerlichkeit, sind keine angenehme Lektüre. Wolters Kriegsbegeisterung, sein Drang, pädagogisch zu wirken, sein wenig kontrolliertes Pathos und seine Buchpläne fanden meist den Widerspruch Stefan Georges, um dessen Gunst Wolters lange vergeblich warb. Als Person bleibt der Historiker, der sich gern als höherer Mensch begriff, erstaunlich blaß. Ein Grund dafür mag sein, daß er sein Metier, die Geschichtswissenschaft, stets verachtet hat. Er glaubte, daß allein die Dichtung "Urbilder" schauen könne, während alle Wissenschaft vor dieser Aufgabe versagen müsse. An die Stelle der Analyse sollte die "Schau" des Höheren und Tieferen treten.Nun zeichnen sich selbst die gelungenen Gedichte Georges nicht durch gedankliche Tiefe aus. Der "visionäre Inhalt", so schrieb 1920 Max Kommerell, "mag der geringfügigste, häufigste, gleichgültigste sein; unter seiner wunderbar bildenden Hand schmiegt er sich in so beseelt-edle Formen, daß man nur diese wahrnimmt und als die eigentlich künstlerische Leistung wertet." In seinem Buch "Herrschaft und Dienst" hat Wolters aus der Dichtung Georges die Prinzipien eines "Staates" nach platonischem Vorbild abgeleitet, der aus der "geistigen Tat" und der opfernden Hingabe einzelner erwachsen sollte. Er folgte damit jener Wendung, die der vor 1900 öffentlichkeitsscheue George in seinem "Siebenten Ring" (1907) vollzog, als er sich zum Künder des Gottes "Maximin" erklärte, den er selbst aus dem verstorbenen Knaben Maximilian Kronberger schuf. Das Programm für die Wandlung vom Freundeskreis zum "Staat", zum "geheimen Deutschland", das nicht Inhalte, sondern kultische Formen und Abhängigkeit bestimmten, schrieb Friedrich Wolters.Als Professor in Marburg hat er Georges "Staat" bedeutende neue Mitglieder wie Max Kommerell und dessen Freund Johann Anton gewonnen, die bald engeren Kontakt zu George hatten als Wolters selbst. Die Briefe belegen deutlich, daß dieser vor allem benutzt, gebraucht und als einer, der sich brauchen ließ, verachtet wurde. Seit 1913 hat er mit langen Unterbrechungen an seinem Hauptwerk, der Monographie "Stefan George und die Blätter für die Kunst. Deutsche Geistesgeschichte seit 1890" gearbeitet. Sie erschien 1930. Man wußte immer schon, daß George die Entstehung dieses Buches penibel überwachte, der Briefwechsel bestätigt es. Die Geschichte des Kreises stellte Wolters als Kirchengeschichte dar. Er wollte die Jünger noch einmal vereinen. Doch die "Blättergeschichte" bewirkte das Gegenteil. Friedrich Gundolf sprach von "Sektenlug", Karl Wolfskehl, einer der ältesten Freunde Georges, von "gewolltem Zurechtsehen". Für Kommerell war das Buch einer der Gründe, sich von George zu trennen. Sein Freund Johann Anton nahm sich daraufhin das Leben.Wolters starb 1930. Sich vom Meister zu lösen, wie Hofmannsthal, Gundolf und Kommerell, hat er nie versucht. Deshalb geisterte er als Gespenst durch die Alpträume seines ehemaligen Schülers Max Kommerell. "Einen ganz unmöglichen Traum hatte ich neulich Wolters hielt im Schwimmbad (wir standen alle nackt herum) eine George-Andacht, und pries ihn dafür, daß er den neuen Eros eingeführt und den alten abgeschafft habe. Gleichzeitig aber spielte sich das, am Rande des Bassins, in einer Art Kult-Zeremonie wirklich ab: George tötete einen Drachenmann, der soeben sein Drachenweib beschlafen hatte, hieb jenem das Zeugungsglied ab und warf es ins Schwimmbad. Ich beschloß, diesen neuen Wolters-Skandal nicht unbenutzt zu lassen, und George durch briefliche Schmähungen auf Wolters so zu reizen, daß er mit mir bräche "Stefan George, Friedrich Wolters: Briefwechsel 1904 1930. Herausgegeben von Michael Philipp. Castrum Peregrini Presse, Amsterdam 1998. 331 S., 68 Mark