Trakt in der Justizvollzugsanstalt Sehnde, in deren Hochsicherheitstrakt Christian Bogner 2018 untergebracht war.
Foto: Volkmar Otto

BerlinIm September 2019 besucht der Psychiater Norbert Konrad, Leiter des Instituts für forensische Psychiatrie der Berliner Charité, Christian Bogner in der JVA Celle. Er soll ihn explorieren und prüfen, ob er aus der Isolation im Hochsicherheitstrakt verlegt und in den Normalvollzug untergebracht werden könnte – nach nun über 15 Jahren Isolation.

Konrad bemerkt „das manipulative Geschick von Herrn Bogner sehr deutlich“ und ordnet ihn „zu einer Hochrisikogruppe für erneute gewalttätige Rückfalldelinquenz“ ein. Das „Risikopotenzial liegt dabei in der Symptomatik der dissozialen Persönlichkeitsstörung, speziell der ‚Psychopathy‘ mit fehlender Empathie, egozentrischer Durchsetzungsbereitschaft, der Tendenz andere Menschen zu manipulieren und für eigene Zwecke auszunutzen“.

Der Psychiater hält Bogners Isolation weiter für erforderlich, regt aber den Verzicht auf die ständigen Wechsel zwischen den Anstalten an. Aber nur einen Monat nach dieser Empfehlung wird Bogner erneut per Hubschrauber in einen anderes Hochsicherheitsgefängnis verlegt. Er wird nur unter dem Aspekt eines Sicherheitsrisikos wahrgenommen. Er soll keine Chance bekommen, zu den Beamten im Gefängnis ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, das er später für seine Zwecke instrumentalisieren könnte.

Er bekommt somit auch keine Chance, durch kontinuierliche Therapie seine Gefährlichkeitsprognose zu verbessern und auf ein Ende seiner Haft hinzuarbeiten.

Die Resozialisierung ist aber laut Bundesverfassungsgericht ein grundrechtlicher Anspruch des Gefangenen. Im Gesetz heißt es: „Im Vollzug der Freiheitsstrafe soll der Gefangene fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen (Vollzugsziel).“

Der von Bogner maßstabsgetreu gezeichnete Ausbruchsplan aus der JVA Lübeck.
Foto: Markus Wächter
„Das Böse im Raum“: Der Experte für Resozialisierung, Bernd Maelicke, war im Justizministerium in Schleswig-Holstein oberster Beamte, als Bogner aus der JVA Lübeck ausbrach. 
Foto: Markus Wächter

Der Jurist und Kriminologe Bernd Maelicke beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Resozialisierung. Der Professor ist der Experte auf dem Gebiet und kann mit internationalen Statistiken sehr gut begründen, warum Gefängnisse die Welt nicht unbedingt sicherer machen. Mit jedem Wegschluss erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für einen Rückfall und damit für neue Straftaten. Maelicke kennt Bogner jedoch nicht als Wissenschaftler, sondern als oberster Fachbeamte im Justizministerium von Schleswig-Holstein. Als Bogner 2004 aus der JVA Lübeck ausbricht, ist Maelicke im Krisenstab und zunächst fasziniert von Bogners Raffinesse. Doch dann erfährt er von Danielsens Tod. „Ich lag dann nachts im Bett und meinte das Böse im Raum zu spüren. Weil ich kein Motiv fand – außer, hier kalkuliert einer einen Ausbruch inklusive Mord, um eine neue Identität zu bekommen.“

Maelicke glaubt trotz seiner Kritik am Gefängnis bis heute, es sei nötig, Bogner so streng unterzubringen.

Im Herbst 2004, eine Woche nachdem der Leichnam von Engelbert Danielsen ausgegraben wurde, fahren zwei Hundeführer zum Acker am Waldrand von Uhlenbusch. Ihre Arbeitstiere „Prinz“ und „Duffy“ suchen die Gegend in einem Radius von 80 Metern ab. „Keiner der beiden Leichenspürhunde zeigte im abgesuchten Bereich Anzeigeverhalten bezüglich menschlichen Blutes oder Leichengeruchs“, schreibt der Kriminaloberkommissar am 9. Dezember 2004 in seinem Bericht. Die Hunde schlagen nur an der Grabstelle an.

Wieso sollte Danielsen mehrere Telefonate mit seinem fiktiven Arbeitsvermittler in seinen Terminkalender notiert haben?

Dabei hatte Bogner im Verhör erklärt, er habe den Leichnam noch drei Tage liegenlassen, bevor er zurückkehrte, um ihn zu begraben. 20 Meter habe er dann Danielsens Körper durch das Gebüsch gezerrt. Die Hunde hätten also anschlagen müssen. Die Ermittler vermuten, Bogner wollte mit dieser Erklärung die Tat spontan aussehen lassen. Sie glauben, dass er alles bis zum Verscharren der Leiche auf dem Acker plante.

Wieso sollte Danielsen mehrere Telefonate mit seinem fiktiven Arbeitsvermittler in seinen Terminkalender notiert haben? Bogner erklärt es mit einer Finte, um das Arbeitsamt Eutin auf Abstand zu halten, damit Danielsen keine Billigjobs hätte annehmen müssen. Doch das passt nicht zum Ermittlungsergebnis.

Die Geschichte eines Mörders

Christian Bogner gilt als einer der gefährlichsten, aber auch rätselhaftesten Täter der Republik. Zwei Personen verschwanden, in deren Identität er zuvor geschlüpft war. Doch Bogner beteuert seine Unschuld, und er will raus aus der jahrelangen Isolationshaft, die sein Anwalt als Folter bewertet.

Eine exklusive Serie der Berliner Zeitung in vier Teilen.
berliner-zeitung.de/bogner

Später ändert er seine Geschichte. In seinen unveröffentlichten Memoiren schreibt er, dass Danielsen „mit Blick auf die gemeinsam geplante Flucht vorbeugend für mich den Namen meines Bruders bei seinen Kalendereintragungen verwendet. Eine persönliche Beziehung zu mir ... sollte ja deswegen nicht nachweisbar sein, weil Engelbert ... zu seiner Entlastung gegenüber der Polizei behaupten wollte, mich als Arbeitsvermittler kennengelernt und gar nicht gewusst zu haben, dass es sich bei mir um den Gefängnisausbrecher Christian Bogner gehandelt hatte.“

Doch die Polizei fand nicht nur einen Terminkalender. Sie entdeckte weitere Notizen, in der Wohnung verteilt. Danielsens Eintragungen lauteten zum Beispiel: „Herr Mayers meint, da kann ich gleich auch Verträge unterzeichnen, wenn ich da unten mit ihm sein sollte.“ Es findet sich kein Beleg für Bogners These, dass er Danielsen schon vor dem Ausbruch kannte. Allerdings werden die Ermittler auch nie einen Beweis finden, wie Bogner Danielsen ermordet haben könnte.

Engelbert Danielsen notierte in seinem Terminkalender und auf verschiedenen Zetteln Daten und Informationen über seinen bevorstehenden Umzug nach Sindelfingen, bei dem ihn sein vermeintlicher Arbeitsvermittler begleiten wollte.
Foto: Akte

Die Forensikerin des Instituts für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Lübeck schickt im April 2005 ihr Gutachten an die Staatsanwaltschaft. Am Ende steht die Zusammenfassung: „1. Eine morphologisch oder toxikologisch fassbare Todesursache konnte nicht festgestellt werden. 2. Sichere Zeichen einer traumatischen Einwirkung waren nicht feststellbar. 3. Eine Gewalteinwirkung am Hals kann weder bestätigt noch sicher ausgeschlossen werden. 4. Ein Erstickungstod vor oder nach dem Vergraben kann nicht ausgeschlossen werden.“

Am 6. April reicht die Staatsanwaltschaft ihre Anklageschrift ein. Bogner wird beschuldigt, „einen Menschen aus niedrigen Beweggründen getötet zu haben“. Am 12. August 2005 ist die Hauptverhandlung vor dem Landgericht. Bogner wird am Eingang des Gerichtsgebäudes mit einer Jacke über dem Kopf fotografiert, trägt Hand- und Fußfesseln. „Spektakulärer Mordprozess in Lübeck: Ausbrecher beruft sich auf psychische Probleme – Opfer war mein Freund“, titeln die Lübecker Nachrichten.

August 2005: Mit hohen Sicherheitsvorkehrungen wird Christian Bogner beim Prozess vor dem Landgericht Lübeck begleitet. 
Foto: Maurizio Gambarini / DPA
Eine wirre Botschaft, mit der Bogner seine psychischen Probleme dokumentieren wollte. 
Foto: Akte

Bogner ändert im Prozess seine Aussage in einem wesentlichen Detail. Engelbert sei erst einen Tag später gestorben und gemeinsam seien sie noch in einem Hotel in Hamburg gewesen. Die Aufnahmen der Überwachungskameras zeigen nur Bogner. Ausschließen können die Ermittler aber nicht, dass eine weiter Person dabei war.

Sein Verteidiger will im Prozess einen Freispruch erwirken. „Solange die Staatsanwaltschaft keine vernünftigen Erklärungen für die Todesursache geben kann, bleibt uns gar nichts anderes übrig“, sagt er der Nachrichtenagentur AP. „Bogner erklärte, dass er an psychischen Störungen leide. Diese seien wohl für die Tat verantwortlich.“ Denn er höre Stimmen, die ihm Befehle erteilten.

Später macht er sich darüber lustig, dass er die Psychose nur vorgetäuscht hatte: „Kaum hatte ich mein Bewusstsein aktiv gespalten, setzte auch das Stimmenhören ein. Ich vernahm Stimmen ohne Ende!“

Die Lübecker Nachrichten berichten auch über die Aussage von Bogners Bruder im Prozess: „Hundertprozentig habe er Schaufel und Spaten ins Auto gelegt, und hundertprozentig seien Bogner und Danielsen erst über ihn in Kontakt gekommen – und hätten keine jahrelange Freundschaft gepflegt.“

Im Dezember 2005, während des Prozesses, schreibt Bogner seinem Bruder einen Brief in dem er vorgibt, er sei „sehr optimistisch, dass ich vom Vorwurf des Mordes freigesprochen werde, weil ich Engelbert nichts angetan habe“. Bogner weiß: „Nur wenn mein Bruder bei seiner Behauptung bliebe, dass er mich mit Engelbert zusammengebracht hatte, würde sich der Mordvorwurf überhaupt halten lassen.“ So steht es in seiner Autobiografie.

Es kommt maßgeblich auf die Aussage seines Bruders an. Doch als der im Januar 2006 aus der Untersuchungshaft kommt, gilt strikte Kontaktsperre. Bogner sitzt zu dieser Zeit in der Hamburger Anstalt Fuhlsbüttel. Nur wenige Tage später durchsucht ein Anstaltsbediensteter seine Zelle und beschlagnahmt einen Brief, der an seinen Bruder gerichtet ist. „Du musst mir vertrauen“, schreibt er, „denn ich weiß genau, was zu tun ist, damit für uns alles gut ausgeht. Auf keinen Fall darfst Du mit Deinen Anwälten über diesen Brief sprechen.“

Sein Bruder soll seinem Anwalt nur mitteilen, dass „Du Deine Aussage ändern möchtest“. Wenn der Staatsanwalt fragt, „warum Du vorher etwas anderes ausgesagt hast, dann erklärst Du ihnen, dass Du damals vor der Kripo nur das ausgesagt hast, was sie unbedingt hören wollten“. Denn „Du darfst nie vergessen, dass diese Idioten gar nichts wissen“.

Dann schreibt er eine Liste, „was Du unbedingt aussagen musst. 1. Du bestätigst, dass ich mit Engel schon im Sommer befreundet war, als ich Lockerung hatte. 2. Du bestätigst, dass Engel etwas später öfters bei mir in der Lübecker Wohnung war, wo Du mich mit ihm gesehen hast, wenn Du mich besucht hast. 3. Du bestätigst, dass Du mich auch bei Engel in seiner Wohnung gesehen hast, wenn Du bei Andreas zu Besuch warst.“

Am 13. Januar 2006 beschlagnahmter Brief von Bogner an seinen Bruder.
Foto: Akte

Schließlich soll er bestätigen, dass Danielsen selbst mehrere Banken überfallen hat. „Merke Dir diesen Punkt besonders gut, weil dies für das neue Wiederaufnahmeverfahren wichtig ist“. Dieser Satz ist unterstrichen. Er schreibt, seine Anwälte würden den „Prozess neu aufrollen und beweisen, dass nicht ich, sondern mein Freund Engel diese beiden Banküberfälle begangen hat. Ich bin praktisch nur verurteilt worden, weil man mich mit Engel verwechselt hat, weil wir uns so ähnlich sehen“.

Am 24. März 2006, dem 28. Prozesstag, bringt Bogner einen Antrag ein, zum „Beweis der Tatsache, dass ich mit Engelbert Danielsen bereits seit Ende 2000 eng befreundet war und dass ich deswegen in vertraulichen Gesprächen mit ihm von drei Banküberfällen erfahren habe, die Danielsen im Zeitraum Dezember 2000 bis Mai 2001 an verschiedenen Orten in eigener Initiative und ohne meine Beteiligung tatsächlich ausgeführt hat“. Er fordert die Untersuchung der „Tatwaffe vom Typ Walther P99, eine dunkelfarbige Frauenperücke, diverse paar Handschellen“ und anderer Gegenstände.

Die Kriminaltechnik findet aber keine DNA-Spuren von Danielsen, nur von Bogner.

Er bringt etwa dreißig Beweisanträge ein. Insektengutachten zur Leiche, Untersuchung von Kleidungsstücken, Anträge zu Spaten, Schuhen, einer Hose. Anträge zu toxikologischen Gutachten, Vorladung von Zeugen, rechtsmedizinische Untersuchungen.

Wir haben uns demonstrativ an die Brüstung vorne hingestellt und haben Bogner starr in die Augen geschaut.

Gabriel Hart

Am 5. September 2006 soll das Urteil fallen. Ein Sondereinsatzkommando mit acht Männern holt Bogner aus der JVA Fuhlsbüttel ab. Im Gericht plädiert sein Anwalt auf Freispruch und zum Schluss hält Bogner eine „fulminante Verteidigungsrede in eigener Sache“, wie der Richter später in einer Zeitung zitiert wird. Mit seiner ans Publikum gerichteten Darstellung habe Bogner „wie in einem amerikanischen Juryprozess“ die Hälfte des Saales für sich eingenommen, sagt der Richter. Doch im Namen des Volkes verurteilt er Bogner wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe und zusätzlicher Sicherungsverwahrung. Er bleibt damit auch nach Verbüßen der regulären Haftzeit im Gefängnis. Erst wenn ihm ein Psychiater attestiert, dass von ihm keine Gefahr mehr ausgeht, kann er das Gefängnis verlassen.

Das Gericht urteilt über seinen Bruder: „Martin Mayers*, der als Sonderschüler und wegen einer Gehbehinderung von seinen Arbeitskollegen oft gehänselt wurde und sich als Außenseiter ansah, fühlte sich in der Gegenwart seines redegewandten, cleveren und ihm bei weitem intellektuell überlegenen Bruders Christian wohl, weil der ihm das Gefühl gab, ihn trotz seines geringeren Bildungsgrades ernst zu nehmen.“ Mayers bekommt für seine Beihilfe zum Mord drei Jahre und drei Monate Freiheitsstrafe.

Im Gerichtssaal sitzen beim Prozess auch Gabriel Hart*, seine Frau und seine Schwiegermutter. „Wir haben uns demonstrativ an die Brüstung vorne hingestellt und haben Bogner starr in die Augen geschaut“, sagt er bei einem Treffen im Januar 2020. Gabriel Hart ist der Schwager von Thomas Ranke, der 1995 spurlos verschwand. Bogner war zu dieser Zeit ausgebrochen und wurde drei Monate nach Rankes Verschwinden mit dessen Ausweispapieren festgenommen. Bogner hatte ihn als Arbeitsvermittler mit einem gut bezahlten Job geködert.

*Namen geändert