Christoph Heins neues Buch ist vermutlich der deutlichste Roman der Saison. Keine Frage bleibt offen, außer die, woher Rüdiger Stolzenburg 5722 Euro nehmen soll. Und vielleicht noch die, ob Henriette ihr Misstrauen ihm gegenüber aufgeben wird. Aber irgendwo wird er das Geld abzwacken. Und irgendwie wird es mit den beiden weitergehen. Oder halt nicht. Eher nicht. Stolzenburg wird es überleben.Denn "Weiskerns Nachlass" ist auch ein lapidarer Roman. Verbitterung führt zu gelegentlichen peinlichen Ausbrüchen, und anschließend geht der Alltag weiter. Manchmal passieren unerwartete Dinge, die für Rüdiger Stolzenburg aufregend oder existenziell sind. In diesem geradeaus verlaufenden, wichtige Informationen sicherheitshalber wiederholenden Roman gibt es sogar eine ganze Kette solcher Ereignisse. Aber alle großen Worte relativieren sich, wenn Weiterwursteln Not tut. Und Weiterwursteln tut Not. Wer wird widersprechen. Schon deshalb ist das sogar ein überdeutlicher Roman und ohne Neuigkeitswert. Aber keineswegs fade. Wir sind mittendrin im Leben der Geisteswissenschaftler.Noch ein Buch zur StundeDenn vor allem ist "Weiskerns Nachlass" ein weiteres Buch zur Stunde. Stolzenburg ist 59 Jahre alt - "Kein Fett, keine Falten, ich weiß gar nicht, worüber du dich beschwerst", lobt seine aktuelle Geliebte - und Dozent mit halber Stelle bei den Kulturwissenschaftlern an der Universität Leipzig. Dass er damit ein Leben am Rande des Existenzminimums führt, erstaunt die reichen Leute, die er im Verlauf der Handlung kennenlernt. Er selbst ist verbittert darüber, aber gewöhnt daran, und auch viele Christoph-Hein-Leser wird es wenig wundern. In Stolzenburgs Umgebung leben die meisten so.Stolzenburg ist ein prototypisches Mitglied des geisteswissenschaftlichen Prekariats. Dieses ist älter als das Reden darüber. Fünfzehn Jahre lang hat Stolzenburg sich auf seiner halben Leipziger Stelle hinhalten lassen in der Hoffnung, noch die volle Stelle, den Akademischen Rat, die Verbeamtung zu erreichen. Jetzt ist er zu alt, und dem Institut droht die Schließung.Stolzenburg macht sich keine Illusionen mehr, auch inhaltlich nicht. Im Seminar "taucht kein einziger Gedanke auf, der, wie unausgegoren auch immer, es wert wäre, entfaltet zu werden...". Dazu leidet er darunter, dass er weniger Geld hat als viele seiner Studenten, die er für lustlose und verwöhnte Trottel hält. Heins, nein, Stolzenburgs Blick, den Hein abwechslungslos einnimmt, ist zornig und zynisch genug, um alle Klischees (oder Wahrheiten oder von beidem etwas) zum Universitätsalltag auszubreiten: von der zu allem bereiten strohdummen Studentin bis zur "Fleischbeschau" bei den Erstsemestern, von der der Dozent nicht mehr weiß, wann er selbst damit begonnen hat; vom bestechlichen Kollegen bis zum vor Gericht erstrittenen, aber durch nichts gerechtfertigten Diplom. Jetzt, das macht Stolzenburg sonnenklar, will er nach Art ausgelaugter Hein-Helden einfach keinen Ärger mehr.Natürlich bekommt er nach Art ausgelaugter Hein-Helden sofort Ärger. Der Kapitalismus tritt in verschiedenen Personifikationen und meist bedeutungsvoll an ihn heran, wie in einem Brecht-Stück ohne V-Effekt: ein Finanzbeamter, der bloß seinen Job macht, eine gewalttätige Mädchengang, der mit Kultur nicht beizukommen ist, ein sympathischer Spekulant (denn das gibt es auch), ein unsympathischer Erbe (das ist weit häufiger), oder die noch unsympathischeren Verwandten des unsympathischen Erben, die in Kultur investieren, ohne einen Schimmer davon zu haben. Dass sie in Batterien machen, während Stolzenburg der Saft ausgeht, gehört zur hübschen Ironie, die zwischen all den Deutlichkeiten auftaucht. Man trifft sich übrigens im Hause eines Herrn von Stolzenberg - wie sich die Namen gleichen, aber nicht die Kontostände.Die Stolzenbergschen Kinder machen internationale Karrieren, die sich an ihre internationalen Universitätsausbildungen anschließen werden. Dem Hass seiner - durch die Ausreise der Eltern übrigens schon in der DDR beruflich benachteiligten - Figur auf "Krösus" und "Schnösel" und die immer wieder erwähnte Hilfe durch den "Scheck vom Herrn Papa" schließt sich der erzählende Hein vielleicht doch williger an, als er müsste und sollte. Aber so reden und denken viele Leute, gewiss.Eine einzige LeidenschaftRüdiger Stolzenburg, den wir ansonsten als mäßig engagierten Vater und Sohn sowie routinierten Liebhaber junger Frauen kennenlernen - ein regelrechter Jedermann -, hat aber eine, eine einzige Leidenschaft: den vergessenen Barockautor, Schauspieler und Kartografen Friedrich Wilhelm Weiskern (1711-1768), Librettist unter anderem für Mozarts frühe Oper "Bastien und Bastienne". Eine wenigstens zweibändige Weiskern-Ausgabe, 1600 Seiten, das ist Stolzenburgs Lebensziel. Dass Hein letztlich nicht vermittelt, woher diese Leidenschaft kommt, ist nicht schlimm und bleibt im Gegenteil das einzige Geheimnis weit und breit.Schade ist aber doch, dass er diese Leidenschaft nicht wenigstens ein bisschen überspringen lässt. Er braucht sie bloß im Prinzip, weil er zeigen möchte, dass da mehr ist als Zynismus und Frustration, dass es da mal um etwas ging. Aber nur Stolzenburg interessiert das - und den Frankfurter Verleger, den er in diesem Zusammenhang kennenlernt. Der Verleger hat über Weiskern promoviert, aber nie würde er dessen Werk herausgeben. Er ist ja nicht verrückt. Man kann mit Kultur Geld verdienen, aber nicht bedingungslos.An mehreren Stellen könnte dieser Roman eine Wendung zum Albtraum oder Thriller nehmen. Tut er aber nicht. Christoph Hein begleitet Rüdiger Stolzenburg ein paar Tage lang durch sein Leben und schreibt auf, was er so macht und denkt. Da kann einem die Tirade der letzten Frankfurter Poetikdozentin, Sibylle Lewitscharoff, wider das Erzählen im geheimnislosen Präsenz einfallen. Aber Hein erzählt, wie sein Held ist: geheimnislos und sehr gegenwärtig. Schlichter kann ein zutiefst pessimistischer Roman nicht daherkommen.Hätte Stolzenburg einen Beruf, mit dem er Geld verdienen würde, könnte er sich Weiskern-Autografen kaufen. Dann aber würde er sich für Weiskern-Autografen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht interessieren. Es gibt keinen Ausweg. Schon sein barocker Held, überlegt Stolzenburg, muss so eine Art von Leben geführt haben.Hein setzt seine Geschichte in eine ebenfalls leicht überschaubare Klammer: Stolzenburg sitzt am Anfang und am Ende im Flieger und hat den Eindruck, die Propeller blieben stehen. Das mag damit zu tun haben, dass er keine Ahnung von optischen Phänomenen hat. Trotzdem hat er recht: Wer ohne Halt in der Luft hängt, stürzt ab.------------------------------Christoph Hein: Weiskerns Nachlass. Suhrkamp, Berlin 2011. 319 S., 24,90 Euro.------------------------------Foto: Eine Stimme fürs alternde Prekariat: Christoph Hein.