Zu den absonderlichen Dingen, die Kinder und manchmal noch Erwachsene tun, gehört das Experiment mit der Blindheit. Man schließt die Augen und nimmt sich vor, bis zu einem bestimmten Punkt zu gelangen, so als habe man plötzlich das Augenlicht verloren und müsse sich ein paar hundert Meter nach Hause durchschlagen. Man kommt ins Trudeln, schürft sich die tastende Hand ab, droht zu stürzen. Meistens reißt man die Augen lange vor dem Ziel wieder auf.In seinem Band "U&I" hat der vierzigjährige amerikanische Erzähler Nicholson Baker sich eine solche Prüfung in selbstgewählter Dunkelheit auferlegt. Er schrieb über John Updike, den großen Erzähler der vorangehenden Generation, allein auf der Grundlage seines Gedächtnisses, ohne nachzulesen, nachzuschlagen, neuzulesen. Baker berichtet, was Updike ihm bedeutet: Er gibt Handlungen und Episoden seiner Romane wieder, zitiert Sätze, Metaphern, Gedanken alles allein aus der Erinnerung. Er hat jahrelang mit Updikes Büchern gelebt, sich mit ihm verglichen und an ihm gemessen, ihn befragt und bezweifelt. Zweifellos liebt er ihn, zugleich gibt er zu, nicht einmal die Hälfte von Updikes Büchern vollständig gelesen zu haben. "Eine wahre Geschichte", heißt "U&I" im Untertitel. Wie wörtlich das zu nehmen ist, zeigen die Korrekturen in eckigen Klammern, die Baker nach Beendigung seines Manuskripts eingefügt hat: Dort stehen die wörtlichen Zitate und die richtigen Inhaltsdarstellungen. Wir sehen Baker beim Schlingern im Dunkel und erleben zugleich den Moment, wo die Augen wieder offen sind und die Straße gerade vor ihm liegt.Wie sicher er doch geht, kann man ermessen, wenn man versucht, an Bakers Buch dasselbe Experiment durchzuführen, zum Beispiel es zu rezensieren und aus ihm zu zitieren, ohne eigens nachzuschlagen. Nun sind Bakers mäandrierende Erinnerungen an Updike-Lektüren, Erinnerungen, die sich zu einer inneren Autobiographie auswachsen, so fließend und verzweigt, daß sie dem Gedächtnis weniger Halt geben als die geraden und gepflasterten Straßen von Updikes Geschichten; doch bei ihm erinnert sich Baker am liebsten an jene schönen Bilder und Metaphern, denen sein eigener literarischer Ehrgeiz gilt. Eines von Bakers Lieblingsbildern ist der Sonnenölfleck in einer Proust-Ausgabe, der das Papier transparent mache für die bunte und sonnige amerikanische Gegenwart, jenes Papier, auf dem das undurchschaubare Leben eines homosexuellen französischen Genies um 1900 geschrieben steht.Das war aus dem Gedächtnis zitiert.Wörtlich lautet die Stelle so: "Sonnenöl hat, wie ich finde, eine Proustsche Viskosität; ich stelle mir die Fast-Transparenz, die die Lotionstropfen auf dem Papier geschaffen haben müssen, als Methylparaben-Bullaugen in Marcels Prosa vor, durch die wir einen kurzen Blick auf das faßbare, verifizierbare Leben, das wir heute in Amerika führen, erhaschen können, samt Eheleuten, Liegestühlen und heilendem Sonnenlicht, im Gegensatz zu dem nicht mehr faßbaren Leben eines homosexuellen Genies in Frankreich vor de m Ersten Weltkrieg."An einer anderen Stelle beschreibt Baker, wie er seine Mutter beim Frühstück über einen Updike-Essay im "New Yorker", der das Golfspiel behandelte, laut herauslachen sah, und wie tief ihn dieses scheinbar grundlose, nur durch Papier und Buchstaben erzeugte Gelächter beeindruckte, das sich so von dem freundlichen, ermunternden Lachen der Mutter über ihre Kinder unterschied. So hat den jungen Nick eine proustische Liebe zur eigenen Mutter dem fernen Updike nacheifern lassen (die wunderschöne Originalstelle ist für eine kurze Rezension viel zu lang).Was soll dieses merkwürdige literarische Geschicklichkeitsspiel? In einem komischen methodologischen Exkurs erwägt Baker die Möglichkeit, sein Verfahren der "Closed-Book-Betrachtung" oder "Erinnerungskritik" als neuen geisteswissenschaftlichen Trend (die Übersetzung sagt sinnwidrig "humanistischen Trend") zu lancieren. Es wäre dies ein Trend, der allem zuwiderliefe, was an amerikanischen Hochschulen derzeit über Literatur gelehrt und gedacht wird. Dort stehen die Zeichen und ihre Materialität im Mittelpunkt, die Fremdheit von Texten, die sich gegen die Absichten ihrer Autoren wie die Bedürfnisse ihrer Leser sperren. Bakers Versuch dagegen zeigt, wie die Literatur sich von den Buchstaben ablösen kann, wie sie zum organischen Teil eines ganz diesseitigen Lebens zwischen Müttern, Sonnenölfläschchen, Vortragsabenden und zerfledderten Taschenbüchern werden kann. An die Stelle der Materialität der Zeichen tritt die Transparenz des öldurchtränkten Papiers."Leben" ist der Zentralbegriff des Buches. Es ist Baker wichtig, daß Updike noch lebt, denn "die Lebenden denken und tun potentiell genau dasselbe, was wir auch tun: sich durch eine vollautomatische Autowaschanlage ziehen lassen, zusehen wie ein Pony an einer Möhre kaut, bemerken, daß eine bedeutende Kirche orange eingerüstet ist". Tote Autoren dagegen sind Klassiker, deren Werke man vollständig gelesen haben muß: "Posthum werden ihre Beweggründe lächerlich simpel, ihre Freuden primitiv und statisch; ihre Emotionen tragen sämtlich Bühnenschminke, und kaum je werfen wir aus Unmut über etwas, was sie gesagt haben, ihre Bücher durchs Zimmer." An Updike, dem noch lebenden, kann Baker unmutig herumkritteln; aber weil er noch lebt, muß sein Kritiker sich sogleich auch wieder zurücknehmen, denn er spürt fast körperlich den Widerspruch, den der geliebte Autor gegen seine Einwände vorbringen könnte. Bakers blind geschriebener Text behandelt John Updike mit einer Zartheit, die man nicht der abstrakten Persona eines Autors, sondern nur einem realen Nebenmenschen entgegenbringt. So reißt er die Schranke zwischen Literatur und Leben nieder.Wenn man das verstanden hat, dann treten sogar die wahrhaft staunenerregenden künstlerischen Qualitäten von Bakers Text das perlende Fließen seines Satzbaues, die Komik seiner Wahrnehmungen, das dichte Geflecht motivischer Bezüge, der Scharfsinn seiner Poetologie zurück vor dem Eindruck von großer Liebe und allerlei benachbarten Gefühlen, den er vermittelt. Man begreift dann, daß die Literatur für Baker das Mittel ist, etwas über "das Leben als Ganzes" zu sagen, obwohl es nur in Vermittlungen faßbar ist. Bakers Wahrnehmung ist so hochauflösend, daß er bei jedem Gegenstand auf die sinnlichen und seelischen Atome stößt, die in jedem gefühlten Dasein gleich sind, auch wenn sie sich zu ganz verschiedenen Materien verbinden. In seinen früheren Büchern (und in den vermischten Essays, die die zweite Hälfte dieses Bandes füllen, dessen erste "U&I" einnimmt) waren dies die Dinge des Alltags und sexuelle Empfindungen; in "U&I" ist es das Lesen, die Literatur. Auch sie hat Teil an dem großen Strom, der alles hervorbringt und trägt.Dieser wahrhaft humanistische Trend führt Baker bis zu den kurzen Augenblicken, in denen er Updike persönlich begegnet ist.Es sind zufällige Zusammentreffen bei einem Vortrag und einer Universitätsfeier; mit dem Mut des Schüchternen, dem alles egal wird, wenn er seine Schüchternheit erst einmal überwindet ("wenn die extrem Schüchternen sich zwingen, dreist zu sein, sind sie häufig verblüffend unsubtil, zu direkt und sogar grob: Sie haben eine extreme Region jenseits ihrer normalen Persönlichkeit betreten, einen Bereich des sozialen Verbrechens, wo Abstufungen nicht zählen"), läßt er sich zusammen mit seiner Mutter einen Band s ignieren, um Updike zu erzählen, daß auch er schon die Redaktion des "New Yorker" betreten hat. ",Und ich bin seine Mutter! sagte meine Mutter und winkte." Hinterher sagt die Mutter: "Mann! War das jetzt aber toll! Meinst du, es war in Ordnung so?" "Ja, ich glaube, es war gut."So gut meint Baker es mit dem ganzen Leben und seiner unrettbaren, fröhlich einbekannten Peinlichkeit. Diesem Ich wird alles zum Du, und es feiert die große Kette des Seins. Man ist Sohn von Updike, Enkel Nabokovs, Großneffe Prousts, vor allem aber Sohn seiner geliebten Mutter. "U&I" ist die jüngste Bestätigung für Goethes Satz, daß uns nichts vom Leben mehr trennt und nichts uns mit ihm mehr verbindet als die Kunst. Glücklicher kann man als Leser nicht werden.>