Wo ist Thomas Ranke? Drei Monate nach seinem Verschwinden wurde Christian Bogner mit dessen Ausweispapieren festgenommen.
Foto: Volkmar Otto

BückeburgEinen steilen Berg geht es hinauf, an den Ortsrand einer Kleinstadt. Ein Anwesen, wie abgeschottet von der Welt und im Haupthaus sitzt Gabriel Hart* in seinem Wohnzimmer mit Schrankwand und Couchgarnitur. Draußen patrouilliert ein Mann im Tarnanzug, mit einem hüfthohen Rottweiler, der an der Leine zerrt und sich aufbäumt. Misstrauisch stellt Hart eine halbe Stunde lang Fragen, bevor er schließlich etwas Vertrauen fasst. Harts Verwandte und Bekannte haben Warnungen ausgesprochen, dass Bogner ausbrechen und wiederkommen werde. Dann nimmt er seinen Ordner und breitet Fotos vor sich aus. Von Thomas Ranke, dem Bruder seiner Frau.

Am selben Tag, an dem Bogner die Polizei zum Leichenfundort nach Egestorf bringt, informiert ein Beamter auch Hart und der fährt los. Bogner war nicht nur in die Identität von Danielsen geschlüpft, er lebte drei Monate lang als Thomas Ranke. Vielleicht liegt er auch hier begraben, vermutet Hart bis heute. Doch die Polizei findet keine weitere Leiche.

Hart beschreibt, wie klug Bogner diesen Ort gewählt hatte. Nahe der Autobahn, den Feldweg entlang hinter einem Hügel nicht einsehbar. Wie raffiniert er auch die Grabstelle ausgetüftelt hatte: Eine lehmige Auffahrt zum Acker, in der Erde keine Wurzeln, die stören, wenn ein Loch ausgehoben wird und wo der Traktor bei der täglichen Überfahrt den Boden planiert. Dann erzählt er vom Verschwinden seines Schwagers.

Er seilt sich mit einer Kette ab

Am 29. Juni 1995 ruft ein Arbeitsvermittler bei Rankes Mutter an. Er fragt nach ihrem Sohn. Der hatte die meiste Zeit seines Lebens bei seiner Mutter gelebt, weil er an einer unheilbaren Muskelerkrankung leidet. Seit drei Jahren ist der 35-Jährige Frührentner und wohnt in einem möblierten Zimmer in Echem bei seiner Vermieterin Elke Büscher*. Die Mutter gibt dem Vermittler ihre Telefonnummer und noch am selben Tag meldet er sich dort.

„Sie habe Ranke dann aus seinem Zimmer geholt. Im Nachhinein habe er ihr erzählt, er habe Aussicht auf Arbeit. Er solle Fahrzeuge überführen. Für eine Fahrt von Hamburg nach Berlin solle er 1.000,- zuzüglich weiterer 1.000,- für Spesen erhalten“, so die Zeugin bei der Vernehmung durch die Polizei Lüneburg.

Christian Bogner ist zu dieser Zeit wieder auf der Flucht. Am 15. Juni war er aus der JVA Lingen ausgebrochen. Bogner findet die Schwachstelle in der Schlosserei. So, wie später bei der JVA Lübeck. Er baut sich aus Profileisen eine Leiter, flext ein Deckenfenster auf und seilt sich mit einer Eisenkette ab. Draußen begegnet Bogner einem überraschten Sozialarbeiter, der ihn noch auffordert, stehen zu bleiben. Am 30. Juni ruft der ominöse Arbeitsvermittler erneut bei Thomas Rankes Vermieterin an. „Nach diesem Gespräch habe Ranke erklärt, er müsse gegen 14 Uhr am Motel Landwehr sein und seine persönlichen Papiere wie Reisepass, Ausweis usw. mitbringen.“ Ranke sei „in euphorischer Stimmung gewesen“, erinnert sie sich.

Leichenfundort von Engelbert Danielsen. Gabriel Hart glaubt, dass hier auch sein Schwager verscharrt wurde.
Foto: Akte
Das Motel Landwehr, wo sich Bogner mit Thomas Ranke traf.
Foto: privat

Er holt vorher bei seiner Mutter Kleidung für die Reise ab. Dann fährt er mit seinem roten Polo davon. „Seitdem habe sie ihn weder gesehen noch etwas von ihm gehört“, sagt die Mutter später der Polizei.

Drei Tage nach dem Verschwinden von Thomas Ranke erfährt Gabriel Hart von Bogners Flucht und verknüpft die Ereignisse. Hart lebt zu dieser Zeit im Schwarzwald in einem Haus der Spätregen-Mission, einer sektirischen Pfingstlergemeinde, die sich völlig von der Außenwelt abschottet. Auch Bogner wuchs hier mehrere Jahre auf. Seine Eltern treten Mitte der 1960er-Jahre der Gemeinschaft bei und gehören zum Glaubenshaus in Nammen bei Minden. In der Mission befreundet sich Bogner schon als Kind mit Achim Grimm*. Durch ihn kennt Bogner Thomas Ranke, der ebenfalls mit seiner Mutter in der Spätregen-Gemeinde aufwächst.

Die Wurzeln der Mission stammen aus Südafrika, in Deutschland gibt es nur wenige Hundert Anhänger. Der Sektenforscher und Pfarrer Kurt Hutten untersuchte 1950 die Gemeinschaft und schrieb: „Die Bewohner haben ihren Besitz und Beruf aufgegeben und leben nach den vom Heiligen Geist gebotenen Hausregeln – regelmäßig wiederkehrende Gebetsstunden ab 4 Uhr morgens, ununterbrochenes ‚Kettengebet‘ bei Tag und Nacht im Gebetszimmer, Stille und Verbot von Scherzen und eitlem Geschwätz.“ Es herrschen strikte Regeln und okkulte anmutende Blutrituale, verbunden mit dem Zwang, „Freundschaften oder Unterhaltungen mit Außenstehenden zu vermeiden, da man sich sonst wieder verunreinige und unter die Macht des Satans gerate. Diese Selbstisolierung, die bis zur Verweigerung des Grußes gehen kann, hat ihren Grund auch in massiv-magischen Vorstellungen vom Wirken böser Geister“, schreibt Hutten.

Gabriel Hart mit den Akten zum Fall seines verschwundenen Schwagers Thomas Ranke. 
Foto: Volkmar Otto

In dieser Welt wächst Bogner auf. Er sagt, sein streng gläubiger Vater habe ihn missbraucht und er führt seine Erfahrungen häufig als Grund für seiner Verfehlungen an.

Achim Grimm hatte Gabriel Hart von Bogners Wunsch berichtet, in andere Identitäten schlüpfen zu wollen. Grimm gibt das später auch bei einem Verhör zu Protokoll. Bogner habe ihm erzählt, es sei „am besten, er suche sich jemand, der ihm ähnlich sei, um dessen Identität anzunehmen. Diese Person werde er dann ganz verschwinden lassen. Erforderlich sei, Gewohnheiten und Umfeld der Person bis ins Detail auszuforschen. Am besten geeignet sei eine Person, die keine Verwandtschaft habe. Die getötete Person müsse man in einem mit Steinen beschwerten Sack stecken und in einem einsamen See versenken.“

All das alarmiert Hart, der nicht daran glaubt, dass Ranke einfach verschwindet, ohne sich wieder zu melden. Als er diese dunkle Ahnung hat – drei Tage, nach dem Verschwinden – mietet sich Bogner gerade im Zimmer 433 im Hotel „Haus der Hochseefischer“ in Rostock ein. Er füllt den Meldeschein mit dem Namen „Thomas Ranke“ aus. Später behauptet Bogner, er habe dort gemeinsam mit Ranke übernachtet. Doch keiner der Angestellten kann das bestätigen, allerdings auch nicht ausschließen.

Ich habe sofort erkannt: das ist nicht Thomas Ranke, das ist Christian Bogner. Ich habe ihm das am Telefon direkt an den Kopf geschmissen.

Gabriel Hart

Hart meldet sich bei der Polizei in Lüneburg. „Leider sind wir dort als Spinner tituliert worden“, sagt er. Er folgt deswegen selbst Rankes Spuren. Hart ermittelt drei Wochen lang. Ranke hatte bei seinem Autohändler noch Schulden für den Polo. Als Hart dort nachfragt, erfährt er, dass der Wagen bei der Firma Car Center in der Nähe von Bad Doberan in Zahlung gegeben wurde. Bei dieser Firma teilt man Hart mit, dass Ranke kürzlich einen Passat gekauft habe und so gelangt Hart an eine Telefonnummer. Als er dort anruft meldet sich ein Thomas Ranke.

„Ich habe sofort erkannt: das ist nicht Thomas Ranke, das ist Christian Bogner. Ich habe ihm das am Telefon direkt an den Kopf geschmissen, hab gesagt. Du bist nicht Thomas, du bist nicht mein Schwager. Da hat er das Telefon aufgelegt.“ Gabriel Hart, seine Frau und seine Schwiegermutter fahren nach Bad Doberan. Sie hoffen, Thomas Ranke lebend zu finden. „An den Tod glaubt man zum Schluss. Dann haben wir das Haus in Bad Doberan gefunden.“ An der Klingel steht: Thomas Ranke. Doch es öffnet niemand.

Hart findet heraus, dass Bogner eine Freundin hat und als er sie aufsucht, glaubt die Frau zunächst nichts. Er warnt sie, dass es sich bei Bogner um einen sehr gefährlichen Menschen handelt. Die Frau ruft noch am selben Abend zurück. „Morgen früh um sieben Uhr erscheint er mit einem Paket Kuchen bei meiner Tante“, habe sie gesagt.

Hart kontaktiert nun eine Zielfahnderin des LKA in Hannover. Bislang hatte man ihn und seine sonderbare Familie als sektirische Spinner abgetan. Nun erhöht er den Druck. „Ich habe ihr gesagt: Wenn ich dort selber hingehe, dann kommt nur einer lebend zurück. Entweder er oder ich.“ Ab 23 Uhr sichert das SEK das Umfeld.

Am nächsten Tag, den 13. September 1995, ist es so weit. „Es ist Christian Bogner gelungen an der gesamten SEK-Mannschaft vorbei bis zur Haustüre zu kommen, ohne erkannt zu werden. Und erst als er an der Haustüre stand und die durch einen Spion sahen: da steht ein Mann mit einem Paket Kuchen in der Hand, haben sie zugeschlagen und Christian Bogner festgenommen.“

Zeitungsausriss.
Foto: Markus Wächter
Christian Bogner, JVA Sehnde, August 2018.
Foto: Markus Wächter

Drei Monate hatte er als Ranke gelebt und wie ein Chamäleon war er so überzeugend in die neue Identität geschlüpft, dass ihn selbst die Zielfahnder übersahen, die nach ihm suchten. Er ging sehr systematisch vor, wie sich aus den Ermittlungsakten rekonstruieren lässt. Nur fünf Tage nach seinem Ausbruch aus der JVA Lingen wird die Sparkasse in Nammen von einem maskierten Täter überfallen. Der erbeutet 36.000 D-Mark. Bogner kennt sich dort aus, weil seine Eltern hier das Glaubenshaus der Spätregen-Mission besuchten. Er bestreitet die Tat.

Sechs Tage später ruft er bei Rankes Mutter als Arbeitsvermittler an, trifft sich mit Ranke und übernimmt dessen Identität. Er teilt Rankes Vermieterin mit, dass sie dessen Möbel an das Rote Kreuz geben könne. Er leitet die Post an die neue Adresse um.

Erneut wird die Sparkasse in Nammen überfallen, der Täter erbeutet 122.000 D-Mark. Bogner können die Taten nicht nachgewiesen werden, doch während seiner dreimonatigen Flucht gibt er über 104.140 D-Mark aus. Er kauft einen neuen Wagen und gibt den alten in Zahlung. Er lässt sich impfen und ein Impfbuch auf Thomas Ranke ausstellen. Er beantragt zwei Mobilfunkanschlüsse, meldet Rankes Konto bei der Citibank um und erhält eine neue EC-Karte. Das Gleiche macht er mit Rankes Krankenversicherung. Dann meldet er Rankes Personalausweis als verloren und erhält einen neuen – mit seinem eigenen Passfoto.

Die Geschichte eines Mörders

Christian Bogner gilt als einer der gefährlichsten, aber auch rätselhaftesten Täter der Republik. Zwei Personen verschwanden, in deren Identität er zuvor geschlüpft war. Doch Bogner beteuert seine Unschuld, und er will raus aus der jahrelangen Isolationshaft, die sein Anwalt als Folter bewertet.

Eine exklusive Serie der Berliner Zeitung in vier Teilen.
berliner-zeitung.de/bogner

Nachdem sich Hart bei Bogner am Telefon meldet, verreist er für einen Monat und mietet danach eine neue Wohnung an, kauft einen neuen Wagen, besorgt sich eine neue Mobilfunknummer, ein neues Konto und er lässt sich einen internationalen Führerschein ausstellen. Ende August 1995 beantragt Bogner eine Schufa-Selbstauskunft für Thomas Ranke und begleicht sämtliche Schulden. Eine Woche später wird er nur wegen den Nachforschungen von Gabriel Hart verhaftet. Nach seiner Festnahme vernehmen ihn Beamte wegen des Verdachts des Mordes an Thomas Ranke.

Bogner erklärt, er kenne Ranke schon von einer früheren Flucht und Ranke sei ihm noch wegen einer anderen gemeinsamen Straftat einen Gefallen schuldig gewesen. Er habe Ranke um dessen Geburtsurkunde gebeten, um sich damit einen neuen Ausweis ausstellen zu lassen. Ranke halte sich nun in Polen auf, sagt er. Eine Kriminalhauptkommissarin fragt Bogner, „in welchen Kiesteich der Angeschuldigte Ranke versenkt habe“? Bogner sei „zusammengezuckt, sodass sie den Eindruck gehabt habe, ins Schwarze getroffen zu haben“.

Bogner, der vor drei Monaten aus der JVA Lingen ausgebrochen war, ist nun dingfest und wieder in Haft. Doch der Fall Ranke scheint die Ermittler nicht mehr zu interessieren. Während Gabriel Hart monatelang darauf wartet, dass Bogner angeklagt wird, stellt die Staatsanwaltschaft Lüneburg das Verfahren wegen Mordes an Thomas Ranke am 9. Juni 1997 klammheimlich ein. Die Staatsanwaltschaft weist eigens an, Rankes Mutter nicht darüber zu informieren und den Angehörigen keinen Einstellungsbescheid zuzustellen.

Die Psychologin entwickelt zu Bogner ein so enges Verhältnis, dass sie sogar dessen Stofftier zu Hause auf ihrem Bett drapiert.

In der Zwischenzeit gelingt es Bogner in Haft, Anstaltsleiter und das Gefängnispersonal von seiner Resozialisierung zu überzeugen, sodass er bald schon Lockerung erhält. Dabei hatte er bereits nach seiner Festnahme im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Ranke im September 1995 erneut einen Fluchtversuch unternommen. Er war mit einem Gefangenentransport auf dem Weg in die JVA Butzbach. „Bei einer ungefesselten Ausführung zur Toilette unternahm er einen Fluchtversuch, bei dem er von dem Sicherheitspersonal angeschossen wurde und einen Schulterdurchschuss links erlitt“, heißt es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Bückeburg.

Trotzdem kommt Bogner im Juni 1997 in den Normalvollzug der JVA Celle und wird im November 1998 in die JVA Lübeck verlegt. Bogner darf nun wieder in der Schlosserei arbeiten. Dort „erbrachte er sehr gute Arbeitsleistungen. In einer Stellungnahme der JVA Lübeck wurde ihm ein Bemühen um die Aufarbeitung seiner Persönlichkeitsdefizite attestiert. Er erhielt dann ab Juni 2000 auch Lockerungen in Form von Freigängen und Urlauben“, heißt es in der Anklageschrift.

Bogner bekommt Therapie und qualifiziert sich als Schlosser, übernimmt dann einen Aushilfsjob als Fahrer in Freiheit. Im Februar 2001 erlässt ihm das Landgericht Lüneburg die Reststrafen zur Bewährung. Bogner bezieht eine eigene Wohnung in Lübeck.

Bis zu diesem Zeitpunkt bleibt unentdeckt, dass er während eines Freigangs schon Ende Dezember 2000 eine Zweigstelle der Sparkasse Coesfeld überfallen hatte. Er bedroht dort den Angestellten mit einer Schreckschusspistole, fesselt ihn bäuchlings mit den Händen auf dem Rücken. „Der Angeklagte setzte sich seitlich vor den Kopf des Angestellten und wartete auf das Eintreffen der zweiten Sparkassenangestellten. Seine rechte Hand mit der Schreckschusspistole legte er währenddessen auf den Schoß“, heißt in der späteren Anklageschrift. Bogner erbeutet 60.000 D-Mark. Wieder auf Bewährung in Freiheit überfällt er später die Sparkasse in Rinteln. Er bedroht die Angestellten mit einer Schreckschusspistole und fesselt sie mit Handschellen. Die Beute: 95.600 D-Mark.

Erheblicher Verdacht gegen Bogner

Doch bei der Ringfahndung wird er dieses Mal festgenommen. Den ersten Banküberfall bestreitet Bogner bis heute. Nur weil er bei dem Überfall in Rinteln gefasst werden konnte, erhebt die Staatsanwaltschaft Bückeburg die Anklage und nur deswegen wird auch der Fall Ranke aufgerollt und die beiden Verfahren verknüpft. Die Ermittlungsakte zeichnet detailliert nach, wie Bogner Stück für Stück das Leben von Ranke annimmt, Dokumente in dessen Namen ausstellen lässt, umzieht und drei Monate untertaucht. Im Prozess gelingt es Bogner, den Staatsanwalt von sich einzunehmen. Später schreibt er ihm auch freundliche Briefe aus der Haft. Zum Entsetzen der Angehörigen plädiert der Staatsanwalt auf Freispruch für den Mord und dreieinhalb Jahre für die Banküberfälle. Im Urteil heißt es zur Begründung, „Thomas Ranke (könnte) auf eine Weise zu Tode gekommen sein, die entweder kein Tötungsdelikt darstellt oder gänzlich straflos ist für den Angeklagten“.

„Es besteht ein erheblicher Verdacht gegen den Angeklagten, dass dieser Thomas Ranke vorsätzlich getötet hat, um dessen Identität anzunehmen, dies war jedoch mit der für eine Verurteilung erforderlichen hinreichenden Sicherheit nicht feststellbar.“ Am 12. November 2002 verurteilt der Richter Bogner wegen der anderen Delikte zu zehneinhalb Jahren Haft und Sicherungsverwahrung.

Doch schon bald bekommt Bogner wieder Lockerungen. Er besucht nun regelmäßig Therapiesitzungen und die Psychologin entwickelt zu Bogner ein so enges Verhältnis, dass sie sogar dessen Stofftier zu Hause auf ihrem Bett drapiert. Das Hochsicherheitsrisiko Bogner wandelt sich in kürzester Zeit zum Vorzeigehäftling. Er arbeitete in der Schlosserei, macht sogar Besucherführungen. Nur wenige Monate vergehen, bis sich die Wege von Christian Bogner und Engelbert Danielsen kreuzen.

Bogners Bruder Michael Mayers besucht ihn häufiger in der Anstalt. Als Mayers Freund Andreas Adam im Juni 2003 seinen Geburtstag feiert, schenkt ihm sein Nachbar Danielsen einen gebrauchten Drucker. Und als Mayers Adam später besucht, sieht er im Druckerkarton eine Kopie von Danielsens Führerschein, die dieser darin vergessen hatte. Im Verhör sagt Adam aus: „Als [er] die Führerscheinkopie von Herrn Danielsen fand, sagte er zu mir, das könnte mein Bruder mal gebrauchen wegen neuer Personalien. Er sagte noch, dass Herr Danielsen seinem Bruder ähnlich sieht.“ In den Protokollen der JVA Lübeck findet sich in der Folgewoche ein Eintrag, der den Besuch von Bogners Bruder dokumentiert. Bogner entwirft seinen Plan und wenig später meldet er sich bei Engelbert Danielsen als Arbeitsvermittler.

Ein Jahr später, am 26. Oktober 2004, klingelt Bogner – nur wenige Stunden nach seinem Ausbruch – an der Wohnungstür von Engelbert Danielsen. Der sitzt auf gepackten Kisten und freut sich auf die gemeinsame Fahrt zu seinem neuen Arbeitgeber.

In seinen Kalender hatte er zuletzt notiert: „Sindelfingen. Heute! Wehe wenn nicht! Abfahrt? 14 Uhr!! Er kommt noch mal hoch zu mir, Herr Mayers.“ 

*Namen geändert

Heinrich Wille, ehemaliger Leitender Staatsanwalt Lübeck, die im Fall Bogner ermittelte.

Prof. Bernd Maelicke, Experte für Resozialisierung und bei Bogners Flucht aus der JVA Lübeck oberster Beamter im Justizministerium Schleswig-Holstein.

Gabriel Hart*, Schwager von Thomas Ranke, der nach einem Treffen mit Bogner verschwand.