Christian Bogner brach mehrfach aus Gefängnissen aus. Auch aus einem der sichersten Deutschlands: der JVA Lübeck.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

LübeckAm 28. Oktober 2019 wartet Christian Bogner morgens um 6 Uhr mit seiner Habe im Hochsicherheitstrakt der JVA Celle. Drei SEK-Beamte mit Sturmhauben treten ein und belehren ihn, dass er nun unter polizeilicher Hoheit steht, so berichtet es Bogner. Im Falle der Flucht drohe ein Schusswaffeneinsatz.

Bogner muss sich entkleiden. Sie untersuchen jeden einzelnen Finger, Achseln, Hautfalten, Haupthaar, Augenlider, Ohrmuscheln, Mundraum, Zunge, Zahnreihen mit Besteck, dann Füße und Intimbereich. Nachdem er sich wieder angekleidet hat legen sie ihm Fuß- und Handfesseln an, die zusätzlich an einem Bauchgurt fixiert werden. Sie streifen ihm eine Insektenschutz-Gaze über den Kopf und ein schwarze Augenblende.

So tippelt er in der Mitte zweier Führungskräfte zum Helikopter, in den er bäuchlings robbt. Im Sitz wird er vergurtet. Dann drehen die Turbinen hoch.

Seit 15 Jahren in Isolationshaft

„Meter für Meter schraubt der Eurocopter EC 135 sich aus dem extrem beengten Landeplatz des Celler Knastsportplatzes empor, bevor der Anstellwinkel des Hauptrotors so verändert wird, dass die Maschine leicht nach vorne geneigt zügig Fahrt aufnimmt und in Richtung Oldenburg davonschwebt“, beschreibt Bogner seinen letzten Gefangenenflug. In Oldenburg kommt er erneut in strenge Absonderung, getrennt von allen anderen Häftlingen.

Seit Jahren rotiert dieser Straftäter zwischen den Hochsicherheitstrakten der Anstalten von Celle, Oldenburg und Sehnde. Schon 15 Jahre sitzt er in Isolationshaft. Es existiert wohl kein weiterer Gefangener, der so behandelt wird. Er geht juristisch dagegen vor.

Die renommiertesten Gerichtsgutachter des Landes untersuchten ihn und klassifizieren ihn als hochgradigen Psychopathen. Sie betonen seine Fähigkeit Menschen zu manipulieren. Und dies kombiniert mit einer außerordentlichen Energie, Dinge, die er möchte, fokussiert und frei von hemmenden Emotionen zu erreichen. Bei zwei Ausbrüchen starben zwei Menschen, in deren Identität er geschlüpft war.

Christian Bogner im Besucherraum des Hochsicherheitstraktes der JVA Sehnde
Foto: Markus Wächter
„Der Fall Christian Bogner ist einzigartig in der Kriminalgeschichte“, sagt der ehemalige Oberstaatsanwalt Heinrich Wille.
Foto: Markus Wächter

Christian Bogner, geboren am 17. April 1956 in Herford, gilt manchen als der gefährlichster Straftäter Deutschlands. Er sitzt schon zwei Drittel seines Lebens in Gefängnissen, unterbrochen fast nur durch Fluchten, bei denen er immer schwerere Straftaten begeht. Diebstähle, Raub, Banküberfälle, schließlich Mord. Seine Verbrechen sind komplex – und heimtückisch. Immer mehr Haftjahre summieren sich und immer wieder bricht er selbst aus Hochsicherheitsgefängnissen aus. Zwölf geglückte und versuchte Fluchten gehen auf sein Konto – sein wichtigstes Werkzeug dafür ist sein Verstand. Bogner kann sich kompliziertes Ingenieurwissen aneignen, er besitzt gerichtsmedizinische, psychiatrische und juristische Kenntnisse auf hohem Niveau.

„Der Fall Christian Bogner ist einzigartig in der Kriminalgeschichte“, sagt der ehemalige Oberstaatsanwalt Heinrich Wille. Extrem selten sei die Kombination ganz unterschiedlicher Tätertypen: Bogner sei Betrüger, Bankräuber und Mörder in einer Person. Intelligent, geschickt, kaltblütig und manipulativ.

Die Geschichte eines Mörders

Christian Bogner gilt als einer der gefährlichsten, aber auch rätselhaftesten Täter der Republik. Zwei Personen verschwanden, in deren Identität er zuvor geschlüpft war. Doch Bogner beteuert seine Unschuld, und er will raus aus der jahrelangen Isolationshaft, die sein Anwalt als Folter bewertet.

Eine exklusive Serie der Berliner Zeitung in vier Teilen.
berliner-zeitung.de/bogner

Dies ist die erste vollständige Dokumentation eines beispiellosen Falles, der bis heute Fragen aufwirft. Im ersten Mordprozess war Bogner freigesprochen worden, weil die Leiche nie gefunden wurde. Und bis heute, seit nunmehr 15 Jahren, behauptet Bogner auch beim zweiten Mord unschuldig zu sein.

Tatsächlich irritiert, wie er einen anderen „ohne direkte Einwirkung“ hatte strangulieren können. So schrieben es aber die Richter in ihrem Urteil zum Tod von Engelbert Danielsen. Sie verurteilten Bogner als Mörder, ohne die Todesursache zu kennen. Seither sitzt er in Isolation.

Ist dieser Umgang mit seinen Menschenrechten vereinbar? Oder zeigt sich hier der Staat als maßlos, weil er den Täter nicht sauber überführen konnte? Das behauptet Bogner und er liefert dafür viele plausible Argumente. Oder dokumentiert das nur erneut sein Manipulationstalent?

Sollte an ihm ein Exempel statuiert werden, weil er den Justizapparat narrte und sein letzter Ausbruch zu einem politischen Skandal geriet, der tatsächlich eine grüne Justizministerin in Bedrängnis brachte?

In diesem Moment bemerkte ich aus dem Augenwinkel heraus eine Bewegung.

Beamter der JVA Lübeck 

Für Bogners Anwalt, ein habilitierter Jurist, ist eines sicher: die Haftbedingungen seien „Folter“. Isoliert dürfen Häftlinge eigentlich nur für wenige Monate werden, denn der Zweck der Haft ist laut Gesetz die Vorbereitung auf ein Leben in Freiheit. Zeigt sich das Funktionieren eines Rechtsstaates nicht gerade im Umgang mit schweren Fällen?

Der wichtigste Abschnitt von Bogners Fall beginnt am dunklen Morgen des 26. Oktober 2004. Um 7.15 Uhr steht der Vollzugsangestellte Ernst Wegner* mit drei Gefangenen vor der JVA Lübeck, Pforte Leuschnerstraße. Ein Begleitausgang ist geplant und dann geschieht es: „In diesem Moment bemerkte ich aus dem Augenwinkel heraus eine Bewegung“, sagt Wegner. Gleichzeitig hat er Häftlinge zu beaufsichtigen. Und dann sieht er jemanden weglaufen. Die Arme liegen dabei auffällig seitlich an. Wegner wird mulmig zumute. „Diesen Laufstil habe ich schon einmal bei Herrn Bogner beobachtet“, gibt er später bei der Polizei zu Protokoll und zeichnet eine Skizze.

Das Gefängnis in Lübeck ist eines der sichersten bundesweit. Und Bogner einer der Insassen. Hier kann er nicht entkommen. Zumal ohne Alarm und Geiselnahme. 2002 war Bogner wegen Banküberfällen verurteilt worden, die er teilweise in der Vollzugslockerung als Freigänger begangen hatte. Zehneinhalb Jahre brachte ihm das ein, mit anschließender Sicherungsverwahrung. In der Akte steht als Vermerk: „Fluchtgefahr“.

Am Tag des neuen Ausbruchs trägt er Turnschuhe. Die Gefängnismauer ist mit Detektionstechnik versehen. Von innen ist ihr ein Sicherheitsstreifen vorgelagert, den wiederum ein Drahtzaun schützt.

Um dieses Hindernis zu überwinden hatte Bogner in der Schlosserei ein Stecksystem gebaut, das ohne Schrauben auf einen Gabelstapler aufgepflanzt werden konnte. Damit überbrückte er die sechs Meter hohe Mauer und den fünf Meter breiten Sicherheitsstreifen. Für den Gabelstapler hatte er sich zuvor mit einem illegalen Handy einen Nachschlüssel bestellt und sich dann von seinem Bruder ins Gefängnis schmuggeln lassen. In den Morgenstunden nutzte er seine Chance.

Ein Teil der Leiter zum Stecksystem, die Bogner zur Überwindung der Gefängnismauer der JVA Lübeck baute.  
Foto: Akte
Ein Podest für das Stecksystem.
Foto: Akte

Über eine Plattform, an die er eine Öse geschweißt hatte, seilt er sich mit einem geflochtenen Bettlaken ab. Er läuft einen begrünten Pfad zur Straße, wenige Meter entfernt. Dort steht ein silberner Mercedes-Kombi, den sein Bruder dort abgestellt hatte. Der Schlüssel liegt auf dem rechten Hinterrad. Er greift zu, steigt ein und fährt davon. Im Kofferraum liegen eine rote Schaufel und ein Spaten.

Die Schlüssel, von denen sich Bogner einen anfertigen und dann ins Gefängnis bringen ließ.
Foto: Akte
Aufnahme des Fluchtfahrzeuges.
Foto: Polizei Lübeck

Um 9.53 Uhr leitet die Staatsanwaltschaft Bückeburg die Öffentlichkeitsfahndung ein. Um 13.28 Uhr gibt die Polizei Lübeck eine Pressemitteilung heraus: „Der Flüchtige heißt Christian Bogner ist 48 Jahre alt, 179 cm groß, schlank und hat dunkelblondes volles Haar.“

Bogner trägt da schon keine Anstaltskleidung mehr, sondern ein Hemd, Krawatte und eine Anzughose. Sein „unverdächtiges Biedermann-Outfit“, wie er später schreibt. Im Autoradio verfolgt er die Ringfahndung. Er wartet sie auf einem Parkplatz in Lübeck-Kücknitz ab.

Noch am selben Tag meldet sich ein anonymer Hinweisgeber beim LKA in Kiel. Bogner, berichtet diese Person, habe einen Kumpel draußen, seit August Freigänger der JVA Lübeck, der tagsüber die Anstalt verlassen darf. Um 21 Uhr besuchen die Beamten den Mann in dessen Zelle. Wenn Sie Bogner helfen, machen Sie sich strafbar, sagen sie. Er soll sich melden, wenn er etwas hört.

An einem Sonnabend, vier Tage später, klingelt das Telefon bei der Polizei. Bogners Kumpel ist am Apparat. Er kommt, sagt er. In zehn Minuten will Bogner da sein. Das Sondereinsatzkommando setzt sich in Bewegung. Verkleidete Beamte postieren sich draußen, wie auch im Gebäude. Dann klingelt es an der Tür. Ein Handwerker, der tatsächlich zum SEK gehört, öffnet. Wer sind Sie, fragt der Beamte, der nun fürchtet, dass die Deckung auffliegt. „Engelbert“, sagt Christian Bogner, der mit der neuen Identität schon verschmolzen ist. Engelbert Danielsen. Können Sie sich ausweisen? Die Papiere liegen im Auto, antwortet er ruhig, „ohne im Gespräch abgelenkt … zu wirken“, wie ein Beamter sich später erinnert.

Christian Bogner (r.) und sein Opfer Engelbert Danielsen. Die Beamten erkannten ihn am fehlenden Muttermal.
Foto: dpa

Sie begleiten den Mann zum Parkplatz eines Penny-Marktes auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Erst nachdem Bogner den Ausweis vorlegt, fällt einem der Zielfahnder auf, dass Danielsen auf dem Ausweisfoto ein Muttermal auf der Wange hat. Dieser Mann jedoch hat keines. Sie haben ihn.

„Der gesuchte Bogner führte Personalpapiere mit, die auf den Namen Engelbert Danielsen … ausgestellt waren“, schreibt der Beamte in seinen Festnahmebericht. Doch wie kam Bogner an diese Papiere?

Noch am selben Tag klingen Beamte des Kommissariat 16 an der Wohnung von Engelbert Danielsen in der Plöner Straße in Eutin. An der Tür hängt ein Zettel. „Hallo. Bin kurz weg. Komme aber bald wieder.“

Der Notizzettel von Engelbert Danielsen, der an dessen Tür gefunden wurde.
Foto: Akte
Das Haus in dem Engelbert Danielsen wohnte.
Foto: Markus Wächter

Niemand öffnet, deswegen verschaffen sich die Polizisten Zugang und finden eine leere und aufgeräumte Wohnung. Gepackte Kartons stehen da. Es scheint so, als sei Danielsen mit seinem Umzug beschäftigt. Auf drei der Kisten steht „Stuttgart-Sindelfingen“. Die Beamten verschließen die Wohnung und treffen im Treppenhaus Danielsens Nachbarn, Andreas Adam*. Der wohnt im Dachgeschoss fast Tür an Tür mit Danielsen. „Während der gesamten Befragungszeit wirkte Herr Adam fahrig und nervös. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn“, steht im Einsatzbericht.

Kennen Sie diesen Mann, fragt ein Beamter und hält ihm ein Bild von Bogner vor? Ohne das Bild sehen zu können, verneint Adam und fragt, ob es um den Ausbruch in Lübeck ginge? Das habe er in der Zeitung gelesen, sagt er, um dann auf Nachfrage zu gestehen, dass er gar keine Zeitung besitzt. Danielsen, sagt Adam, habe eine Arbeitsstelle in Stuttgart in Aussicht und er wollte in einigen Tagen wiederkommen.

Wieso hat Bogner die Papiere von Danielsen, der auch noch aussieht wie sein Doppelgänger?

Bogner selbst ist zu dieser Zeit schon wieder im Gefängnis. Als er nach seinem Ausbruch dort eintrifft, begrüßen ihn die Wärter im Spalier. In seiner ersten Befragung gibt er an, er habe seine Flucht lange geplant, sein Bruder habe ihm Kleidung besorgt und den Mercedes bei Sixt in Hamburg gemietet. Und Danielsen sei ein guter Freund, der ihm seine Ausweisdokumente und EC-Karte für 2000 Euro verkauft habe. Bogner wollte in Süddeutschland abtauchen, sagt er. Danielsen hätte seine Papiere später als gestohlen gemeldet.

Wo sich Herr Danielsen befindet? „Einen aktuellen Aufenthaltsort dieser Person wollte er nicht benennen“, hält der Beamte Scholl* vom LKA Schleswig-Holstein fest.

Herrn Bogner wurde nun vorgehalten, dass Herr Danielsen tagebuchähnliche Aufzeichnungen geführt hat. Aus diesen lässt sich belegen, dass er über Monate hinweg kontaktiert wurde.

Vernehmungsprotokoll der Polizei

Die Kriminalpolizei Lübeck nimmt Bogner seine Aussage nicht ab. Das hängt mit einer anderen Sache zusammen, denn Bogner „hatte bei einer früheren Flucht aus einer JVA ebenfalls Personalpapiere einer anderen Person genutzt. Diese Person ist bis zum heutigen Tag unbekannten Aufenthaltes.“ Die Behörden gehen davon aus, dass diese Person tot ist. Doch Bogner war freigesprochen worden. Aus Mangel an Beweisen.

Über Danielsen ermitteln die Beamten, dass er nahezu ohne soziale Kontakte als Einzelgänger lebte. Selbst zu seiner Schwester hatte er jahrelang kaum Kontakt. Gelegentlich unterhielt er sich mit seinem Nachbarn Adam. Schüchtern, zurückgezogen lebte Danielsen. Beim Arbeitsamt Eutin war er als arbeitslos gemeldet. Ab November habe er einen neuen Arbeitsplatz, hatte er der Behörde dort mitgeteilt. Als Gärtner bei Mercedes in Sindelfingen. Doch bei Daimler weiß davon niemand etwas.

Vermittelt haben soll den Job ein privater Arbeitsvermittler mit dem Namen Martin Mayers*. Mit Mayers soll Danielsen schon anderthalb Jahre in Kontakt gestanden haben. Es stellt sich heraus: Name und Adresse des Arbeitsvermittlers sind identisch mit Namen und Adresse von Bogners Bruder. Auch Bogner hieß Mayers, bis er 1993 seinen Namen ändern ließ. Und Martin Mayers ist auch mit Andreas Adam befreundet – Danielsens Nachbarn, dem die Befragung der Polizei die Schweißperlen auf die Stirn trieb.

Zwei Wochen dauern die Ermittlungen an. Am 15. November 2004 machen sich drei Kriminalkommissare des Lübecker K1 auf zur JVA. Kurz vor 13 Uhr sitzen sie in einem Besucherraum des Gefängnisses und Bogner wird von einem Bediensteten hereingeführt. Sie konfrontieren ihn mit dem Tatvorwurf: „Verdacht des Mordes zum Nachteil von Engelbert Danielsen.“

Bogner will sich zunächst nicht einlassen und ist über den Vorwurf empört. „Herrn Bogner wurde nun vorgehalten, dass Herr Danielsen tagebuchähnliche Aufzeichnungen geführt hat. Aus diesen lässt sich belegen, dass er über Monate hinweg kontaktiert wurde und ihm Arbeit bei Daimler-Benz in Aussicht gestellt wurde. Selbst am 26.10.04 (dem Tag von Bogners Ausbruch, Anm. d. Red.) wurde noch handschriftlich notiert, dass „die Abfahrt nach Sindelfingen bevorsteht“. Bogner entgegnet später, „es werde sich alles aufklären, wenn Danielsen sich melden werde“. Danach zündet er sich eine Zigarette an und verlangt den Kontakt zu einem Anwalt.

*Namen von der Redaktion geändert