Berlin Die von Helmut Kohl geführte Bundesregierung hat sich 1990 für die Weiterbeschäftigung von rund einem Dutzend Stasi-Chiffrierexperten eingesetzt. Einige von ihnen arbeiten bis heute in einem privaten Technologieunternehmen in Berlin-Adlershof, das einer besonderen Sicherheitsaufsicht durch das Bundesinnenministerium unterliegt. Die ehemaligen MfS-Offiziere sind dort an der Entwicklung von Krypto-Geräten für Bundesregierung, Geheimdienste und die Nato beteiligt.Der Spiegel berichtet in seiner jüngsten Ausgabe erstmals über die Geheimoperation von 1990, die das Bundesinnenministerium in den letzten Monaten der DDR gestartet hatte. Damals besuchte der damalige Chef des Bundesamtes für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Otto Leiberich, das Dienstobjekt der Stasi-Abteilung XI in Hoppegarten bei Berlin, um sich ein Bild über die Leistungsfähigkeit der dort arbeitenden Experten zu verschaffen. Die auch als "Zentrales Chiffrierorgan" (ZCO) bezeichnete MfS-Einheit war in dieser Zeit nach wie vor aktiv - weil sie das DDR-Innenministerium rechtzeitig übernommen hatte, war sie von der vom Runden Tisch beschlossenen Stasi-Auflösung nicht betroffen.Für Leiberich war der Trip nach Hoppegarten eine Art Kollegenbesuch - er hatte zuvor die Chiffrierabteilung im BND geleitet. Auch seine Abteilung war aus dem Geheimdienst herausgelöst worden und firmierte nun als BSI. Von dem Expertenwissen der Stasi-Chiffrierer war Leiberich so angetan, dass er einige von ihnen am liebsten in sein Amt geholt hätte. Da aber war die Bundesregierung vor, die keine Stasi-Leute in Geheimdienste und Bundesbehörden übernehmen wollte.Neue Firma gegründetGleichwohl war man sich in Bonn des Sicherheitsrisikos bewusst, wenn insbesondere die Kryptologie-Experten der Stasi, die sämtliche Chiffriercodes der bundesdeutschen Dienste geknackt hatten, sich selbstständig nach neuen Auftraggebern umsuchen müssten. Und so wurde das BND-nahe Unternehmen Rohde& Schwarz, ein bewährter Lieferant von Sicherheitstechnik für deutsche Geheimdienste, dazu gebracht, in Grünheide vor den Toren Berlins eine Tochterfirma zu etablieren. Nur eine Woche nach der Einheitsfeier, am 10. Oktober 1990, wurde die Rohde & Schwarz SIT GmbH gegründet, in der mehr als zehn Ex-Stasioffiziere vorrangig aus der Abteilung IX/6 anheuerten. Dazu gehörte auch der damals 53-jährige Abteilungsleiter Horst M., der unter Mielke zuletzt den Rang eines Oberstleutnants bekleidet hatte.Die mit Stasi-Kadern gegründeten SIT GmbH, die heute mehr als 140 Mitarbeiter beschäftigt, ist somit - ökonomisch gesehen - eine deutsch-deutsche Erfolgsgeschichte. Die Bilanzen der Firma weisen für die letzten Jahre Umsätze in Höhe von jeweils mehr als 20 Millionen Euro aus. Das Unternehmen bezeichnet sich als "bevorzugter Lieferant von Hochsicherheits-Kryptografie" für die Nato. Und auch Kanzlerin Angela Merkel telefoniert mit einem abhörsicheren Krypto-Handy der SIT GmbH.------------------------------Einst 500 AngestellteDie Stasi-Abteilung XI, auch als Zentrales Chiffrierorgan (ZCO) bezeichnet, entwickelte für das MfS neue Chiffriertechnik und kryptologische Verfahren. Ihr unterstand auch der im DDR-Außenministerium angesiedelte Auslandschiffrierdienst.Innerhalb des ZCO kam der Abteilung 6 die Aufgabe zu, den Chiffrierverkehr westlicher Geheimdienste und Regierungen zu entschlüsseln. Vor allem Experten dieser Abteilung wurden 1990 in die Firma Rohde & Schwarze SIT GmbH übernommen.Der Dienstsitz des ZCO war in Hoppegarten bei Berlin. Insgesamt arbeiteten dort mehr als 500 Stasi-Offiziere, darunter eine Reihe Diplom-Mathematiker und Informatiker.