BERLIN, 24. Mai. Es gibt Menschen, die sammeln alte Bügeleisen, und es gibt Menschen, die sammeln Livesongs von Bob Dylan. Für das eine wie das andere Phänomen gibt es keine vernünftige Erklärung. Im Sinnlosen wohnt zuweilen das größte Glück. Der Bob-Sammler kann sich nach dem Gastspiel des Künstlers am Dienstag in der Treptower Arena einige schöne Stücke in den Schrein der Erinnerung stellen. "Somebody Touched Me", "Drifter s Escape", "Things Have Changed" und weitere Songs waren in Berlin bislang nicht zu hören. Das Repertoire des Abends dürfte die Passionierten und die Laien im Publikum gleichermaßen befriedigt haben.Man kann das Auditorium einer Dylan-Vorstellung grundsätzlich in zwei Gruppen einteilen. Zum einen sind da die Gelegenheitshörer, welche bei "Forever Young" selig mit dem Kopf wackeln, und zum anderen gibt es die Experten. Zu erkennen ist der Experte daran, dass er seine Dylan-Shirts aus dem vergangenen Jahrhundert aufträgt und mit diesem Ich-erkenne-jeden-Song-nach-dem-ersten-Takt-Blick herumläuft. Das ist natürlich eine große Sache, weil nicht einmal die Musiker aus Dylans Band dessen Songs nach den ersten Takten erkennen. Es ist immer wieder erheiternd zu sehen, wie sich die Gitarristen Larry Campell und Charlie Sexton zu Beginn eines Titels mit großen Augen dem Bassisten Tony Garnier zuwenden, um ein Zeichen zu bekommen, was sie jetzt eigentlich spielen sollen. Die Band rumpelt sich dann so langsam ein und meistens finden später alle wunderbar zueinander. Rollende RevueMit ihren 4 000 Zuschauern war die Arena bei weitem nicht ausverkauft. Seit seinem Auftritt vor zwei Jahren in der Waldbühne hat Bob Dylan etwa die Hälfte seines damaligen Publikums eingebüßt. Das klingt dramatisch, macht aber gar nichts, weil ihm die kleineren Hallen sowieso viel besser liegen. Die alte Garage in Treptow bot das richtige Ambiente für seine rollende Revue. Etwas von einem Wanderzirkus hat diese Veranstaltung zweifellos. Dylan ist Zeremonienmeister, Raubkatze und Clown in einem.In jüngster Zeit wird von Beobachtern stets sehr aufmerksam registriert, welchen Bühnenanzug Dylan trägt. Möglicherweise hat ja auch seine jeweilige Kostümierung etwas zu bedeuten. Bei Dylan hat nichts nichts zu bedeuten. Diesmal trägt er einen weißen Anzug mit schwarzer Schleife unter dem Kinn. Er ist dünn geworden und ähnelt in der Silhouette beinahe wieder dem jungen Mann von 1966, den man von den Fotos aus der Royal Albert Hall kennt, als er seine elektrische Gitarre am kurzen Gurt wie eine Waffe im Anschlag gehalten hat. Die krausen Haare sind grau, nur selten huscht ein Lächeln über sein Gesicht, als hätte es sich dahin verirrt.Die Rätselhaftigkeit der Dylan schen Existenz wird von der Tatsache bestimmt, dass sich kein Mensch erklären kann, warum er tut, was er tut. Warum um alles in der Welt spielt Dylan seit einiger Zeit immer wieder "The Times They Are A Changing", obwohl er sich den Text nicht merken kann. Jeder zweite Zuschauer würde ihm liebend gern die fehlenden Zeilen soufflieren. In solchen Momenten stockt einem der Atem und man denkt, gleich ist Schluss, das schafft er nicht mehr. Dylan wirkt abwesend, putzt sich die Nase, nestelt dauernd an seinem Gitarrengurt herum und kratzt sich am Kopf. So wie sich eine Katze am Kopf kratzt, wenn sie in Verlegenheit gerät. Dann folgt "Tomorrow Is A Long Time" und aller Zweifel verfliegt. Die alte Katze hat die Maus gefangen. In diesem Moment möchte sich das Publikum seinem Dylan unbedingt hingeben. Aber dieser flieht die Umarmung und bringt als ersten elektrischen Song das verflixte "Gotta Serve Somebody" aus seiner religiösen Periode.In dem Film "Being John Malkovich" bekommen Interessenten für ein geringes Entgelt die Chance, für zehn Minuten in den Körper des Schauspielers John Malkovich zu schlüpfen. Being Bob Dylan wäre auch nicht schlecht. Man wüsste zu gerne, was sich der Unterhaltungskünstler dabei denkt, wenn er unerwartet Rockerposen zitiert. Die eingeknickten Knie, der kleine Tanz, die Nummer mit der Schieß-Gitarre, jede Geste wird nur kurz angerissen und verschwindet sofort wieder im Zitaten-Fundus. Manchmal wirken seine Bewegungen gespensterhaft und ferngelenkt, wie letzte Zuckungen einer Marionette auf einer Bühne, die längst abgeräumt ist. Das Spiel scheint sehr ernst zu sein, aber es ist alles auch ein großes Theater. Wille zur WerktreueDylans Lust an der Werkzerstörung hat sich in einen festen Willen zur Werktreue verwandelt. Dieser Tage spielt er gern vom Blatt. "Not Dark Yet" und "Love Sick" klingen viel intensiver als auf dem Album. Düster, krank, bitter, mit aasigem Grinsen im Gesicht erzählt er seine Geschichten, in denen es immer um die letzten Dinge geht. Lebend kommt hier keiner raus. Jedenfalls nicht, bevor das Licht angeht. Nach sieben Zugaben und einer grandiosen Fassung der totgedudelten Kiffer-Hymne "Rainy Day Woman" tänzelt Dylan hüftsteif davon. In seiner Zerbrechlichkeit erinnert er einen irgendwie an Harald Juhnke. Man fürchtet: Gleich fällt er um.