Paris - Abends um sieben ist die Welt noch in Ordnung, ja sie könnte schöner kaum sein. Mächtige Platanen säumen die Ufer des Canal Saint-Martin. Auf grüngrauem Wasser spiegeln sich Brückenbögen und Bürgerhäuser mit Stuckgirlanden und schmiedeeisernen Balkongittern. Einen Skizzenblock auf den Knien, versucht eine Kunststudentin festzuhalten, was schwer zu greifen ist: das Flair dieses Pariser Viertels, das durch Filme wie „Hôtel du Nord“ und „Die fabelhafte Welt der Amélie“ zu Weltruhm gelangt ist. „Hier zu wohnen, wäre ein Traum“, sagt die Zeichnerin.

Eine Wohnung am Kanal kann sich kaum jemand leisten. Die Immobilienagentur L’Adresse du Canal empfiehlt ein 39-Quadratmeter-Apartment für 1,2 Millionen Euro. „Ideal für ein junges Paar“, steht daneben. Aber wenigstens die Ufer des Kanals, sie sind für alle da. Liebende lassen sich am Wasser nieder. Abiturienten feiern dort das Ende der Schulzeit, ziehen Bierflaschen aus Rucksäcken, reißen Chips-Tüten auf. Familienväter schleppen Liegestühle herbei. Obdachlose breiten Pappkartons aus. Flamenco-Klänge und das Pochen einer Bongo-Trommel dringen ans Ohr. Als längste Pariser Picknickmeile gilt der einst von Napoleon in Auftrag gegebene Wasserweg.

Gegen Mitternacht freilich schlägt die Stimmung um. Der Kanal beginnt zum Kriegsschauplatz zu mutieren, an seinen Ufern entbrennt ein Klassenkampf. Die Reihen der Besucher haben sich mittlerweile gelichtet. Bei den Zurückgebliebenen scheint der Alkoholpegel eine kritische Schwelle überschritten zu haben. Wo eben noch gesungen wurde, wird nun gegrölt. Der Weg zu Abfalleimer oder Toilette überfordert die vom Alkohol schweren Glieder.

Ein Betrunkener torkelt über die Uferstraße. In einer Hand hält er zusammengedrückte Bierdosen, mit der anderen sucht er vergeblich Halt. Der kahlgeschorene Kopf, das auf dem T-Shirt prangende Gewehr, signalisieren Wehrhaftigkeit, der schwankende Gang Hilflosigkeit. Der Mann lässt die Dosen fallen, die scheppernd auf den Asphalt schlagen, erbricht sich auf dem Gehweg.

Erbrochenes und Urinpfützen

Ein paar Schritte weiter uriniert ein Leidensgefährte im Dunkel eines Hauseingangs. Ein Bewohner reißt das Fenster auf, kippt einen Eimer Wasser auf den Mann. Andere Kanalanrainer greifen zur Kamera. Sie fotografieren Erbrochenes, Urinpfützen, auf dem Wasser dümpelnde Plastiktüten, Flaschen und Tetrapacks, posten die Bilder des Vandalismus auf dem tumblr-Blog „Welcome to Canal Saint Martin“, formulieren Petitionen, sammeln Unterschriften. Wieder andere Anwohner rufen die Polizei – die freilich nicht kommen wird. Ein Dekret, wonach Alkoholgenuss zwischen 21 und sieben Uhr an weiten Teilen des Ufers verboten ist, läuft ins Leere.

Die Fronten scheinen klar: Bourgeoisie gegen Proletariat, Reich gegen Arm. Vor allem für Kunst und Kultur empfängliche bourgeoise Bohemiens, von den Franzosen spöttisch „Bobos“ genannt, haben sich hier am Kanal niedergelassen. Für durchschnittlich mehr als 8 000 Euro pro Quadratmeter glaubten sie sich in die fabelhafte Welt der Amélie eingekauft zu haben. Aber anstatt mit der diskreten Aurélie Tautou, die hier einst vor der Kamera Nachbarn beglückte, bekommen die Anrainer es mit ganz anders gearteten Landsleuten zu tun.

Da ist freilich nicht nur Klassenkampf, da ist auch der von Karl Marx einst postulierte intellektuelle Überbau. Wie auf Eugène Delacroix’ legendärem Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ zieht eine Frau an vorderster Front für die Armen und Entrechteten ins Gefecht: die Libération-Journalistin Johanna Luyssen. In einem Leitartikel des linksliberalen Blattes erinnert sie abgehobene Bobos daran, „wie es zur heißen Sommerszeit im richtigen Leben zugeht: Da platzen Abwasserrohre, sterben die Alten, und die Armen gehen nach draußen; Studenten, Interimsbeschäftigte, Amateurtrompeter, ja sogar Punks mit Hunden tun das.“ Es folgt die spöttische Frage: „Wollt ihr Bobos wirklich in einer Stadt leben, in der alle Welt an einem Glas 6,50 Euro teuren Bioweins nippt und über die nächste Retrospektive des Filmemachers Michelangelo Antonioni parliert?“

Franzosen schätzen Verbote nicht

Eine Frau ist es auch, die dagegenhält. Die Kolumnistin Natacha Polony ergreift im konservativen Figaro auf der Seite der Besitzenden das Wort. Polony beklagt „eine Ideologie, die den vergnügungssüchtigen Individualismus höher ansetzt als die Regeln gesellschaftlichen Zusammenlebens.“ Anstatt sich darüber zu erregen, dass der Kanal an Sommerabenden zur Kloake verkomme, verdamme Libération den bürgerlichen Klassenfeind, der die Armen nicht liebe.

Meinungsforscher bringen sich in die Auseinandersetzung ein. Franzosen schätzten Verbote immer weniger, wollten sich in den Sommerferien schon gar nicht vorschreiben lassen, was zu tun und was zu lassen sei, haben die Experten herausgefunden. Laut einer Erhebung des Instituts Viavoice beklagen fast drei Viertel der Bevölkerung zu viele Verbote, Zwänge und Kontrollen; 45 Prozent räumen ein, dass es reizvoll wäre, dagegen zu rebellieren.

So unversöhnlich sich Luyssen und Polony indes auch gebärden, an der Basis versucht man sich am Brückenschlag. Der DJ Alexandre Tessereau hat mit ein paar Jugendlichen des Viertels auf der Facebook-Seite „Fêtards éco-responsables“ (Umweltverantwortliche Nachtschwärmer) zur sonntäglichen Kanalreinigung aufgerufen. Zwar sind die angekündigten 200 Putzkräfte dann nicht gekommen. Aber immerhin haben gut ein Dutzend junge Leute, mit Spülhandschuhen und Feuerzangen unter den argwöhnischen Blicken der Anrainer vom Boden und aus dem Wasser geklaubt, was dort in der Nacht zuvor gelandet war.

Anne, die im Design-Bookstore Artazar an der Kasse steht und von dort auf den Kanal blickt, zeigt sich ebenfalls versöhnlich. Am Wasser sei es zwar schöner als in jeder Bar und dank der im Supermarkt erstandenen Getränke auch noch viel billiger, sagt die 24-Jährige. Aber ja, den Auswüchsen müsse man begegnen. Es fehle an Problembewusstsein.

Rémi Féraud versucht, dieses zu mehren. Der Bürgermeister des zehnten Arrondissements hat am Kanal Klohäuschen, Pissoirs und Mülleimer aufstellen lassen sowie Lagepläne, die den Weg dorthin weisen. Im Pariser Rathaus hat das Stadtoberhaupt Anne Hidalgo klargestellt, dass das Picknick zwar eine herrliche Pariser Mode geworden sei, Unzivilisiertheiten künftig aber bestraft würden. Und im Hôtel du Nord, wo in den Dreißigerjahren der legendäre gleichnamige Film gedreht wurde, erklärt man den potenziell geschäftsschädigenden, vor der Haustür ausgetragenen Konflikt bereits kühn für erledigt, ja für inexistent. Ein Getränke servierender Kellner schüttelt den Kopf. „Lärm? Schmutz? Hier? Nie gehört, nie gesehen.“

Rachid Nouredine weiß das Wohlwollen der Stadtverwaltung und das Fernbleiben der Polizei zu schätzen. Der 31-jährige Algerier hat sich mit einer Bierflasche am Ufer niedergelassen. Er vermisst die im algerischen Tizi Ouzou zurückgebliebene Familie. Er vermisst die Freundin, die in Norwegen Arbeit und Auskommen gefunden hat. Er selbst muss meist mit Gelegenheitsjobs vorlieb nehmen. Zurzeit hat er nicht einmal das. Und doch ist er mit sich im Reinen, hier am Kanal jedenfalls. „Ich komme abends hierher“, sagt er, „schaue aufs Wasser, trinke mit den Kumpels ein paar Bier und irgendwann glaube ich dann, mein Leben ist okay.“