Vor zweieinhalb Jahren hat eine unabhängige Historikerkommission damit begonnen, die Frühgeschichte des BND von 1946 bis 1968 zu erforschen. Unterstützt wird sie dabei von der dienstinternen Forschungs- und Arbeitsgruppe „Geschichte des BND“. Deren Leiter ist der Historiker Bodo Hechelhammer.

Herr Hechelhammer, wie kommt die Aufarbeitung der BND-Geschichte voran?

Sehr gut. Das kann auch die Öffentlichkeit zum Teil nachvollziehen. Beide Gremien publizieren ja bereits während ihrer Arbeit erste Ergebnisse ihrer Forschungen. Zuletzt gab es eine parallele Veröffentlichung zum Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953: Die Historiker-Kommission legte eine bewertende Analyse der Tätigkeit des BND in diesem Zusammenhang vor, unsere Arbeitsgruppe publizierte die dazugehörigen, freigegebenen Akten aus dem BND-Archiv. Ich bin überzeugt davon, dass so etwas in der Zukunft – etwa zu bestimmten Jahrestagen – auch für weitere Themen möglich ist. Das muss unser Dienst aber stets genau abwägen: Welches Wissen können und dürfen wir öffentlich preisgeben, ohne unsere zukünftige Arbeitsfähigkeit zu gefährden?

Die Vorgänge, um die es hier geht, liegen 50, 60 Jahre zurück. Was gibt es da noch abzuwägen?

Es gibt eine ganze Reihe von Mitarbeitern und Quellen, die noch leben, obwohl sie vor vier, fünf, sechs Jahrzehnten für uns im Einsatz waren. Diese Personen haben das Recht, von uns geschützt zu werden, wenn sie es wünschen. Wohlgemerkt: Das gilt für die zu veröffentlichenden Forschungsergebnisse. Die Wissenschaftler der Historikerkommission können selbstverständlich alle Akten ungeschwärzt lesen und auswerten.

Es gibt mehrere Einzelprojekte, an denen die Kommission arbeitet, so etwa ein Sozialprofil des BND. Was muss man sich darunter vorstellen?

Es ist eine statistisch-empirische Erhebung, ein quantitatives Verfahren, wodurch ein umfassendes und aussagekräftiges Sozialprofil der hauptamtlichen Mitarbeiter von 1946 bis 1968 erarbeitet wird. Meines Wissens wird so etwas erstmalig für eine Behörde erstellt. Dazu werden eine aussagefähige Anzahl von Personalakten – insgesamt mehrere tausend – aus dieser Zeit ausgewertet nach entsprechenden Parametern: Geschlecht, Familienstand, soziale und regionale Herkunft, Ausbildung, Religion, Verwendung militärischer Art, etwa in der Wehrmacht oder Bundeswehr, die Karrierestufen im Dienst … Alle diese Daten werden anonymisiert in eine Datenbank eingegeben. Auf diese Weise gewinnen die Wissenschaftler genaue Erkenntnisse über die personellen Strukturen im BND.

Zu welchem Zweck?

Sie können so anhand einer Zeitleiste die Veränderung der sozialen Zusammensetzung des Dienstes und deren mögliche Auswirkungen auf seine Arbeit analysieren: Kamen mehr Mitarbeiter aus ehemaligen östlichen Reichsgebieten oder mehr aus Bayern, oder gab es gar einen ausgewogenen regionalen Querschnitt über alle Länder hinweg? Wie war das Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen? Aus welchen Bildungsschichten rekrutierte sich wann die Mitarbeiterschaft? Bis zu welchem Zeitpunkt war der BND militärisch geprägt, und wann änderte sich das in einen vielleicht stärker zivil geprägten Dienst? Mit diesem Sozialprofil hat man erstmals eine wissenschaftlich solide Grundlage für eine Analyse.

Ein Sonderprojekt entsteht in Kooperation mit der Stasi-Unterlagenbehörde.

Bei dem Forschungsthema „Konfrontation von MfS und BND in der frühen Bundesrepublik und DDR“ handelt es sich um zwei parallele Forschungsprojekte. Die Historikerkommission wertet die BND-Akten bis 1968 aus, die BStU das Stasi-Archiv. Hierdurch bietet sich die historisch einmalige Chance, die deutsch-deutsche nachrichtendienstliche Konfrontation anhand der Aktenbestände zu beleuchten. So etwas war ja bislang gar nicht möglich. Die Idee ist, bei zwei sauber getrennten Projekten zu einer gemeinsamen Bewertung von Vorgängen und Handlungsweisen zu kommen. Auf diese Weise kann man vielleicht auch mit Legenden und Vorurteilen in beiden Systemen bei bestimmten Fragen aufräumen, etwa wenn es um vermeintliche Überläufer oder Verratsfälle geht.

Das Gespräch führte Andreas Förster.