Am Donnerstagabend fand in der Volksbühne ein interessantes Metal-Festival statt. Dem zuhauf angereisten Metal-Publikum wurde hierbei Gelegenheit gegeben, sich mit drei neuartigen Untergenres des bereits bisher an Untergenres nicht eben armen Metal auseinanderzuseten: mit dem Post-Industrial-Metal, dem Mülheim-Metal und dem Foucault-Metal. Den Post-Industrial-Metal vertrat am Anfang des Abends das Trio Jesu. Dabei handelt es sich um die neue Band von Justin Broadrick, welcher Ende der Achtzigerjahre als Sänger der Industrial-Metal-Band Godflesh bekannt geworden ist. Waren diese damals dafür bekannt, dass sie das Schlagzeug aus dem Metal entfernten und den Metal-üblichen entmenschten Gitarrenkrach zu bis dahin Metal-unüblich entmenschten Drummachine-Rhythmen darboten, haben Jesu diese Entwicklung insofern umgekehrt, als sie sich zwar wieder eines lebenden Schlagzeugers bedienen, dieser aber in dürrer Abmischung und Monotonie seiner Rhythmen fortwährend wie ein Drummachine klingen muss. Die Entkernung des Subjekts, unter der wir alle so leiden, haben Jesu also musikalisch weiter verschärft, was vom Ansatz her interessant und begrüßenswert ist, vom musikalischen Ergebnis indes ein wenig fad.Danach waren Bohren und der Club of Gore zu hören; sie stammen aus Mülheim an der Ruhr und haben die dort wegen des schlechten Wetters, der schlechten Luft und der auch ansonsten widrigen Lebensumstände allgemein herrschende kollektive Verzweiflung zum Wesenskern ihrer Musik erhoben. Ihr Konzert spielten sie auf verfinsterter Bühne, nur ein paar winzige Halogenpunktstrahler erhellten die im ultralangsamen Takt der Musik stimmungsvoll auf- und abschwebenden gewaltigen Unterarme der Musiker, die auf außergewöhnlich langhalsigen Gitarren und einem noch viel längerhalsigen Bass außergewöhnlich langsam hin- und herrutschten. Wenn sie nicht gerade musizierten, das heißt zum Beispiel minutenlang einem verwehenden Bassflageolette hinterherhorchten, sagten die Musiker Sätze wie "Unsere neue Platte heißt ,Geisterfaust', sie ist noch ereignisloser als die letzte", was man angesichts des Konzerts eine absolut zutreffende Selbsteinschätzung ist.Nach dem schwermütigen Mülheim-Metal waren gegen halbzwei dann die bekanntesten, bisher allerdings auch einzigen Vertreter des Foucault-Metal zu hören. Das britische Septett Isis stellte seine Platte "Panopticon" vor, die sich nach Angaben der Band mit der Dissoziation der Dyade Sehen/Gesehen-werden in den modernen Überwachungsgesellschaften befasst, entsprechend der von Foucault in "Überwachen und Strafen" vorgelegten Analyse. Diese wird von Isis dergestalt musikalisch vermittelt, dass sie auf den Hörer gewaltige Gitarrenkrachwellen niedergehen lassen; dazu rütteln und schütteln sie ihre Foucault-gerecht sauber geschorenen Köpfe. Zart ziseliertes Obertonfiepen und brutale Bassklänge befanden sich - auch wenn die Dynamik der Musik unter einer gewissen Vorhersehbarkeit litt - bei Isis in der schönsten Symbiose: der Druck dieses Diskurses dröhnte einem noch lange befreiend im Kopf.