BERLIN. Entgegen den damaligen Erklärungen der Bundesregierung waren offenbar doch deutsche Soldaten während des Golfkriegs 2003 im Irak. Nach Informationen der Berliner Zeitung handelt es sich bei den beiden BND-Mitarbeitern, die sich während der Kampfhandlungen 2003 in Bagdad aufhielten, um Bundeswehr-Angehörige. Sie sollen zuvor von der Bundeswehr zum Amt für Militärkunde abkommandiert worden sein, einer Tarneinrichtung des Geheimdienstes. BND-Sprecher Philipp Lechtape wollte sich zu dem Vorgang nicht äußern. Der Dienst gebe keine Informationen über Mitarbeiter heraus, sagte er. Das Verteidigungsministerium wollte nur bestätigen, dass Soldaten beim BND tätig sind. "Mit ihrem Übergang zum BND sind sie aber nicht mehr im Geschäftsbereich des Bundesverteidigungsministeriums", sagte ein Sprecher. Danach gebe nur noch der BND Auskünfte.Grüne wollen AufklärungDie Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zur Aufklärung des umstrittenen BND-Einsatzes während des Irak-Kriegs ist so gut wie sicher. Nach FDP und Linkspartei sprach sich auch der Grünen-Fraktionsvorstand dafür aus. Fraktionsvize Jürgen Trittin sagte der Berliner Zeitung, der Ausschuss müsse aufklären, ob "es durch Mitarbeiter des BND eine Konterkarierung der politischen Linie der Nichtteilnahme am Krieg gegeben" habe und ob die Beamten zur Kriegspartei wurden. Trittin: "Und wenn sie es wurden, wer hat davon gewusst und wer hat es möglicherweise gebilligt."Nach Medienberichten, die sich auf einen früheren Pentagon-Mitarbeiter berufen, sollen zwei BND-Agenten in Bagdad 2003 für die USA Informationen überprüft haben, die zu einem Luftangriff mit zwölf Toten führten. Der BND wies das als falsch zurück. Es hieß, der BND habe den USA nur Informationen zur Lage von Botschaften oder Krankenhäusern geliefert, um deren Bombardierung zu verhindern. Das stellt für Grünen-Fraktionschefin Renate Künast eine Mitwirkung dar: "Wer am Krieg nicht teilnimmt, kann auch nicht bei der Auswahl von Zielen helfen. Und aktiv loszugehen und zu sagen, folgende Häuser bitte nicht bombardieren, ist in gewisser Weise eine Art von Teilhabe."Der damalige Kanzleramtschef und heutige Außenminister Frank-Walter-Steinmeier (SPD) reagierte in scharfer Form auf die Vorwürfe. Er halte es "für eine absurde Vorstellung", dass die Regierung im Inland gegen den Krieg eingetreten sei und "angeblich hintenherum diesen Krieg im Irak unterstützt haben" soll, sagte Steinmeier. Die Debatte, die mit anonymen Vorwürfen begonnen habe, dürfe so nicht weitergehen. Es sei ein Versuch, die Geschichte umzuschreiben.Gezielte Indiskretionen?Inzwischen wird in Berlin darüber debattiert, ob die Veröffentlichungen auf gezielte Indiskretionen zurückzuführen sind. Trittin sagte: "Es handelt sich offenkundig - wie schon bei den Coats-Enthüllungen - um eine Revanche-Information, mit der auf die Kritik von Frau Merkel an Guantanamo reagiert wurde." Ähnlich äußerte sich SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz. Es sei bemerkenswert, dass neuerdings verstärkt Informationen über Geheimdienstangelegenheiten bekannt würden und die Quellen aus den USA kämen. Die Berichte zur BND-Affäre wurden am Tag vor dem USA-Besuch von Bundeskanzlerin Merkel veröffentlicht. Im Dezember wurde vor dem Besuch von US-Außenministerin Rice in Berlin berichtet, dass Ex-Innenminister Schily von US-Botschafter Coats über die versehentliche Verschleppung eines deutschen Staatsbürgers durch die CIA informiert und um Stillschweigen gebeten worden sei. Trittin sagte, die Frage der Glaubwürdigkeit von Mitarbeitern amerikanischer Dienste "wird eine der Fragen sein, die der Untersuchungsausschuss zu bewerten hat".Vertreter von SPD und Union im Parlamentarischen Kontrollgremium für die Geheimdienste sahen nach einer Sitzung am Freitag keine Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten des BND. Auch nicht füreine Beteiligung an Zielerfassungen oder Einsatzsteuerung für die US-Streitkräfte, sagte der CDU-Politiker Norbert Röttgen.------------------------------Militär im BND-AuftragSicherheitsexperten schätzen, dass 25 bis 30 Prozent der BND-Mitarbeiter Soldaten sind. Auch während der Kommandierung zum Amt für Militärkunde (Wappen rechts) und damit zum BND bleiben sie Soldaten, bezahlt von der Wehrbereichsverwaltung.Die Bundeswehrsoldaten werden vom Bundesnachrichtendienst häufig im Ausland und dort vor allem in Krisenregionen eingesetzt. Der Grund sind ihre militärische Ausbildung und ihre Fertigkeiten im Umgang mit Waffen, die sie von den normalen Beamten des Bundesnachrichtendienstes unterscheiden.------------------------------Foto : US-Soldaten suchten im Juni 2003 in Bagdad nach Opfern eines Angriffs vom 7. April. Zwölf Zivilisten starben. Der BND soll Informationen geliefert haben.