Mubi - In immer kürzeren Abständen auftauchende Auto- und Motorradwracks lassen keinen Zweifel zu: Wir nähern uns dem Ziel unserer Reise durchs Land der Boko-Haram-Sekte. Auch die Frequenz der Straßensperren des nigerianischen Militärs nimmt zu. Inzwischen fordern die uniformierten Wegelagerer alle paar Kilometer ihre Sicherheitsmaut. Als am Horizont die Minarette von Moscheen auftauchen, ist neben der Straße ein Feld mit verstreut herumliegenden Kleidungsstücken auszumachen. Wer genau hinschaut, sieht aus den zerfetzten Hosen und Hemden noch verwesende menschliche Körperteile mit ihren Knochen ragen. Es handelt sich um Überreste der Kämpfer der in aller Welt berüchtigten Boko-Haram-Sekte, die bei der Rückeroberung der Stadt ums Leben kamen. Bislang fand sich noch kein gnädiger Mensch, der den verhassten Aufständischen ein Grab aushob.

Vor uns liegt Mubi – die von Boko Haram in Madinatul Islam („Stadt des Islams“) umbenannte Halbwüstenstadt. Ende vergangenen Jahres riefen die Fanatiker in dem Ort mit 200 000 Einwohnern, dem zweitgrößten des nigerianischen Bundesstaates Adamawa, ihr Kalifat aus. Nach mittelalterlichem Vorbild sollten hier die Gesetze einer aufs Schärfste ausgelegten Scharia gelten. In einem Blitzkrieg, den keiner für möglich gehalten hätte, eroberte die Sekte ein Territorium von der Größe Belgiens. Warum Nigerias mächtiges Militär den Ansturm der höchsten 9 000 Kämpfer zählenden Extremistentruppe nicht aufzuhalten vermochte, ist die Frage, die die Nigerianer kurz vor Wahlen am 14. Februar vor allem umtreibt.

Sie haben alles mitgenommen

Der Chef der letzten Straßensperre vor Mubi stellt sich als besonders stur heraus. Für den Zutritt in die Stadt sei eine Genehmigung des Bataillon-Kommandeurs nötig, beharrt der Offizier. Der General residiert jedoch mehr als 100 Kilometer weit entfernt. „Die wollen nicht, dass ihr seht, wie trostlos die Stadt aussieht“, glaubt Aliya Garga, ein pensionierter Schuldirektor, den wir vor den Toren Mubis treffen. Tatsächlich weigert sich auch Nigerias Regierung seit Wochen, ausländischen Journalisten Visa für die Wahlberichterstattung zu erteilen. Wer trotzdem als Tourist einreist, riskiert eine Gefängnisstrafe. Wir haben extra einen Sicherheitsbegleiter, mit selbst gebasteltem Vorderlader und einer Streitaxt bewaffnet, mitgenommen; aber selbst dieser Mann, Chef einer Bürgerwehr, vermag den Offizier nicht umzustimmen.

Was wir in Mubi, einer verwaisten Stadt, zu sehen bekommen hätten, berichtet uns unser Informant Garga: zerstörte Kirchen und Banken, niedergebrannte Stände auf dem Marktplatz. Während ihrer vierwöchigen Herrschaft im November hätten die Boko-Haram-Kämpfer die Stadt ausgeräumt wie Termiten einen Baumstumpf, sagt der Schuldirektor: „Sie haben alles mitgenommen, was nicht aus Stein oder angewachsen war.“

Der übergewichtige Gymnasialdirektor, 55 Jahre alt, erlebte die gesamte Besatzungszeit in Mubi mit. Im Gegensatz zu seiner über zwanzigköpfigen Großfamilie, von der fast alle das Weite suchten, verschanzte sich Garga mit seiner schwer kranken Mutter und zwei seiner Schwestern im Haus. Viel hat der Pensionär von den Besatzern deshalb nicht gesehen. Doch was ihn am meisten beunruhigte, geschah ohnehin zu Beginn der Okkupation. Kaum mehr als 50 auf Motorrädern daher knatternde Boko-Haram-Kämpfer hätten die Stadt innerhalb weniger Stunden eingenommen – trotz eines in Mubi stationierten Bataillons mit 4 000 Mann und Panzerwagen. „Das ist schon sehr merkwürdig“, sagt der Schuldirektor.

Dabei sei an dem Angriff nichts überraschend gewesen, fügt Gargas Neffe, der 26-jährige Politologiestudent Kabiru Hassan, hinzu. Schon vier Wochen vorher seien Gerüchte kursiert, wonach als nächstes Mubi an der Reihe sei; die Soldaten hätten sich also in aller Ruhe auf den Angriff vorbereiten können. Als die Aufrührer dann am 29. Oktober morgens um sieben tatsächlich kamen, hätten sie zuerst die Kaserne, die Polizeistation und das Gefängnis angegriffen. „Ohne den geringsten Widerstand zu leisten“, sagt Kabiru Hassan, „rannten unsere Beschützer davon.“

Die Okkupation sei schrecklich gewesen, berichtet Garga. Doch von den üblichen Horrortaten aus Hochburgen militanter Islamisten – Hinrichtungen, öffentlichen Auspeitschungen – habe er nichts mitbekommen. Die Besatzer hätten die Bürger zur Einhaltung strikter islamischer Regeln angehalten, alle Wahlplakate mit schwarzer Farbe übermalt und vor allem: geklaut. Garga teilt die Sektenmitglieder in drei Kategorien ein: ideologische Fanatiker, an ihren langen Bärten und den nur an die Knöchel reichenden Hosen zu erkennen; gemeine Kriminelle, weniger an Religion als an Beutegut interessiert; zur Mitgliedschaft gezwungene Entführte, die tun, was ihnen befohlen wird. Allen Sektenmitglieder wird ein Mal am Rücken eingebrannt. Es macht sie zu Ausgestoßenen, die keiner Gnade würdig sind.

„Er hat sein Recht auf Leben verspielt“

Im vom Ausnahmezustand beherrschten Nordosten Nigerias räumt kaum jemand ein, einen Boko-Haram-Kämpfer persönlich zu kennen. Doch Abbas Sani, 27, aus dem eine Autostunde von Mubi entfernten Gombi kennt zumindest ein Sektenmitglied so gut wie keinen anderen: Sein älterer Bruder Abubakar, mit dem er als Schreiner arbeitete, schloss sich vor neun Jahren überraschend den Extremisten an. Der heute 32-Jährige sei ein eher stiller Geselle gewesen, der es mit der Religion etwas ernster nahm, sagt Abbas. Doch dass Abubakar schließlich in den Fängen der Sekte landete, könne er sich nur mit dem schlechten Einfluss eines seiner Freunde erklären. Als Boko-Haram-Kämpfer Ende vorigen Jahres auch Gombi überrannten, stand Abbas plötzlich vor dem Elternhaus dem verlorenen Bruder gegenüber. Er habe nichts zu befürchten, beruhigte ihn Abubakar. In umgekehrten Rollen würde er seinen Bruder heute niederschießen, sagt Abbas: „Er hat sein Recht auf Leben verspielt.“

Zumindest über die Ursprünge der Sekte herrscht unter Experten Übereinstimmung:. Ihr Gründer Mohammed Yusuf wetterte zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht nur gegen die Verwahrlosung der religiösen Sitten, sondern auch gegen die zum Himmel schreiende Armut im Norden Nigerias, gegen den obszönen Reichtum einer kleinen Elite und die schamlose Korruption:, dem Grund für die Kluft in der zutiefst zerrütteten Gesellschaft. „Ohne Armut, Korruption und die miserable Regierungsführung hätte es die Sekte nie gegeben“, meint Kemi Okenyodo, Chef einer Menschenrechtsorganisation. Ein Anwärter auf das Gouverneursamt machte sich die Dienste der meist jugendlichen Sektenmitglieder zunutze und versprach ihnen im Falle seines Wahlsiegs Jobs und Einfluss. Als er die Versprechen nach seinem Sieg nicht einhielt, zogen die erzürnten Fanatiker auf die Straße. Ihren Protest schlugen die Sicherheitskräfte mit äußerster Brutalität nieder. Yusuf wurde verhaftet und im Gefängnis ermordet. Unter seinem Nachfolger Abubakar Shekau erlebte die Sekte einen gravierenden Wandel. Für den aufbrausenden Shekau spielen politische oder soziale Probleme gar keine Rolle mehr. Er propagiert den Terror.

Etwas musste getan werden

Vor gut einem Jahr nahm dieser Terror neue Dimensionen an; ein Jahr also vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 14. Februar, deren Ausgang so ungewiss ist. Die Sekte massakrierte Internatsschüler und entführte Hunderte von Abiturientinnen, um sie als Sexsklavinnen zu halten. Zehnjährigen Mädchen wurden Sprengstoffgürtel um den Bauch gebunden, die sie auf Marktplätzen zündeten, während die Milizionäre Dorfbewohner töteten, ganz gleich, ob es sich um Christen oder Muslime handelte. Binnen eines Jahres sollen im Nordosten Nigerias mehr als 5000 Menschen umgekommen sein. Gegenwärtig sind es durchschnittlich 27 Tote pro Tag, das ist der blutigste Konflikt in Afrika. Als die Sekte erklärte, im Zentrum des Kontinentes einen Islamischen Staat zu errichten, schreckte auch das westliche Ausland auf. Etwas musste getan werden. Aber was?

Als größtes Problem der Boko-Haram-Bekämpfer stellte sich Nigerias Militär heraus. Sämtliche Waffen, die der Armee zur Verfügung gestellt werden, drohen der Sekte in die Hände zu fallen. Die acht Milliarden Dollar, die Nigerias Regierung offenbar zusätzlich in die Streitkräfte pumpte, versickerten. Lange schon wird den Generälen in einem der korruptesten Staaten der Welt vorgeworfen, den Konflikt im Boko-Haram-Land sogar noch zu schüren: Nur so fließen die Extra-Gelder, die die Offiziere dann absahnen könnten. Insider-Berichten zufolge sind die Soldaten an der Front in jeder Hinsicht ausgehungert. Nicht selten würden sie nur mit einer Handvoll Munition in den Kampf geschickt und müssten gelegentlich ihre Uniformen und Stiefel selber kaufen. „Nigerias Streitkräfte sind ein Schatten ihrer selbst“, klagt Muhammadu Buhari, ein Ex-General und der Herausforderer des amtierenden Präsidenten Goodluck Jonathan bei den Wahlen. Und das sei so gewollt.

Auf einer Wahlkundgebung im Stadion von Yola sieht sich Präsident Goodluck Jonathan gezwungen, fast seine gesamte Redezeit dem Vorwurf zu widmen, dass auch er und seine Partei von den Umtrieben der Sekte profitieren. Denn wegen der unsicheren Lage im Nordosten des Landes können zahllose Vertriebene nicht zu den Wahlurnen gehen – und die Region gilt als Hochburg der Opposition. Allah möge all jenen vergeben, die eine derartig böswillige Unterstellung verbreiteten, erklärt Jonathan, ein Christ, und gibt sich empört. Um seine in der Öffentlichkeit vermisste Betroffenheit über den Terror der Sekte Ausdruck zu verleihen, bittet der Präsident um eine Schweigeminute. Schließlich verspricht Jonathan den Bewohnern Yolas, deren Zahl sich durch die über 300.000 Vertriebenen aus dem Umland verdoppelt hat, dass der Terror bald ein Ende haben werde. Zumindest darin, sagen Beobachter, habe der Präsident vermutlich Recht.

Zaubermittel im Täschchen

Besuch bei der Bürgerwehr in Yola Nord, dem Volkssturm von Nigeria. In einer Baracke haben sich acht vom Leben gezeichnete Männer in selbst genähten Uniformen eingefunden. Stolz präsentieren sie als Waffen Pfeil und Bogen, die im Ernstfall mit Gift angereichert werden, sowie selbst gebastelte Gewehre, deren Läufe einst als Lenksäulen von Landrovern dienten. Statt Schrot verwenden sie zerstoßenes Blei aus Autobatterien, und um die Brust haben sie mit Zaubermitteln gefüllte Täschchen hängen. Ein ordentliches Mitglied der Bürgerwehr, ein Vigilant, werde auch aus nächster Nähe nicht von einer Kugel getötet, versichert Kommandant Abdullahi Ajiya. Die Kugel fliege vielmehr zurück, um den Schützen zu töten; keiner seiner Männer sei jemals ernsthaft zu Schaden gekommen.

Sie waren es, die Mubi befreiten. Die Bürgerwehrleute, die sonst unentgeltlich die Polizei unterstützen, hatten die Sache mit Boko Haram irgendwann satt. Mit 13 Mann und Gruppen von Vigilanten aus anderen Teilen der Provinz machte sich Kommandant Ajiya am 29. November Richtung Mubi auf – das einzige, was sie gestellt bekamen, war ein Lastwagen der Provinzregierung. Kurz vor Mubi ließen sie sich von Soldaten die Lage erklären, die ihnen beim Angriff dann den Vortritt überließen. Über Nacht marschierte die Bürgerwehr mit ihren Vorderladern auf die Hauptstadt des islamischen Reiches vor, die in Panik fliehenden Sektenmitglieder vor sich hertreibend. Sie hätten acht der Fanatiker getötet und zwei gefangen genommen, berichtet Ajiya, bevor sie am nächsten Tag von Mubis jubelnder Restbevölkerung in Empfang genommen wurden.

Schuldirektor Garga war einer der Ersten, der die Befreier begrüßte. Er hat beobachtet, dass sich mittlerweile auch die Moral und die Ausrüstung des Militärs verbessert: „Die Soldaten machen inzwischen einen viel enthusiastischeren Eindruck.“ Ein ehemaliger US-Marine, der für die Sicherheit einer privaten Universität in Yola sorgt, sagt, er gehe jede Wette ein, dass in ein paar Wochen keiner mehr über Boko Haram auch nur reden werde. Dann seien schließlich auch die Wahlen vorbei. und keiner brauche die Aufwiegler mehr.