München - Brigitte Böhnhardt ist die Mutter von Uwe Böhnhardt, einem der zwei Männer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU), die für zehn Morde verantwortlich gemacht werden. Sie war Lehrerin, ist heute 65 Jahre alt und Rentnerin. Sie lebt mit ihrem Mann immer noch in Jena. Der Vorsitzende Richter im Münchner Prozess, Manfred Götzl, möchte sich am Dienstag ein Bild machen, was für ein Mensch der Sohn gewesen sein könnte. Die Mutter versucht es.

Ihr drittes Kind, ein Nachzügler, sei von allen geliebt worden. Lernen sei dem aufgeweckten Kerlchen leicht gefallen. Die Eltern kümmern sich intensiv um ihn. Dennoch geht es in der sechsten Klasse in der Schule bergab. Das Land war im Umbruch, sagt sie. Ihrem Sohn helfen kann sie nicht. Uwe „steckte voll in der Pubertät“. Er wiederholt die Sechste und ist jetzt zwei Jahre älter als die anderen Schüler in seiner Klassenstufe. Erste Diebstähle folgen. Die Eltern suchen nach einem Internat, schließlich wird es die Hilfsschule. Oft setzt Brigitte Böhnhardt hinzu: „Hilfe haben wir nicht bekommen.“

Als Uwe 1993 zum ersten Mal ins Gefängnis kommt, denken die Eltern indes, „dass er das auch verdient hat, eine Maßnahme – ich weiß, das klingt jetzt hart“, sagt Brigitte Böhnhardt. Eine schwere Zeit. „Wir haben ihm gesagt: Du bist unser Kind, wir lieben dich.“ Doch ihr Sohn findet trotz allem eine Lehrstelle als Hochbaufacharbeiter: „Schließlich muss jemand die Häuser der Schönen und Reichen auch bauen“, resümiert seine Mutter.

Alles nette höfliche Leute

Brigitte Böhnhardt hat sich in ihren Erinnerungen eingenistet, Legendenbildung eingeschlossen. Sie hat eine hohe Stimme, der man selten Erregung anhört, wohl aber, dass sie die Geschichten, von denen sie glaubt, dass es die wahren Geschichten sind, schon oft erzählt hat: Angehörigen, Freunden, Bekannten, Journalisten, im Juni auch als Zeugin im Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss. Sie schaut auf die Dinge, wie sie sich vorgenommen hat, sie zu betrachten.

Freunde kommen ins Haus in Jena, wo der Sohn nach wie vor wohnt. Er wird arbeitslos. Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben sind häufig zu Gast, „alles nette, höfliche Leute, alle arbeitslos“, sagt Frau Böhnhardt. Der Sohn baut die Küche um, „er wollte uns eine Freude bereiten“.

Dass der Sohn rechtsradikale Musik hört, registriert die Mutter wütend, wie sie sagt. Von anderen Aktivitäten merkt sie nichts. Ausländerfeindliche Parolen seien verboten gewesen: „Wir hatten nie Sympathien für irgendwelche rechten Ideen.“ Frau Böhnhardt sagt, man habe immer mit Uwe darüber diskutiert, teils heftig. Ihr Sohn habe vieles „einfach nur nachgeplappert“. Sie sei heute noch erstaunt, woher damals „alle diese Rattenfänger her kamen“.

Im Januar 1998 wird die Familien-Garage durchsucht. Die Polizei findet neben rechtsradikalem Material diverse Rohrbomben. Brigitte Böhnhardt ist überzeugt, dass die Beamten „nur finden, was sie vorher versteckt hatten“. Richter Götzl macht sie darauf aufmerksam, dass sie häufig eine Verschwörungstheorie zur Hand hat.

Uwe Böhnhard angefleht, sich zu stellen

Ihrem Sohn sei am Tag der Garagendurchsuchung gedroht worden: „Nun bist du dran.“ Uwe Böhnhardt taucht mit Zschäpe und Mundlos unter. Nach Wochen erst werden Böhnhardts in einer Jenaer Telefonzelle von ihrem Sohn zum ersten Mal angerufen. Beide Eltern hätten den Sohn angefleht, sich zu stellen. „Wir haben gesagt: Das hat doch keinen Sinn", zumal die anderen beiden nicht vorbestraft gewesen seien. Böhnhardts wähnen das Trio im Ausland. Der Sohn verrät den Aufenthaltsort nicht. Er sagt: „Nein, Mutti, das musst du nicht wissen.“

„Immer mal wieder“, sagt Frau Böhnhardt, habe man Besuch von Polizei, LKA und Verfassungsschutz bekommen. Angebote zur Zusammenarbeit habe es gegeben, die dann wieder zurückgenommen worden wären. Beamte des Landeskriminalamts hätten aber damit gedroht, die drei flüchtigen Neonazis zu erschießen, falls sie sich einer Festnahme widersetzen. Ein Beamter habe ihr gesagt: „Wenn wir sie aufspüren und die zucken nur – glauben Sie mir, unsere Leute sind schneller mit der Pistole, die haben das gelernt.“

Der Vater von Uwe Mundlos hatte bereits vor dem Erfurter Untersuchungsausschuss erklärt, die Sicherheitsbehörden hätten die späteren NSU-Terroristen absichtlich nicht behelligt. „Man hat gewusst, wo die sind, dass die in Chemnitz sind. Man hätte die in den ersten vier Wochen fassen können.“ Mutter Böhnhardt sagt nun, „dass bestimmte Kreise nicht wollten, dass sie sich stellen“. So vergehen Stunden im Münchner Gericht – und nicht einmal, auch nicht indirekt, kommt Brigitte Böhnhardt darauf zu sprechen, dass ihr Sohn als mutmaßlicher mehrfacher Mörder gilt. Von den Opfern ist nicht die Rede.

Geld an Mittelsmänner

Brigitte Böhnhardt sagt, Zschäpe und ihr Sohn wollten sich stellen. Er habe „Angst gehabt“ und wollte „auf keinen Fall wieder ins Gefängnis“. Doch Uwe Mundlos habe verhindert, dass sie aufgeben. Im Frühjahr 1999 treffen die Böhnhardts die drei jungen Leute in einem Park unweit von Chemnitz. Uwe Böhnhardt sagt, die Angebote des Staates seien „nicht ehrlich“.

Frau Böhnhardt meint heute, mit dem Wissen, welche Taten dem Trio angelastet werden: „Wenn die Behörden zu ihrem Wort gestanden hätten, wäre alles das, wessen man sie anklagt, nicht passiert.“ Sie „hätten sagen müssen, wir setzen die Fahndung aus“. Straffreiheit für ihren Sohn habe man jedoch nicht gewollt. Brigitte Böhnhardt und ihr Mann unterstützen die drei, geben Geld, damit er „nicht mehr klaut, sonst wären wir ja vom Regen in die Traufe gekommen“. Eine Notlösung nennt sie das. Das Geld geht über Mittelsmänner. Bis 1999: „Sie können das jetzt so interpretieren, dass wir irgendwann die Schnauze voll hatten“, sagt Brigitte Böhnhardt.

Ein letztes Treffen ergibt sich im Mai oder Juni 2002. „Warum nicht sich stellen?“, fragen die Eltern. Das Trio lehnt ab. Keiner wusste, sagt Frau Böhnhardt, „dass es unser letztes Treffen war.“ Wiederum kommen Böhnhardts mit einem geliehenen Auto, weil sie Angst haben vor einer Observation. Die drei kündigen an, dass sie weggehen würden. „Da war’s dann mit meiner Beherrschung vorbei. Aber ich dachte: ,Vielleicht gründen sie eine Familie’“, erinnert sich die Mutter.

Und die Beate Zschäpe? Starrt angestrengt ins Nichts.