Blutige Kämpfe in Kiew: Die Ukraine droht auseinanderzufallen

Kiew - Am Ende der Nacht steht das Wahrzeichen der Maidan-Proteste, das Gewerkschaftshaus, in Flammen. Sie brennen sich durch die Uhrenreklame, die vor die Fassade gespannt ist. Der Lüftungsschacht des Gebäudes hat sich in einen gewaltigen Schlot verwandelt. Dichter Rauch quillt in die Morgenluft.

Was hier brennt, das war über viele Wochen der „Stab des Nationalen Widerstands“. Hier wurden bis vor Kurzem Pressekonferenzen abgehalten, hier hatten die Radikalen vom „Rechten Sektor“ ihr eigenes Stockwerk, hier wurden Verletzte versorgt und Brötchen verteilt. Damit es nun vorbei.

Eine schreckliche Nacht weicht in Kiew dem Morgen, eine Nacht voll tödlicher Gewalt. Um den Unabhängigkeitsplatz herum, wo auch das Gewerkschaftshaus steht, ist die Stadt in eine merkwürdige Starre gefallen. Die U-Bahn fährt nicht, die Läden und die Cafes öffnen nicht. Die Behörden haben einen arbeitsfreien Tag ausgerufen, sicherheitshalber, und der Taxifahrer braust durch leere Straßen.

Dafür sind ein paar Tausend Menschen auf dem Maidan dabei, die schwere Arbeit des Straßenkampfes zu tun. Eine Kette aus fast hundert Menschen reicht Pflastersteine durch, bis hin zu den Männern an den Barrikaden. Molotowcocktails fliegen durch die Luft, und im Feuer der Barrikaden explodieren die Blendgranaten der Polizei. Ein Wasserwerfer sprüht zurück.

Die Straßenkämpfe, die in Kiew bisher auf mehrere Straßenzüge verteilt waren, haben sich seit dieser tödlichen Nacht auf den Unabhängigkeitsplatz selbst verdichtet, so sehr hat die Polizei die Protestierer zurückgedrängt. Jetzt verläuft die Frontlinie nicht mehr in der Gruschewski-Straße am Dynamo-Stadion, sondern mitten über den Platz.

Dafür hat sich das Feuer noch mehr in die Herzen gefressen. Während hinten gekämpft wird, tritt ein junger Mann auf die Bühne. Er hat eine Bulawa, einen Morgenstern der Kosaken. „Der Tod ist eine Gabe Gottes“, ruft er, „und so ein Tod erst recht! Fürchtet euch nicht!“ Dann überzieht er die Polizei mit Schimpfwörtern. Die Menge freut sich. Ein Priester segnet ihn.

Es ist schwer zu fassen, was mit diesem Land und seinen Menschen vor sich geht. 25 Leben haben die Kämpfe seit Dienstag gekostet, sagen die Kiewer Behörden. Die meisten davon sind auf Seiten der Protestierer gestorben, aber es waren auch Polizisten unter den Toten und ein Journalist, den Unbekannte mitten in der Innenstadt aus dem Auto gezerrt haben.

Vier Tote hat der Arzt Oleg Nikolajewitsch gesehen, der mit müdem und düsterem Gesicht im Hof des Michaels-Klosters steht. Es liegt ein paar Hundert Meter den Berg hoch, der Weg ist mit Blutflecken gesprenkelt. Sie führen bis in die Kirche selbst, wo Menschen zwischen den Kerzenleuchtern und Ikonen lagern, und bis in das Refektorium. Dort wird erste Hilfe geleistet, und Oleg Nikolajewitsch koordiniert die Arbeit, er ist ein Freiwilliger wie die anderen auch. Die Verletzten wurden von Helfern herangebracht und von hier werden sie in Krankenhäuser weiterverlegt, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Viele haben Angst, am Krankenbett verhaftet zu werden. Nein, Medikamente hätten sie genug, sagt Oleg Nikolajewitsch, nur Schlaf könne er brauchen.

Die Polizei verprügelt Abgeordnete

Der Ausbruch der Gewalt begann am Dienstag früh. Die Opposition hatte darauf gehofft, an diesem Tag eine Verfassungsänderung im Parlament durchzusetzen – mit einem einfachen Votum wollte sie ein Urteil des Verfassungsgerichts aushebeln, mit dem sich Präsident Viktor Janukowitsch 2010 seine Vollmachten hatte ausweiten lassen. Der Parlamentssprecher hat die Vorlage der Opposition aber nicht registriert, so konnte man auch nicht darüber abstimmen.

„Das ist in der gesamten Geschichte unseres Parlaments noch nie vorgekommen“, sagt Wasyl Pasynjak, der für die Vaterlandspartei von Julia Timoschenko im Parlament sitzt. Dienstag früh um neun Uhr habe man erfahren, dass die Vorlage nicht registriert worden sei, obwohl der Sprecher das versprochen habe. Kurz darauf schon begann die Gewalt. Die Opposition hatte ihre Unterstützer aufgerufen, vor das Parlament zu ziehen, um Druck zu machen. Viele Tausend zogen daraufhin ins Regierungsviertel. Es kam zu Rangeleien mit Unterstützern von Viktor Janukowitsch und mit der Polizei, dann zu Straßenschlachten.

Die Führung sagt: Die Opposition ist schuld, warum schickt man überhaupt mit Baseballschlägern und Helmen bewaffnete Anhänger vor das Parlament? „Das war eine friedliche Aktion“, sagt Pasynjak. Auch er selbst hat die Gewalt zu spüren bekommen. Er wollte schwer verletzte Demonstranten aus einem Gefangenentransporter befreien, ein freundlich gestimmter Polizeioffizier hatte ihm das zugestanden. Aber dann gab es Schwierigkeiten. Pasynjak sagte, dass er nicht nur Arzt von Beruf sei, sondern zugleich Abgeordneter im Parlament. Das hätte er besser nicht getan. „Die Sonderpolizei stürzte sich auf mich, brachte mich zu Fall und trat auf mich ein.“ Während Pasynjak das erzählt, kommt ein Fraktionskollege vorbei. Der verteidigt sich nicht mehr mit seinem Rada-Ausweis, sondern mit einer Pistole im Gürtel. Er hebt kurz die Jacke, um sie zu zeigen.

Die Kämpfe im Regierungsviertel waren kurz, aber heftig. Erst trieben die Demonstranten die Polizei zurück, eine Gruppe drang in den Sitz der Regierungspartei ein und legte Feuer. Die Polizei warf Blendgranaten und sogar Dachplatten von oben auf die Demonstranten. Dann trieb sie ihrerseits die Demonstranten mit Gewalt vor sich her, bis auf den Unabhängigkeitsplatz selbst, wo Barrikaden und Zelte in Brand gerieten. Von dort muss das Feuer auf das benachbarte Gewerkschaftshaus übergegriffen haben. Es ist ein Wunder, dass dabei kein Mensch ums Leben kam. Die Polizei behauptet, die Radikalen vom „Rechten Sektor“ hätten den Brand selbst gelegt, aber es fällt den Kiewern derzeit schwer, der Polizei Glauben zu schenken.

Hätte die Polizei den Unabhängigkeitsplatz ganz geräumt, es wäre nicht ohne weitere Dutzende von Opfern abgegangen. So ist nun abermals ein Patt eingetreten, eine neue Frontlinie teilt die Kiewer Innenstadt, und diese Linie sieht nicht besonders stabil aus. Die Fortschritte des Wochenendes sind zunichte. Das Rathaus, das die Protestierer am Sonntag geräumt hatten, als Gegenleistung für eine Amnestie, ist schon zwei Tage später abermals besetzt. Auch andere Gebäude wurden eingenommen – die Rundfunkbehörde am Kreschtschatyk etwa. „Was heißt hier besetzt? Befreit!“, sagt ein Protestierer vor dem Eingang.

Auch in den Regionen im Westen wurden Gebäude gestürmt, die erst vor kurzem geräumt worden waren. In Iwano-Frankiwsk brannte der Sitz des Geheimdienstes. In Lemberg wurden Polizeiwachen samt Waffenlager gestürmt, und aus dem Gebäude der Staatsanwaltschaft flogen Akten auf die Straße. In Schitomir wurde eine Frau vor dem Sitz des Geheimdienstes erschossen. In Luzk verprügelten Radikale des „Rechten Sektors“ den örtlichen Gouverneur, führten ihn in Handschellen vor die Menge und demütigten ihn.

Eher Berlin 1961 als Kiew 2014

Dafür herrscht im Regierungsviertel von Kiew gespenstische Ruhe. Berkut-Sonderpolizisten mit geschwärzten Gesichtern dösen in den Hauseingängen. Vor dem Regierungsgebäude stehen zwei Schützenpanzer und zwei Wasserwerfer, und auf der geräumten Gruschewski-Straße baut ein Kran Betonblöcke zu einer neuen Mauer zusammen, als wäre dies Berlin 1961 und nicht Kiew 2014.

Gespräche zwischen Janukowitsch und der Opposition fanden am Mittwochabend statt. Der Präsident wirft den Oppositionsführern vor, sie würden sich von den Extremisten nicht distanzieren und suchten die Eskalation – „dafür haben sie von Angela Merkel Carte Blanche erhalten, als sie in Berlin waren“, behauptete Wadim Kolesnitschenko, ein Abgeordneter der Regierungspartei. Die Oppositionsführer wiederum werfen dem Präsidenten vor, dass er die Eskalation suche. Sie haben das am Mittwoch allerdings nicht auf dem Unabhängigkeitsplatz getan, wo die Protestierer vergeblich auf sie warteten, sondern bloß im Internet. „Einzig Janukowitsch ist verantwortlich für die Tötungen und den Terror gegen friedliche Bürger. Und nur er kann das stoppen“, sagte Klitschko in einer Video-Botschaft.

Am Donnerstag soll Janukowitsch mit dem deutschen Außenminister und seinen Kollegen aus Frankreich und Polen zusammentreffen. Vielleicht ist der Präsident da zugänglicher als am Dienstag, als die Bundeskanzlerin vergeblich versuchte, ihn am Telefon zu erreichen. Janukowitsch hat für den Tag Staatstrauer ausgerufen. Mit dieser Begründung ist auch das Fußballspiel Valencia gegen Dynamo Kiew abgesagt worden.